Der Kampf um die Fertigstellung von Nordstream 2 geht in eine neue Runde: Mittlerweile hat die Stiftungsaufsicht die Rechtsfähigkeit der umstrittenen Umweltstiftung anerkannt, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Energieminister Christian Pegel (SPD) der "Schweriner Volkszeitung". Diese könnte damit nunmehr auch den Bau der Ostsee-Gaspipeline fördern.

Zeitgleich plant die US-Regierung, erstmals Sanktionen wegen der deutsch-russischen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 verhängen. Die Strafmaßnahmen sollten an diesem Dienstag (Ortszeit) verkündet werden und das am Pipeline-Bau beteiligte russische Verlegeschiff "Fortuna" betreffen, hatte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums bestätigt.

Ist die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 aber nötig, um die Energieversorgung zu sichern und den Umbau des Energiesystems abzufedern? Es gibt erhebliche Zweifel, aber auch Pro-Argumente. So lautet ein Argument für den Bau der Pipeline. Erdgas sei eine Übergangslösung, um die Energiewende zu schaffen und schließlich die Klimaneutralität zu erreichen. Manuela Schwesig, SPD-Landeschefin Mecklenburg-Vorpommerns, hat es kürzlich wieder bemüht: Weil Deutschland aus Atomenergie und Kohlekraft aussteige, "brauchen wir neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien auch Gas als Übergangstechnologie".

Importe nicht nötig, aber doch günstig

Die EU und Deutschland könnten ihren Bedarf an Erdgas aber jederzeit decken, heißt es in einem kürzlich veröffentlichten Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin im Auftrag des Naturschutzbundes. Die zusätzliche Pipeline brauche man dafür nicht, schreiben die Energie-Expertinnen Franziska Holz und Claudia Kemfert. Schon jetzt seien genug unterschiedliche Quellen vorhanden, etwa die Lieferungen aus den Niederlanden, Großbritannien, Norwegen, Nordafrika, die drei bestehenden Erdgas-Leitungen von Russland nach Zentraleuropa sowie potenziell das Flüssiggas aus den USA. Ökonom Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln teilt diese Einschätzung: "Für die Versorgungssicherheit ist Nord Stream 2 nicht nötig."

Die Gegenposition nimmt Manuel Frondel, Wirtschaftsforscher beim RWI in Essen, ein: "Die Lieferungen aus den Niederlanden und Großbritannien werden zurückgehen." Norwegen könne das nicht ausgleichen. Grundsätzlich stünden zwar Alternativen zur Verfügung, etwa Frackinggas aus den USA, so Frondel. "Im Vergleich dazu dürften Importe aus Russland aber günstiger bleiben. Das rechtfertigt Nord Stream 2."

Diese Annahme jedoch relativiert IW-Forscher Schaefer: "Gas aus Russland ist nicht grundsätzlich günstiger als aus anderen Quellen." Ein größeres Angebot infolge von Nord Stream 2 könne aber die Preise insgesamt stabilisieren oder drücken. "Das wäre ein Vorteil für die Verbraucher, unter anderem für die energieintensive Industrie", meint der Forscher aus dem wirtschaftsnahen Institut.

Trotz Dekarbonisierung steigt Erdgas-Bedarf erstmal

Und wie sieht es mit der Rolle von Erdgas in der Energiewende aus? Franziska Holz und Claudia Kemfert vom DIW erklären, dass im Zuge des Abschieds von den fossilen Energien bis 2050 logischerweise auch der Verbrauch von Erdgas gegen Null sinke. Mehr und mehr werde Elektrizität aus regenerativen Quellen und mit deren Hilfe produzierter "grüner" Wasserstoff den Bedarf decken.

"Trotz der Dekarbonisierung der europäischen und deutschen Energieversorung muss Erdgas vorübergehend einen höheren Beitrag leisten als heute", betont dagegen der Essener Manuel Frondel. "Wenn die Atomkraftwerke in zwei Jahren und die Kohlekraftwerke bis 2038 abgeschaltet werden, brauchen wir mehr Erdgas, nicht weniger. Grüner Strom und Wasserstoff alleine können die Versorgungssicherheit nicht gewährleisten." Um das zu untermauern, verweist Frondel auf eine Greenpeace-Studie von 2017 zum Kohleausstieg, die eine größere Menge zusätzlicher Gaskraftwerke zur Stromerzeugung prognostiziert.

Dazu sagt IW-Ökonom Schaefer seinerseits: "Vielleicht nimmt der Verbrauch von Gas relativ betrachtet vorübergehend zu, weil Atom und Kohle zurückgehen. Die absolute Gasmenge wird in den nächsten 30 Jahren vermutlich aber nicht steigen, sondern irgendwann deutlich sinken."

Klimawirkung im Bereich von Kohle

Beide Seiten können Untersuchungen zitieren, die ihre Position stützen. Ob der Erdgas-Bedarf während der Energiewende im Vergleich zu heute nochmal zunimmt oder vom gegenwärtigen Plateau aus allmählich sinkt, hängt nicht zuletzt auch vom Tempo ab, mit dem Wind- und Solarkraftwerke, Stromspeicher und Wasserstoff-Fabriken hinzugebaut werden.

Als drittes Argument gegen Nord Stream 2 thematisiert das DIW die Klima-Auswirkungen von Erdgas. Vor allem beim Fördern des Rohstoffs aus der Erde werde Methan frei, das das Klima viel stärker schädigt als das Verbrennungsprodukt Kohlendioxid. Unter Umständen liege "die Klimabilanz ungefähr bei der von Kohle", so Franziska Holz und Claudia Kemfert. Heißt: Erdgas wäre keine vermeintlich saubere Brückenenergie, sondern eine Fortsetzung der Kohleverstromung unter anderem Namen.

Zwar gehen die wissenschaftlichen Folgenabschätzungen an diesem Punkt weit auseinander - viel Forschung ist noch nötig, um den Klimaeffekt von Erdgas genau zu bestimmen. Fest aber steht: Der Gegenwind für den Energieträger und damit auch für die Pipeline Nord Stream 2 nimmt zu.

Installation der Mikrotunnel von Nord Stream 2 bei Lubmin
Ob und wie der Bau von Nordstream 2 weitergeht - darüber gibt es nach wie vor eine scharfe Auseinandersetzung. (Copyright: Nord Stream 2 / Axel Schmidt)