Atomkraft
04.08.2016

Britische Premierministerin verärgert Peking

Illustration: bizz energy
Die Volksrepublik China will Weltmacht im Bau neuer Kernkraftwerke werden.

Theresa May legt die Pläne für das Kernkraftwerk Hinkley Point bis Herbst auf Eis. Die chinesische Regierung ist sauer: Sie hatte sich gute Geschäfte erhofft.

Großbritanniens neue Premierministerin Theresa May hat überraschend die Planung für das Atomkraftwerk Hinkley Point C bis Herbst auf Eis gelegt. Das kommt bei vielen Briten gut an, nicht aber in Peking. China finanziert das Projekt mit und hat es bereits als Durchbruch für das eigene Engagement auf dem weltweiten Nuklearmarkt gefeiert. Gerade erst warnte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua verschnupft vor einer Abkühlung der gegenseitigen Beziehungen aufgrund der „Verdächtigungen, die plötzlich aus dem Nichts kommen“.  May ist also dabei, sich den Unmut des großen Investors und Handelspartners China zuzuziehen – obwohl der nach dem EU-Austritt für Großbritannien eine immer wichtigere Rollen spiele dürfte.

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Bauherr des Projekts Hinkley Point ist der französische Atomkonzern EDF, doch der kann das Projekt selbst mit Hilfe aus London finanziell nicht stemmen. China steht bereit: Die Regierung in Peking sitzt auf drei Billionen Dollar an Devisenreserven, die sinnvoll angelegt sein wollen. Der Zugriff auf die Energieinfrastruktur anderer Länder erscheint der Regierung in Peking als gute Investitionen, um die eigenen Ambitionen als globale Wirtschaftsmacht voranzutreiben.

 

35 Milliarden Dollar für Kanadas Ölindustrie

Daten der US-Denkfabrik Heritage Foundation zufolge hat China weltweit in den vergangenen zehn Jahren über 395 Milliarden Dollar in den Energiesektor gesteckt. Die Ölfirmen des Landes haben sich beispielsweise an Kanadas Ölindustrie mit 35 Milliarden Dollar beteiligt. Einer Studie des World Resources Institute zufolge hat China im gleichen Zeitraum 40 Milliarden Dollar in 33 Ländern in alternative Energiequellen investiert. Das meiste Geld ist dabei an Solarprojekte gegangen.

Gleichzeitig will Peking aber auch zu einem weltweit respektierten Anbieter von Kernkraftwerken aufsteigen. Im ersten Schritt will das Land sich von ausländischen Anbietern der hochkomplexen Anlagen unabhängig machen, um dann eigene Technik auf den Weltmarkt zu drücken.

 

Peking glaubt an Weltmarkt für Kernkraft

Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt in Essex, das China im Gegenzug für seine Investments in Hinkley Point erhalten soll. In Essex will die China General Nuclear Power Group neben ein stillgelegtes Kraftwerk aus den 60er-Jahren eine funkelnagelneue Großanlage setzen. Hier sollen Reaktoren des Typs Hualong-1 mit einer Leistung von drei Gigawatt zum Einsatz kommen. In diesen Tagen beginnt im pakistanischen Karachi der Bau eines Meilers desselben Typs – ebenfalls großzügig vorfinanziert von China.

Die chinesische Regierung glaubt fest an die Kernkraft als eine Säule „sauberer Energie“. Der Nuklearsektor fällt in der chinesischen Einteilung unter die neuen, umweltfreundlichen Energiequellen, weil keine Kohlendioxidemissionen und keine Luftverschmutzung entstehen. Die Kernkraft steht damit in den Konzepten der Regierung Seite an Seite mit Sonne, Wind und Wasser.

Im eigenen Land will China rund hundert neue Reaktoren bauen, um das Energieproblem zu lösen. Angesichts einer steigenden Weltbevölkerung sieht Peking langfristig auch einen großen Weltmarkt für die Kernkraft. Reaktoren mit mehreren passiven und aktiven Sicherheitsstufen wie Hualong sollen die Technik den Plänen nach endlich sicher machen. Die Fukushima-Katastrophe im benachbarten Japan hat Peking zwar zu einer mehrjährigen Überprüfung der Pläne veranlasst. Doch nun gelten die Zweifel als ausgeräumt.

 

100.000 Unterschriften gegen Hinkley Point

In Großbritannien hatte Mays Vorgänger David Cameron 2015 einen Vertrag zur Mitfinanzierung des extrem teuren Kraftwerks Hinkley Point C durch chinesische Investoren abgeschlossen. Das Geschäft stand von Anfang an in der Kritik. Vielen Briten war es unheimlich, sich für Schlüsselprojekte von Peking abhängig zu machen.

Doch Cameron gab an, keine Wahl zu haben: Mit 18 Milliarden Pfund (gut 20 Milliarden Euro) handelt es sich bei dem Preis schon zu Planungsbeginn um die höchste Summe, die je für zwei Reaktoren veranschlagt war. Dazu kommt, dass solche Projekte in der Praxis oft deutlich teurer werden als geplant. Die EU-Kommission schätzte die Baukosten schon vor zwei Jahren auf 31 Milliarden Euro, erst vor wenigen Wochen wurden diese Schätzungen auch in Großbritannien übernommen. Den gesamten Kapitalbedarf veranschlagt Brüssel sogar auf 43 Milliarden Euro. Über 100.000 Briten haben eine Petition unterzeichnet, die den Stopp des Vorhabens fordert.

Finn Mayer-Kuckuk
Keywords:
Atomenergie | Kernenergie | Atomkraft | Kernkraft | China | Großbritannien | EDF | Theresa May
Ressorts:

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