Kolumne
07.06.2018

Neue Mobilität: China bestimmt die Regeln

Illustration: Sasan Saidi
Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des CAR-Center Automotive Research sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Nicht nur die Messe „Auto China“ strotzt vor Selbstbewusstsein. Auf vier Pfeilern steht die Strategie, mit der die Volksrepublik die Konkurrenz abhängt und eine neue Mobilitätswelt schafft.

Während der deutsche Verkehrsminister über Apps zum Melden von Funklöchern sinniert, arbeitet man in China am schnellsten Mobilfunknetz. Während Donald Trump Amerika mit Stahl und Öl wieder groß machen will, wird China zum Macher der neuen Mobilität. Im April hat das eindrucksvoll die Automesse „Auto China“ bestätigt: Während die Hersteller von Veranstaltungen wie der Frankfurter IAA oder dem Pariser Autosalon abwandern und die Detroit Motor Show auf der Kippe steht, expandiert die Messe in Peking.

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Bislang wurde Technologie-Erfolgsgeschichte meist von US-Firmen wie Apple, Amazon, Google, Facebook und Tesla geschrieben. Doch die Unternehmen aus dem Silicon Valley werden vorsichtiger, verlieren Unbekümmertheit und Tempo. Facebook kämpft mit Datenschutz-Problemen, bei Uber bremst ein tödlicher Unfall mit einem Roboterauto das autonome Fahren. In China dagegen wird schon die neue Mobilitätswelt ausgerollt.

Zentralregierung legt das Fundament

Chinas Strategie ruht auf vier Pfeilern: der immensen Größe des Automarktes, dem Durchbruch des Elektroautos, dem Mut chinesischer Internetkonzerne zum Roboterauto und der Dynamik von Mobilitätskonzernen à la Didi. Das Fundament dafür legt die Zentralregierung mit gewaltigen Infrastrukturinvestitionen und mächtigen Regeln.

Pfeiler eins: Fast 30 Prozent aller Neuwagen finden heute in China ihre Käufer. Noch vor dem Jahr 2030 dürften dort doppelt so viele Neuwagen verkauft werden wie in den USA. Chinesische Autos sind zudem schon lange keine billigen „Reisschüsseln“ mehr.

Pfeiler zwei: Geschickt nutzt die Kommunistische Partei ihre Macht für die Technologiewende hin zur Elektromobilität. Das erste leistungsfähige Elektroauto kam zwar von Tesla, das Potenzial der Elektroantriebe entfaltet sich aber in China, die Volksrepublik wird im enormen Tempo zum Industrieführer. Dabei helfen Quoten, die im Jahrestakt angehoben werden, ab dem Jahr 2019 etwa müssen schon zehn Prozent aller Neuwagen „New Energy Vehicles“ sein. China hat Zugang zu wichtigen Batterierohstoffen, verfügt über die weltweit größten Produktionskapazitäten für Zellen und steckt massiv Gelder in die Batterieforschung. Damit besitzt Peking den Schlüssel zum Elektroauto und verschafft sich gleichzeitig das Monopol zur Lösung des Klimaproblems im Mobilitätssektor.

Neues Leuchtturmprojekt

Pfeiler drei: Autonomes Fahren wird zu einem Leuchtturmprojekt Chinas. So, wie die Erfindung des Internets die Welt mit Anwendungen wie denen von Amazon, Google oder Facebook veränderte, werden Roboterautos die Mobilität revolutionieren. Zwar ist der Weg noch lang und die Silicon-Valley-Unternehmen haben etwas Vorsprung bei der Software, aber strenge Produkthaftungsregeln und hohe potenzielle Geldstrafen bremsen Unternehmen in den USA aus. Der chinesische Internet-Konzern Baidu hat derweil schon die Erlaubnis erhalten, in Peking Roboterautos fahren zu lassen. Regulierung erfolgt in China nicht durch zeitintensive demokratische Prozesse, sie wird auch nicht durch Klagen von Opfer-Anwälten verzögert. Im Fokus steht dabei vielmehr die Rolle als Industrienation.

Mit Apollo, einer Plattform für autonomes Fahren, setzt Baidu entscheidende Impulse zur Weiterentwicklung der Technologie. Mehr als 50 Partner sind daran beteiligt, darunter chinesische Autobauer wie BAIC, Changan, Chery, Dongfeng, FAW, Great Wall, JAC und NIO, aber auch ausländische Konzerne wie Nvidia, Intel, Bosch, Microsoft oder ZF. Apollo als zentrales Betriebssystem wird von Baidu als  „Android der autonomen Fahrindustrie“ bezeichnet. Parallel arbeitet der chinesische E-Commerce-Riese Alibaba an einem „City Brain“: Millionen Bewegungsdaten werden ausgewertet, um Verkehrsflüsse besser zu gestalten.

5G-Netz ist entscheidend

All dies braucht eine digitale Infrastruktur, die im staatlichen Auftrag von privaten Firmen ausgerollt wird. Das ist der vierte Pfeiler der chinesischen Strategie. Huawei etwa treibt den Mobilfunkstandard der fünften Generation (5G) voran, bis 2025 soll sich China zum weltweit größten 5G-Markt entwickeln. Auf dieser Grundlage wird der mit knapp 500 Millionen Nutzern weltweit größte Ride-Hailing-Konzern Didi Chuxing die mächtigste Plattform für individuelle Mobilität schaffen.

China bestimmt zunehmend die Regeln des Automarktes – und der neuen Mobilitätswelt. Wer da noch mithalten will, muss schneller werden.

Diese Kolumne stammt aus der neuen Ausgabe von bizz energy, die sich durchgängig mit dem Schwerpunkt Neue Mobilität befasst. Unser Magazin erhalten Sie bei unserem Abonnentenservice (Mail an bizz-energy@pressup.de) oder als E-Paper im iKiosk und bei Readly.

Ferdinand Dudenhöffer
Keywords:
China | Auslandsmärkte | Mobilität
Ressorts:
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