Die Netzbetreiber und Aufsichtsbehörden in Mitteleuropa, darunter auch die Bundesnetzagentur, haben sich für die Auftrennung des deutsch-österreichischen Strommarktes entschieden. Laut einem Schreiben der Regulierer und Übertragungsnetzbetreiber, das bizz energy vorliegt, sprachen sich dafür mit Ausnahme Österreichs alle Beteiligten aus, die gemeinsame Preiszone aufzuheben. Dem Dokument zufolge könnte es schon 2018 soweit sein. Bislang gelten im Marktgebiet Deutschland-Österreich einheitliche Strompreise. In Österreich wären nach der Auftrennung höhere Strompreise als in Deutschland wahrscheinlich.
 
Die europäische Stromnetz-Regulierungsbehörde ACER hatte auf Druck Polens eine Untersuchung eingeleitet, ob das gemeinsame Marktgebiet von Österreich und Deutschland funktioniert und war im September zu dem Schluss gekommen, dass es erhebliche Störungen auslöst. Das Problem: Die physischen Kapazitäten an der Grenze reichen nicht aus, um die Strommengen zu transportieren, die zeitweilig gehandelt werden. Das verursacht sogenannte Ringflüsse, unkontrollierte Stromflüsse um Deutschland und Österreich herum, die besonders in Osteuropa immer wieder für Unmut sorgen und dort Kosten verursachen und die Netzsicherheit gefährden. Zudem verursacht der Ausgleich von Ungleichgewichten auch den deutschen Netzbetreibern erhebliche Kosten.
 
Die Regulierungsbehörden haben keine gemeinsame Position gefunden
 
Die Regulierungsbehörden hatten nach der Untersuchung durch ACER vier Monate Zeit, eine gemeinsame Position zu finden. Das ist nicht gelungen. "Die Beteiligten, mit Ausnahme von E-Control und APG, stimmen darin wie von den Regulierungsbehörden vorgeschlagen überein, dass auch an der deutsch-österreichischen Grenze Kapazitäten kalkuliert und zugeteilt werden sollen", heißt es in dem Schreiben wörtlich. E-Control ist die österreichische Regulierungsbehörde, APG der dortige Übertragungsnetzbetreiber.
 
Bislang müssen sich Stromhändler in Deutschland und Österreich nicht mit den tatsächlichen Kapazitäten an der Grenze befassen, sondern können das gemeinsame Gebiet als "Kupferplatte" begreifen, auf der Strom frei fließen kann. In Zukunft würde der Handel unterbrochen, wenn die Kapazitäten ausgeschöpft sind. Die Grenzkuppelleitungen können etwa 5,5 Gigawatt (GW) transportieren, die Handelsströme überschreiten allerdings zeitweise 10 GW. Bis März soll laut dem Schreiben ein Zeitplan für die Neuregelung der Marktzonen ausgearbeitet werden.
 
Bislang profitiert Österreich vom Erneuerbaren-Ausbau in Deutschland und den daraus zeitweise sehr niedrigen Strompreisen
 
Österreich profitiert bislang von zeitweise äußerst niedrigen Strompreisen im gemeinsamen Markt, die durch den Ausbau fluktuierender erneuerbarer Energien in Deutschland entstehen. Wenn zum Beispiel Windkraftanlagen in Norddeutschland viel Strom produzieren, sinkt auch in Österreich der Preis entsprechend. Dort wird dann mehr Strom verbraucht oder ins Ausland weitergeleitet, teure Kraftwerke gehen vom Netz. Doch die Kapazitäten reichen nicht aus, um den Strom tatsächlich nach Österreich zu bringen. Auch innerhalb Deutschlands gibt es Engpässe, die sogar noch ausgeprägter sind. Deshalb hatten verschiedene Studien zum Thema meist die Aufspaltung Deutschlands in ein nördliches und ein südliches Marktgebiet untersucht.
 
Schon die Abkopplung von Österreich würde allerdings die Stromnetze bereits erheblich entlasten. So geht die Bundesnetzagentur davon aus, dass die Reservekapazitäten der Netzbetreiber, das sind Notkraftwerke, die bei Netzproblemen einspringen können, dann erheblich reduziert werden können. Jahrelang hatte sich die Bundesnetzagentur für den gemeinsamen Markt stark gemacht, war zuletzt aber umgeschwenkt.
 
In Österreich hat das erhebliche Irritationen zur Folge, denn dort werden stark steigende Strompreise befürchtet. E-Control hat Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. Die Netzaufsichtsbehörde glaubt, dass ACER seine Kompetenzen überschritten hat und nur eine nichtbindende Empfehlung abgegeben hat. Es ist allerdings unklar, ob sich E-Control unabhängig von ACER dagegen wehren kann, wenn die anderen Netzbetreiber den Markt auflösen wollen. Zu den Unterzeichnern des Briefes an ACER gehören alle Regulierer und Netzbetreiber aus dem mitteleuropäischen Raum, darunter Tschechien, Polen, Ungarn, Slowenien und die Slowakei.
 
"Rückschritt für die Integration des europäischen Energiemarktes"
 
Severin Fischer, Experte des Center for Security Studies in Zürich, sieht in der Abtrennung Österreichs vom deutschen Strommarkt einen "Rückschritt für die Integration des europäischen Energiemarktes". Es habe sich gezeigt, dass der Netzausbau sowohl innerhalb Deutschlands als auch an den Grenzen so weit hinterherhinke, dass die Märkte nicht mehr funktionieren würden. "Das Problem löst man nun auf Kosten der Österreicher", so Fischer.
 
Streit gibt es laut dem Brief zudem um die Frage, wer in Zukunft die Kosten für grenzübergreifende, netzstabilisierende Maßnahmen tragen muss. Der polnische Regulierer und der Netzbetreiber wollen, dass dafür der Verursacher allein aufkommt. Die Bundesnetzagentur setzt sich hingegen dafür ein, dass die Kosten aufgeteilt werden und schlägt einen komplizierten Schlüssel dafür vor.
(foto: 50Hertz)