Green Finance
19.04.2018

Brüssel bereitet Öko-Label für Finanzprodukte vor

Foto: Flickr/Takver
Protest von Klimaschützerinnen in Paris.

Wann ein Investment nachhaltig ist, dürfen Banken und Fonds momentan selbst bestimmen. Brüssel will das ändern – mit einem Aktionsplan für Green Finance. Die Pläne bergen erhebliches Konfliktpotenzial.

Brüssel macht Tempo: Schon im Herbst 2019 soll die Europäische Union nach exklusiven Informationen des Magazins bizz energy ein Öko-Label für Finanzprodukte einführen. Um den ehrgeizigen Zeitplan einzuhalten, will die EU-Kommission bereits im Mai die entscheidende Vorarbeit liefern – eine Klassifikation, die den Begriff Nachhaltigkeit klären sowie umweltfreundliche und emissionsarme Investitionen identifizieren soll.

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Mit ihren Plänen fährt die Kommission eine Doppelstrategie: Das EU-Kennzeichen für nachhaltige Finanzprodukte soll das Vertrauen der Anleger stärken und der Staatengemeinschaft einen grünen Investitionsboom bescheren. „Unsere Initiative soll die weltweite Attraktivität des europäischen Finanzsektors für Investitionen in grüne Technologien stärken“, sagt Klima- und Energiekommissar Arias Canete im Gespräch mit bizz energy.

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Investitionsdefizit schließen

Und sie soll mehr Geld in erneuerbare Energien und den Klimaschutz lenken. Die Kommission will damit nicht nur den kontinentaleuropäischen Finanzsektor stärken, der wegen des Brexit an Bedeutung verlieren wird. Sondern auch das seit Jahren immer größer werdende Investitionsdefizit in erneuerbare Energien schließen.

Das ist dringend nötig. In der EU klafft nach Berechnungen der Kommission eine Investitionslücke von jährlich 180 Milliarden Euro. Sie müsste geschlossen werden, um das Pariser Klimaziel von 40 Prozent weniger CO2 bis 2030 zu erreichen. „Das ist weit jenseits der Kapazitäten des öffentlichen Sektors“, räumt Canete ein.

Lage brisanter, als Brüssel zugibt

Doch die Lage ist noch brisanter, als Brüssel zugibt. Denn Investitionen in Klimaschutz und erneuerbare Energien sind EU-weit rückläufig. So gingen im wichtigsten Mitgliedsstaat Deutschland laut Bundeswirtschaftsministerium die Investitionen in Solar und Wind zurück: Von 25 Milliarden Euro 2010 auf 12 Milliarden im Jahr 2016. Die Ausgaben der Industrie für Klimaschutz stagnieren bei 2,5 Milliarden Euro jährlich.

„Ohne politischen Rückenwind werden Green Bonds weiter nur ein Nischendasein fristen“, sagt ein enger Berater von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu bizz energy. Green Finance ist für den ehemaligen Premier des Finanzplatzes Luxemburgs ein besonderes Anliegen. Er knüpft daran die Hoffnung, nach dem Ausscheiden Großbritanniens neue Finanzgeschäfte auf den alten Kontinent zu holen. Obwohl die Europäische Investitionsbank (EIB) schon 2007 die erste grüne Anleihe herausgab, erreichten Green Bonds erst 2015 ein Emissionsvolumen von 100 Milliarden Euro. In diesem Jahr könnten es nach EIB-Schätzungen 120 Milliarden Euro werden.

Konzerne schreiben Brief an Canete

Dabei hat das Thema Konjunktur. Immer mehr Anleger interessieren sich für Finanzprodukte, die Rücksicht auf die Umwelt nehmen oder direkt in den Klimaschutz investieren. So suchen Kirchen, Stiftungen und Pensionsfonds häufig händeringend nach ethisch und ökologisch unbedenklichen Anlagen. Auch der Industrie ist das Thema nicht gleichgültig. 20 weltweit agierende Konzerne forderten in einem Brief an Canete, die EU solle bei der Finanzierung des Klimaschutzes globale Führerschaft übernehmen. Immer mehr Fonds werfen Kohle-, Öl- und Gasaktien aus ihren Depots, um sie durch nachhaltigere Anlagen zu ersetzen – jüngst Norwegens Staatsfonds, dessen Mittel ironischerweise aus den Öl- und Gaseinnahmen des Landes gespeist werden.

Ein Grund für den mangelnden Durchbruch grüner Finanzprodukte ist das Fehlen eines verlässlichen Regulierungsrahmens. Jeder Anbieter kann derzeit selbst definieren, was nachhaltig ist. Um sich ein grünes Etikett umzuhängen, reicht es oft schon, Investitionen in Rüstung, Pornografie, Glücksspiele, Tabak und Atomenergie auszuschließen. Zudem scheuen sich Banken und Fonds immer noch, ihren Kunden grüne Finanzprodukte anzubieten. „Auf Grund des höheren Verwaltungs- und Beratungsbedarfs sind sie kostspieliger“, konstatiert Professor Martin Faust von der Frankfurt School of Finance and Management. Deswegen stellten die Banken sie nicht in ihr Schaufenster.

Den Investoren aufwändige Recherchen ersparen

Fehlende Akzeptanz und hohe Kosten will Brüssel vor allem mit zwei Initiativen des Aktionsplans angehen. Das Öko-Label für Finanzprodukte soll es Investoren erleichtern, nachhaltige Anlagen zu erkennen, ohne selbst aufwändige Recherchen anzustellen. Und geänderte Rechenschafts- und Eigenkapitalregeln sollen dämpfend auf die Preise grüner Wertpapiere einwirken. Die Kommission umschreibt es vorsichtig mit „Vorsichtspflichten institutioneller Anleger und Vermögensverwalter“ sowie „Feinabstimmung der Kapitalanforderungen für Banken“.

Danach sollen Banken und Fonds bei Investitionsentscheidungen stärker Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigen und darüber Rechenschaft abgeben. Dafür erhalten sie einen Bonus auf das Eigenkapital, das Institute vorhalten müssen, um Ausfälle ohne schädliche Folgen für den europäischen Finanzsektor verkraften zu können. Die Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Standards erhöhe den Erfolg grüner gegenüber konventionellen Anlagen und rechtfertige deshalb unterschiedliche Eigenkapitalvorschriften, so der Juncker-Berater.

Die Pläne bergen allerdings erhebliches Konfliktpotenzial. Dies könnte den ehrgeizigen Zeitplan der Kommission gefährden. Denn kein Unternehmen und kein institutioneller Anleger möchte als nicht nachhaltig abgestempelt werden. Die Lobbyisten dürften bei den Finanzpolitikern in Brüssel Schlange stehen.

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Norbert Mühlberger
Keywords:
Green Finance | erneuerbare Energien | EU | Brüssel | Aktionsplan
Ressorts:
Finance

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