Kolumne von Friedbert Pflüger
17.10.2012

Chinas Energie­imperialismus

Valentin Kaden

Die USA wollen Energieautarkie – und stärken damit China als dominierende weltpolitische Kraft der Zukunft.

Das 21. Jahrhundert wird das Zeitalter des Ressourcen- und Energieimperialismus. Im 20. Jahrhundert herrschte noch ein „Kampf der Ideologien“, wie es der Politologe Karl Dietrich Bracher formulierte; in absehbarer Zukunft wird ein mit allen Mitteln ausgetragener Kampf um die begrenzten Schätze unserer Erde die Weltpolitik prägen. 

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Im Kalten Krieg waren die Waffenarsenale in Ost und West der wesentliche Maßstab für die Kräfteverhältnisse. Heute entscheiden Wasserreservoirs und Staudammhöhen, der Zugang zu seltenen Erden oder Kupfer, vor allem aber die Öl- und Gasreserven über Macht und Ohnmacht von Staaten. Der „Kampf der Kulturen“, den Samuel Huntington als zentralen Nachfolgekonflikt des Kalten Krieges ausgemacht hat, erscheint heute als „Überbau“ des eigentlichen „Basis“-Konflikts um die knappen Ressourcen unserer Welt.  

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Sicher: Der Besitz von Bodenschätzen beeinflusste schon immer das Auf und Ab von Ländern und Regionen. So hätten beispielsweise die spanischen Konquistadoren unter Karl V. ohne die Reichtümer, die sie sich in Süd- und Mittelamerika aneigneten, kein Weltreich errichten können. 

Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und der dramatisch steigenden materiellen Ansprüche der Menschen und Nationen wird heute die Verfügungsgewalt über die globalen Ressourcen und Energiereserven noch wichtiger. Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris prognostiziert bis zum Jahr 2030 einen Anstieg der globalen Energienachfrage um 40 Prozent! Fast drei Viertel dieses Wachstums wird in Nicht-OECD-Ländern generiert. Allein der Verbrauch von Rohöl wird sich demnach bis 2030 um 30 Prozent erhöhen. Laut IEA ist diese Entwicklung weder unter dem Aspekt des Klimawandels, noch der Versorgungssicherheit nachhaltig. 

Trotz neuer Öl- und Gasfunde, moderner Fördertechnologien und der wachsenden Bedeutung der erneuerbaren Energien klafft eine gewaltige Lücke zwischen den verfügbaren Ressourcen der Welt und den meist legitimen Ansprüchen einzelner Länder zur Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Bürger. In der Folge werden die Verteilungskämpfe um die knappen Ressourcen härter.

China giert nach Energie und Rohstoffen

Im Mittleren Osten, in Zentralasien, in Afrika und Lateinamerika findet derzeit ein Wettlauf um Energiereserven und Ressourcensicherung statt. Neue Spieler sind hinzugekommen, die während des Kalten Krieges nur zuschauen konnten: Brasilien, Kanada, Australien, Indien und – weit vor allen anderen – China. 

Pekings Ausgreifen auf alle Kontinente ist die wichtigste geopolitische Veränderung der vergangenen zehn Jahre. China braucht für sein Wirtschaftswachstum gigantische Mengen an Energie und Rohstoffen, weit mehr, als im Reich der Mitte vorhanden sind. Und so agieren chinesische Staatskonzerne überall dort, wo es Öl, Gas, Kohle, Uran, Coltan, Lithium und andere strategische Rohstoffe gibt. Pekings Außenpolitik ist Energieaußenpolitik! 

Im Jahr 2009 wurde die Öl-Pipeline zwischen Kasachstan und China in Betrieb genommen. Im gleichen Jahr weihten der chinesische Präsident Hu Jintao und seine Kollegen aus Askabad, Astana und Taschkent die 1.833 Kilometer lange Erdgaspipeline von Turkmenistan ins Reich der Mitte ein; 40 Milliarden Kubikmeter Gas sollen jährlich hindurchgepumpt werden. Die Chinesen kaufen sich in den Öl- und Gasgesellschaften in Zentralasien ein, gewähren diesen Staaten großzügige Kredite und Entwicklungshilfe und senden zehntausende Wanderarbeiter. In weniger als einem Jahrzehnt haben sie so die bis dahin unangefochtene Rolle Russlands und der USA in der Region infrage gestellt.

Auch in Afrika und Lateinamerika sind chinesische Investoren, Händler, Ingenieure und Arbeiter mit enormer Zielstrebigkeit dabei, sich Bohr- und Förderlizenzen zu sichern sowie die Infrastruktur für den Abtransport der Bodenschätze auch aus den unwirtlichsten Regionen zu den nächstgelegenen Häfen zu bauen. 

China nimmt dabei keine Rücksicht auf die Menschenrechtslage in einzelnen Ländern: So ist Peking für die Regierung des Sudan eine Schutzmacht geworden und hat das Regime im UN-Sicherheitsrat wiederholt vor Sanktionen der Staatengemeinschaft wegen des Völkermords in Darfur bewahrt. Dieses Ausgreifen begleitet China mit einem entschiedenen Ausbau seiner (vor allem maritimen) Militärpräsenz und einem in der letzten Dekade aufgebauten System an Seestützpunkten. 

USA werden eigenes Gas exportieren – auch nach Europa

Dass Chinas Nachbarn, allen voran das ebenfalls unter Energieknappheit leidende Indien, diese ausgreifende Politik als Bedrohung empfinden, liegt auf der Hand. Auch die Europäische Union, Russland und die USA fühlen sich ernsthaft herausgefordert. Indien, Brasilien, Australien, Russland und auch die EU-Staaten spielen ihre Energie- und Rohstoffkarten regional aus. China aber dokumentiert eine neue Qualität. Jetzt entsteht ein Energieimperium – und zwar ein chinesisches.

Sicher: Kein Staatschef hat beim Wettlauf um Ressourcen je Samthandschuhe getragen. Nicht zuletzt die Vereinigten Staaten haben überall auf der Welt ihre Energieinteressen mit großer Entschlossenheit – und nicht selten mit militärischen Mitteln – durchgesetzt. 

Aber China ist neu im Club der großen „Player“ auf der energiepolitischen Weltbühne. Und die Bedrohung von Erbhöfen führt noch immer zu Konflikten. 

Womöglich wird China in absehbarer Zeit sogar der einzige globale Energieakteur sein. Die Vereinigten Staaten haben nämlich gute Chancen, bis zur Mitte des Jahrhunderts energieautark zu werden. Durch die Schiefergas-Revolution werden die USA schon in Kürze Gas exportieren, übrigens auch nach Europa. Die Reindustrialisierung in Nordamerika ist bereits in vollem Gang, dank eines Gaspreises, der zur Zeit etwa ein Viertel des europäischen Preises beträgt. Ähnlich großes Potenzial wird dem US-amerikanischen Schieferöl attestiert. Während die Welt im 21. Jahrhundert um die knappen Energieressourcen kämpft, könnten die USA in absehbarer Zeit große Schritte in Richtung Energieautarkie gehen. Das gilt insbesondere dann, wenn sie endlich ihre schlummernden Energiespar- und Effizienzpotenziale und ihre technologische Kompetenz bei erneuerbaren Energien nutzen. 

Was aber bedeutet eine energieautarke USA für die Welt? Wären die Bürger der Vereinigten Staaten dann noch bereit, Milliarden Dollar für Militär und Soldaten weit entfernt der Heimat auszugeben? Mit der wachsenden Energieautarkie und dem daraus fast zwangsläufig folgenden schrittweisen Rückzug der USA verbliebe China die dominierende weltpolitische Kraft.

 

Friedbert Pflüger ist Direktor des European Centre for  Energy and Resource Security (EUCERS) am King‘s College London. Er publiziert regelmäßig zu energiepolitischen Fragestellungen. Pflüger ist auch Vorsitzender des Arbeitskreises Rohstoffe der Atlantik-Brücke. Der frühere CDU-Spitzenpolitiker und Verteidigungs-Staatssekretär ist Geschäftsführender Gesellschafter zweier internationaler Unternehmensberatungen in Berlin.

 
Friedbert Pflüger
Keywords:
China | Gas | USA | Öl | Ressourcen
Ressorts:
Governance | Markets

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