Im Streit zwischen dem aus Ökostrom hergestellten "grünen" Wasserstoff und dem Wasserstoff auf konventioneller Strombasis spricht sich eine jetzt veröffentlichte Studie von Enervis Energy Advisors dafür aus, die strommarktbasierte "bunte" H2-Erzeugung schnell hochzufahren.  "Bunter" Wasserstoff sei über den Zeitraum von 2030 bis 2050 "deutlich günstiger" als Wasserstoff, der per Elektrolyse direkt an Erneuerbaren-Anlagen gewonnen wird, begründet die im Auftrag der Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE erstellte Studie. Ursache sei, dass ein Elektrolyseur, der am Stromnetz hänge, deutlich mehr Einsatzstunden habe als einer, der direkt mit einer Erneuerbaren-Anlage verbunden sei. Zudem entfielen Transportkosten, die mit Elektrolyse an einer Erneuerbaren-Anlage verbunden sind.

Zwar werde, räumt die Studie ein, "bunter" H2 noch zu Beginn der 2030er Jahre eine höhere CO2-Intensität aufweisen. Diese werde jedoch mit dem massiven Ausbau der  Erneuerbaren ab Mitte der 2030e Jahre "drastisch" sinken. "Mittel- bis langfristig kann 'bunter H2' auch als weitgehend dekarbonisiert bezeichnet werden", fassen die Studienautoren zusammen.

Strommarktbasierter "bunter" Wasserstoff könne, so die Enervis-Studie weiter, den industriellen H2-Bedarf in Deutschland und Europa "langfristig hundertprozentig" decken. Sich auf H2-Erzeugung direkt an Erneuerbaren-Anlagen zu beschränken sei betriebs- als auch volkswirtschaftlich teurer.

Aus Sicht des Vorsitzenden der Stiftung Arbeit und Umwelt sowie der IG BCE, Michael Vassiliadis, wird es auf mittlere Sicht den benötigen "grünen" Wasserstoff nicht in den Größenordnungen geben, um die "gigantischen Mengen" an Wasserstoff bereitzustellen, mit denen energieintensive Industrien wie Chemie oder Stahl klimaneutral werden können. "Wir müssen daher zumindest zu Beginn des Transformationsprozesses die Farbenlehre erweitern und dürfen vor 'buntem" Wasserstoff nicht zurückschrecken", sagt Vassiliadis.

"Keine Lebenselixier" alter Energieproduktion

Der Markthochlauf mit "buntem" strommarktbasiertem Wasserstoff schließe explizit auch Strom aus Gas, Kohle und Atom ein, kritisiert der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) den Vorschlag der IG BCE.  Das lehnt der BEE strikt ab. "Wasserstoff darf nicht als Lebenselixier einer klimaschädlichen Energieproduktion missbraucht werden", erklärt BEE-Präsidentin Simone Peter.

Wie die Enervis-Studie hält es der Erneuerbaren-Verband für nötig, zur Bedarfsdeckung an grünem Wasserstoff die inländische Elektrolysekapazität deutlich hochzufahren. Peter: "Der in der nationalen Wasserstoffstrategie festgelegte Zielwert von fünf Gigawatt Elektrolyseleistung bis 2030 ist deutlich zu niedrig". Hier müsse dringend nachgebessert werden. Besonders wichtig sei es, den geplanten Ausbau der Erneuerbaren um die Bedarfe für Wasserstoffelektrolyse zu erweitern.

Die Enervis-Studie beziffert für 2050 den gesamten europäischen Wasserstoffbedarf auf 2.015 sowie den deutschen Bedarf auf 450 Terawattstunden (TWh). Die Spannbreite der Prognosen, wieviel Wasserstoff Deutschland 2050 benötigt, ist allerdings noch sehr groß - nach bizz energy vorliegenden Literaturübersichten bewegen sich die Voraussagen zwischen 350 und 550 TWh.

Real in Betrieb sind in Deutschland derzeit 25 H2-Projekte mit einer Leistung von 32 Megawatt, weitere 19 mit einer Gesamtleistung von 760 Megawatt sind in Planung - alles in allem stellt das erst ein Sechstel der in der nationalen Wasserstoffstrategie vorgesehenen 5.000 Megawatt dar.

Die grüne Zukunft der Stahlindustrie könnte zunächst mit "buntem" Wasserstoff beginnen. (Copyright: Istock)