Energiepolitik
04.05.2018

Bulgarien am Scheideweg: Kernkraft oder Ökostrom?

Foto: Creative Commons/Annbovea
Der Windpark Vetrocom in Nachbarschaft des sozialistischen Busludscha-Denkmals in Zentralbulgarien

Bulgarien erleichtert per Gesetz den Ausbau der erneuerbaren Energien. Zugleich erwägt die Regierung, ein 2012 auf Eis gelegtes Kernkraftwerk-Projekt doch noch zu vollenden.

Immer öfter bringt Bulgariens rechtskonservative Regierung einen Neustart des gestoppten Kernkraftwerk-Projekts bei Belene an der Donau ins Gespräch. Andererseits hat die Regierungsmehrheit im Parlament gerade mit einer Novellierung des Energiegesetzes den Handel mit Strom aus erneuerbaren Energien auf eine neue Grundlage gestellt: Betreiber von Windparks, Solarparks, Wasser- oder Biomassekraftwerken  ab vier Megawatt Kapazität müssen ihren Strom künftig über die bulgarische Energiebörse IBEX vertreiben. Die Differenz zwischen dem dort erzielten Preis und dem staatlich garantierten Mindestpreis erhalten sie vom Staat erstattet.

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Die Gesetzesänderung gilt als wichtiger Schritt zur Integration der bestehenden Ökostrom-Erzeugung in den liberalisierten Strommarkt. Eine weitere Gesetzesnovellierung soll zusätzlich den Ausbau der erneuerbaren Energien stimulieren. Sie sieht vor, dass Projektentwickler frühzeitig Langfristverträge mit industriellen Abnehmern abschließen dürfen, um diese dann Banken als Sicherheiten für Kredite anbieten zu können. Die aktuellen Gesetzesinitiativen stoßen nach Angaben von Regierungsvertretern in der Branche auf Zustimmung. Demnach plant ein ausländischer Investor derzeit die Errichtung eines Windparks mit einer Kapazität von 35 Megawatt (MW).

 

19 Prozent Strom aus Erneuerbaren

 

Die Abnahme von Ökostrom zu attraktiven Mindestpreisen durch die staatliche Energiekommission NEK hatte in Bulgarien in den Jahren 2010 bis 2012 zu einem Boom regenerativer Energien geführt. Heute bezieht das Land nach offiziellen Angaben knapp 19 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Demnach hätte es seine gegenüber der EU-Kommission eingegangene Zielverpflichtung eines Anteils regenerativer Energien von 16 Prozent am Gesamtenergieverbrauch zum Jahr 2020 mehr als erfüllt. Ökostrom-Anlagen stellen 43 Prozent der bulgarischen Kraftwerkskapazität von zwölf Gigawatt. Installiert sind Windparks mit einer Kapazität von 700 MW, Photovoltaikanlagen mit 1000 MW, Wasserkraftwerke mit 3200 MW und Biomasseanlagen mit knapp 100 MW.

 

Bürgerproteste gegen hohe Strompreise im Jahr 2013 veranlassten die Regierung aber zu repressiven, teils rückwirkenden Maßnahmen, die den Ausbau der erneuerbaren Energien zum Erliegen brachten. Die aktuellen Gesetzesänderungen eröffnen der Branche nun neue Perspektiven. Der staatliche Übertragungsnetzbetreiber ESO prognostiziert bis zum Jahr 2027 Neuinstallationen von Erneuerbaren-Kraftwerken in Höhe von 401 MW, darunter 141 MW Windenergie, 161 MW Photovoltaik, 64 MW Biomasse und 35 MW Wasserkraft.

 

Damoklesschwert Belene

 

Doch über all dem hängen wie ein Damoklesschwert die Überlegungen der Regierungen, das bisher erst teilweise errichtete Kernkraftwerk Belene doch noch fertigzustellen. Das Projekt stammt aus den 1980er Jahren und wird auf Investitionskosten von rund zehn Milliarden Euro geschätzt. 2008 erhielt der deutsche Energiekonzern RWE den Zuschlag als Betreiber, 2012 wurde das Vorhaben jedoch verworfen. Sollte die Regierung es tatsächlich wieder aktivieren, fürchten Umweltschützer unter anderem fatale Folgen für die Marktentwicklung bei erneuerbaren Energien. Bulgariens Energieministerin Temenuschka Petkova hat nun versprochen, bis Ende Juni Klarheit über die Zukunft des Kernkraftwerks Belene zu schaffen.

 

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Frank Stier
Keywords:
Bulgarien | Energiepolitik | Kernenergie | erneuerbare Energien
Ressorts:
Governance | Markets

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