Ausland
12.01.2017

China kappt Kohleproduktion in vielen Provinzen

Fotos: istockphotos.com/livechina
Mit Atemmasken schützen sich die Menschen in Peking gegen den Smog.

Hinter den Kulissen streiten Chinas Machthaber um das Für und Wider des Kohleausstiegs. Ein Zickzackkurs ist die Folge.

Halb Nordostchina hustet schon seit Mitte Dezember im Smog. Die jüngste Verlautbarung der Regierung klingt nun wie eine Antwort darauf: Die Kohleminen des Landes sollen in den nächsten Monaten deutlich weniger fördern. „Wir drosseln die Produktionskapazität derzeit durch aktive Maßnahmen“, erklärte Xu Shaoshi, Chef der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), am Dienstag in Peking. Im Jahr 2016 hat die Regierung laut Xu die Kapazität bereits um 250 Millionen Tonnen gesenkt.

Anzeige

Anzeige

Bis zum Jahr 2020 soll die Produktion aktuellen Plänen der NDRC zufolge dennoch leicht ansteigen. Derzeit liegt die Kapazität bei gut 3,5 Milliarden Tonnen pro Jahr, in fünf Jahren sollen es 3,9 Milliarden Tonnen sein, hatte die NDRC im Dezember mitgeteilt. Diese Angaben gehen davon aus, dass die Wirtschaft des Landes weiter schnell wächst. Selbst wenn die Nutzung effizienter wird und andere Energiequellen die Kohle zum Teil ablösen, steigt dieser Kalkulation zufolge der Bedarf.

 

Widersprüche unter den Behörden

Hinter den Kulissen sind sich Chinas Machthaber offenbar nicht ganz grün, wie es in der Energiewirtschaft weitergeht. Denn die Pläne der NDRC widersprechen einer Mitteilung der Nationalen Energieagentur NEA, einer konkurrierenden Behörde mit größerem Fokus auf Umweltschutz. Die NEA hat im Dezember ihre Einschätzung veröffentlicht, der chinesische Kohleverbrauch sinke bereits seit 2013.

In einem sind sich die Regierungsstellen jedoch einig: Die Qualität der Kohleproduktion soll deutlich ansteigen. Kleine Minen mit schlechten Arbeitsbedingungen schließen derzeit in rascher Folge. Die vorhandene Kapazität soll sich auf immer weniger große Betriebe konzentrieren, die gute Umweltbedingungen bieten und zudem mit höherem Maschineneinsatz sicherer arbeiten.

NDCR-Chef Xu betont dabei die soziale Komponente des Plans: Seine Behörde bereite sich darauf vor, auch weiterhin jährlich Hunderttausende neue Jobs für entlassene Bergarbeiter zu schaffen. Insgesamt seien im abgelaufenen Jahr in der Montanbranche 700.000 Arbeitnehmer nahtlos in neue Aufgaben übergeben worden.

 

Auf den Kohle-Boom folgt die Ernüchterung

In den zehn Jahren bis 2014 hatten in China viel zu viele Kohleminen eröffnet. Vor allem die hohen Preise im Boom um das Jahr 2007 herum haben Investitionen in den Bergbausektor als leichten Weg zum Reichtum erscheinen lassen. In den Jahren 2009 und 2010 hat die Regierung dann zusätzlich Konjunkturmilliarden in Form billiger Kredite freigesetzt. Ein guter Teil des Geldes ist erneut dem Rohstoffsektor zugeflossen.

Nach 2013 ist das Wachstum jedoch spürbar gesunken, während die Energieeffizienz dank technischer Neuerungen gestiegen ist. Die Hersteller saßen auf Überkapazitäten. Gerade die Staatsbetriebe haben sich nur noch als „Zombie-Unternehmen“ weitergeschleppt, so NDRC-Chef Xu.

Der mächtige Wirtschaftsplaner will die Untoten nun beerdigen lassen. Die Kohleherstellung und -nutzung soll sich außerdem in abgelegene Provinzen wie die Innere Mongolei und Xinjiang verschieben, um den Smog von Großstädten wie Peking fernzuhalten. Dazu kommt das Vorhaben, die schmutzigen Emissionen der Kohlekraftwerke bis 2020 um 60 Prozent zu senken. Alle neuen Anlagen sollen über moderne Brenntechnik und Filter verfügen. Jährlich werden sich dabei etwa 500 Millionen Tonnen Bergbau- und Verarbeitungskapazität von „veralteter“ zu „fortschrittlicher“ Technik hin verschieben, kündigte Xu an.

 

Zerrissen zwischen Sozial- und Umweltpolitik

Trotz der wohlklingenden Worte: China fährt derzeit in der Kohlepolitik einen Zickzackkurs. Erst im November hatte die Regierung Produktionsbeschränkungen gelockert, weil der Inlandspreis für Kohle gestiegen war. Steigende Preise toleriert Peking im Winter nur begrenzt, denn es sind gerade die Ärmsten, die noch mit Kohle heizen. Anfang 2016 hatte die Regierung verfügt, dass die Bergleute nur 276 Tage im Jahr arbeiten dürfen. Die neue Regelung hebt das Limit wieder auf 330 Tage an.

Grund des vermeintlichen Durcheinanders: Es widersprechen sich die Politikziele. China will wieder sozialer werden, aber zugleich sauberere Luft schaffen und die Industriestrukturen aufräumen. Bei dem Versuch, beides gleichzeitig zu erreichen, entstehen Abweichungen in der einen  oder der anderen Richtung. So lag die Entstehung der Zombie-Firmen überhaupt erst daran, dass die Regierung die Überkapazitäten im Sinne einer Stabilisierung der Wirtschaft zunächst toleriert hat.

Finn Mayer-Kuckuk, Peking
Keywords:
China | Kohle | Umweltpolitik | Sozialpolitik | Smog
Ressorts:
Governance

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen