Gastbeitrag
06.09.2016

Chiles Geothermie in den Startlöchern

Foto: Gerard Prins; Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
Geysir im Tatio, Chile.

Am morgigen Donnerstag beginnt in Santiago eine der wichtigsten Renewables-Konferenzen Lateinamerikas. Die Themen reichen vom kürzlich für Chile angekündigten Solarstrom-Rekord bis zur Geothermie, die dort als schlafender Riese gilt, wie die Chile-Expertin Nuria Hartmann in ihrem Gastbeitrag schreibt.

Aus der deutschen Perspektive liegt Chile am anderen Ende der Welt. Und doch wirkt der Andenstaat in den letzten Jahren wie ein Magnet – insbesondere für Projektentwickler erneuerbarer Energien. Aus guten Gründen. Chile ist das wirtschaftlich stabilste Land Südamerikas. Und es verfügt über alle regenerativen Energieträger: Deren etablierteste Form ist die Wasserkraft, wobei Chile Anlagen mit einer Kapazität über 20 Megawatt (MW) zu den konventionellen Energien zählt. Ihr Anteil an Chiles Strommix beträgt 29 Prozent.  Weitere 12,7 Prozent steuern Wind- Solar- und Biomasse sowie kleine Laufwasserkraftwerke gemeinsam bei. Kürzlich verkündete die Firma Solarpack einen globalen Niedrigpreisrekord: Für 2,5 Cent pro Kilowattstunde will sie künftig in der Atacama-Wüste Ökostrom produzieren (hier lesen). 

Anzeige

Anzeige

Last but not least: Chile besitzt ein immenses, bis dato allerdings kaum genutztes Potential an Geothermie. Nationale Schätzungen gehen von einem theoretischen Potential von bis zu 16.000 Megawatt (MW) aus, über 3.000 MW davon gemäß aktueller Studien wirtschaftlich sowie technisch rentabel nutzbar. Die Geothermie-Vorkommen in Chile sind vulkanischen Ursprungs und weisen daher in relativ geringen Bohrtiefen relativ hohe Temperaturen auf – im geologischen Fachjargon Enthalpien genannt. Diese natürliche Ressource kann genutzt werden, um Strom und Wärme zu erzeugen – zum Beispiel zum Heizen und Klimatisieren.

 

Attraktiv hohe Stromkosten

Aus Investorensicht besonders attraktiv: Chile hat im regionalen Vergleich die höchsten Stromkosten und ist in hohem Maße von Importen abhängig, weil es selbst nur über verschwindend geringe konventionellen Ressourcen verfügt. Geothermie ist eine heimische Energiequelle und im Gegensatz zu Wind und Sonne konstant verfügbar.

Dennoch ist die Projektlandschaft in Chile bislang sehr übersichtlich, nicht zuletzt, weil es keinerlei staatlichen Subventionen gibt. Die Nutzung beschränkt sich daher bis dato auf touristische Attraktionen wie die Tatio-Geysire in der Atacamawüste und verschiedene Thermalquellen zum Baden.

Zur Stromproduktion wird Geothermie in Chile bisher noch nicht genutzt. Das liegt hauptsächlich an den hohen Anfangsinvestitionen. Zudem brauchen Projektierer zwingend eine gültige Konzession zur Exploration und Nutzung für das Gebiet, in welchem die Vorkommen liegen. Hinzu kommt die geringe Zahl lokaler Systemanbieter. Immerhin wird die erste große Geothermie-Anlage zur Stromerzeugung gerade gebaut, und zwar rund 100 Kilometer nordöstlich der Stadt Calama. Mit 4.500 Metern wird sie die höchstgelegene Anlage der Welt und soll ab 2017  jährlich 340 Gigawattstunden Strom liefern.

 

Mehr Zeit und Planungssicherheit

Um Anreize für die Ökostromerzeugung zu schaffen, führte Energieminister Máximo Pacheco im Juli bei der letzten Ausschreibung langfristiger Stromlieferverträge ab dem Jahr 2021 Flexibilitätsmechanismen ein, die speziell Erzeugern regenerativer Energien zugutekommen. Anstatt die Auktion drei Jahre vor Lieferbeginn durchzuführen, beträgt die Vorlaufzeit jetzt fünf Jahre, was Anbietern mehr Zeit für die Projektentwicklung lässt. Die Erhöhung der Stromlieferzeit von 15 auf 20 Jahre generiert mehr Planungssicherheit; bei unerwarteten Komplikationen der zugesicherten Versorgungsleistung sollen Ausnahmeregelungen gelten, um den Beginn der für 20 Jahre definierten Stromlieferung hinauszuzögern. Außerdem wurde die Ausschreibung in stündliche Energieblöcke unterteilt, was besonders der fluktuierenden Erzeugung von Solarstrom entgegenkommt. Prompt erhöhte sich die Anzahl der Anbieter von 38 auf 84 Unternehmen, aus denen neun Sieger hervorgingen - bis auf den Endesa-Konzern allesamt Projektierer erneuerbarer Energien – und der durchschnittliche Preis für den Auktionszuschlag fiel von zuvor 79,3 auf unter 48 Cent pro Kilowattstunde.

Im Bereich der Wärmenutzung  dokumentieren erste Projekte bereits das hohe Kosteneinsparpotential. So nutzt das südlich der Hauptstadt Santiago gelegene Weingut Viña Maquis geothermische Wärme zu Heiz- und Kühlzwecken mit Hilfe von Wärmepumpen und konnte so die Energiekosten signifikant senken. Das Projekt dürfte künftig in der Branche zahlreiche Nachahmer finden.

Moderne Bürogebäude wie die drei jeweils 23-stöckigen Türme Torres Titanium in Sandhattan, dem modernen Teil Santiagos, nutzen die natürliche Wärme der Erde zur Raumklimatisierung. Die Betreiber wollen damit 60 Prozent des alternativ benötigten Stroms einsparen und  die Energiekosten mindestens halbieren.

 

Optimale Bedingungen

Ein ähnliches System nutzt das chilenische Unternehmen Transoceánica in seiner Firmenzentrale und spart damit nach eigenen Angaben 80 Prozent der Energiekosten: Temperiertes Wasser aus 60 Metern Tiefe sorgt für Raumklimatisierung auf 6000 Quadratmetern.

Diese ersten Pilotprojekte zeigen: Geothermie in Chile ist wirtschaftlich rentabel. Die vorherrschenden hohen Enthalpien der Vorkommen über 120 Grad Celsius bieten optimale Bedingungen zur Stromerzeugung. Und aufgrund relativ geringer Bohrtiefen sind Projekte technisch einfacher umsetzbar als in Deutschland.

 

 

Gastautorin Nuria Hartmann.
Zur Person: Nuria Hartmann, geboren 1986 in Göttingen, ist seit Oktober 2015 Projektkoordinatorin der Konrad-Adenauer-Stiftung in Chile, mit Schwerpunkt Umwelt- und Klimapolitik. Zuvor arbeitete sie in Chile zwei Jahre bei der Unternehmensberatung Pwc als Senior Consultant im Bereich Nachhaltigkeit und Klimawandel. Nuria Hartmann hat an der Universität Köln auf Diplom Regionalwissenschaften Lateinamerika und VWL studiert. 2014 erschien ihr Buch: "Das EU ETS: Ein wirksames Klimaschutzinstrument?" 

 

Eine detaillierte Marktstudie von Nuria Hartmann zum Thema „Geothermie in Chile“ ist bei bizz energy Research (kostenpflichtig) erhältlich: research@bizz-energy.com

 

Keywords:
Chile | Geothermie | Energie | erneuerbare Energien | Geysire | Ausschreibungen | Maximo Pacheco | Enthalpien
Ressorts:

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy
Winter 2018/2019

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab sofort bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de

Das E-Paper ist erhältlich bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen