Neue Gasquelle
23.08.2017

China will „brennendes Eis“ aus dem Meer holen

Foto: Creative Commons/Wusel07
Methanhydrat vom Meeresgrund soll Bestandteil der chinesischen Energieversorgung werden

Methangas, vermischt mit Wasser, bildet unter Druck eine leicht entflammbare Substanz – die auf Jahrhunderte den Gasbedarf Chinas decken könnte. Deshalb soll es jetzt gefördert werden.

Der Name klingt wildromantisch, doch in der Sache geht es um knallharte Energieinteressen: China will am Meeresboden „brennendes Eis“ abbauen. Dabei handelt es sich um Methangas, dessen Moleküle in einen Käfig aus Wassermolekülen eingeschlossen sind. Der Fachausdruck für diese Struktur lautet „Methanhydrat“. Forscher schätzen, dass in Form dieser Substanz zweimal mehr fossiler Brennstoff vorliegt als in Form von Kohle, Öl und Erdgas zusammen.

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Die Existenz großer Mengen Methanhydrat auf dem Meeresgrund ist schon seit Anfang der Siebzigerjahre bekannt. Der Abbau hat sich nach bisheriger Vorstellung nicht gelohnt, da diese besonderen Verbindungen nur in großer Meerestiefe entstehen. China hat sich nun entschlossen, diese Ressource zu erschließen.

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Bohrung in 1300 Meter Tiefe

 

Der Nachrichtenagentur Xinhua zufolge fördern chinesische Wissenschaftler das brennende Eis seit Ende März versuchsweise im Südchinesischen Meer. Sie haben dazu in einer Tiefe von 1300 Meter den Meeresboden angebohrt. Jeden Tag beuten sie 16000 Kubikmeter des Stoffes aus. Sie sind dabei gezwungen, das Wasser noch in der Tiefe von dem Methan zu trennen. Denn bei normalen Druck ist das Gemisch instabil und das Methan verflüchtigt sich. Der chinesische Rohstoffminister Jiang Daming sieht bereits einen „entscheidenden Durchbruch für eine globale Energiewende.“

Klimaexperten sehen in dem Projekt dagegen die Fortsetzung eines Irrwegs. Die Erschließung neuer fossiler Energiequellen widerspreche dem Ziel, die Erneuerbaren zügig voranzubringen, kritisiert der World Wildlife Fund (WWF) in einer Studie. Ähnlich wie die Gewinnung von Schiefergas, also das Fracking, zögere der Abbau von brennendem Eis nur die überfällige Abkehr von fossilen Energieträgern hinaus. Der Treibhauseffekt wirke entsprechend länger.

 

25-mal schädlicher als Kohlendioxid

 

Nicht nur die Verbrennung von Methangas ist gefährlich, sondern auch die verlustreiche Förderung des brennenden Eises. Methan selbst ist als Klimagas rund 25-mal schädlicher als Kohlendioxid. Bei der Trennung des Wassers vom Gas entweicht immer auch ein Teil in die Atmosphäre, wo es seine besonders intensive Treibhauswirkung entfaltet.

Auch politisch sorgt das Pilotprojekt für Spannungen. China streitet sich seit Jahren mit Vietnam, den Philippinen, Malaysia und anderen Ländern um die Nutzungsrechte von Rohstoffen im Südchinesischen Meer. Bisher waren in der Praxis vor allem die Fischgründe in dem Seegebiet Gegenstand der Konflikte. Mit dem brennenden Eis wird nun erstmals deutlich, dass dort auch noch wertvollere Brennstoffe lagern.

 

Vorkommen schwer zu erreichen

 

Der Abbau gilt jedoch als sehr schwierig. Bisher haben vor allem Russland und Japan Techniken dafür entwickelt. Methanhydrat tritt am und im Meeresboden in Klumpen auf. Die Wassermoleküle schließen sich nur bei hohem Druck und niedrigen Temperaturen zu den Käfigen um das Methan. In warmen Gewässern geschieht dies erst ab einer Tiefe von mehreren hundert Metern. Der Wasserdruck ist hier bereits immens hoch – es ist schwer, an den Stoff heranzukommen.

Dafür ist der Abbau sehr ergiebig. Das Methan existiert in den Wasserkäfigen in hoher Dichte. Aus einem Kubikmeter brennbarem Eis lassen sich 160 Kubikmeter Methangas gewinnen. Der energiereiche Schlamm ist am Meeresgrund und unter dem Eis der Arktis nach Schätzung der Wissenschaftler recht häufig zu finden. Das erklärt die hohe Schätzung, dass sich mit der Nutzung von Methanhydrat die bekannten Vorkommen an fossilen Brennstoffen verdoppeln.

 

Szenario Importunabhängigkeit

 

China betreibt derzeit einen konsequenten Umbau der Energieversorgung weg von der Kohle und baut dafür Solar, Wind, Wasser und Atom sehr schnell aus. Fürs Heizen soll der erste Schritt jedoch der Umstieg auf Gasverbrennung sein, um die Luft rein zu halten. Der Kohlebrand gilt als Hauptverursacher des Smogs, der Chinas Großstädte an vielen Tagen im Jahr einhüllt und zunehmend zum politischen Problem wird. Eigene Methangasvorräte in den geschätzten Größenordnungen würden China auf viele Generationen von Importen unabhängig machen.

Als nächsten Schritt will China nun offenbar hochautomatisierte Fabriken in über 1000 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund verankern, um dort Methan aus dem brennenden Eis zu gewinnen. Das mag teuer klingen, doch die chinesischen Versorger geben schon seit Jahren routinemäßig Milliardensummen aus, um sich weltweit in den Zugriff auf Gasrechte einzukaufen. Da ist es ebenso Sinnvoll, schwer erreichbare Vorkommen vor der eigenen Haustür zu erschließen.

 

Lebensraum bedroht

 

Umweltschützer kritisieren jedoch auch die großtechnische Erschließung des tiefen Meeresbodens mit versenkbaren Raffinerien als Fehlentwicklung. Einem der letzten noch unangetasteten Lebensräume drohe damit nun auch die Verwüstung durch den Menschen.

Finn Mayer-Kuckuck, Peking
Keywords:
China | Methanhydrat | Xi Jinping | Methan
Ressorts:
Governance | Technology

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