Klimaschutz
16.04.2019

CO2: Der Preis ist heiß

Foto: iStock
Das Kraftwerk Bełchatów in Polen ist Europas größtes Wärmekraftwerk und weltgrößtes Braunkohlekraftwerk.

Derzeit wird viel über den CO2-Preis diskutiert. Seit die EU eine Reform des Emissionshandels auf den Weg gebracht hat, steigen die Preise für CO2-Zertifikate. Doch reicht das für den Klimaschutz?

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Monika Morawiecka legt ihre Stirn in Falten. „Wir haben den Emissionshandel noch nie gemocht“, sagt die Strategiechefin des größten polnischen Energie-konzerns Polska Grupa Energetyczna, kurz PGE. Die jüngsten Entwicklungen allerdings sehe der Konzern mit Sorge. PGE betreibt zwei Braunkohletagebaue und mehrere Stein- und Braunkohlekraftwerke in Polen. Lange Zeit war das ein einträgliches Geschäft, gerade im Kohleland Polen. Das gewinnt noch immer 80 Prozent seines Stroms aus dem klimaschädlichen Energieträger.

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Solange die Preise für CO2-Zertifikate im Europäischen Emissionshandelssystem (ETS) niedrig waren, hatten Firmen wie PGE einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Da sie für ihre hohen CO2-Emissionen nur wenig zahlen mussten, konnten sie ihre Energie fast konkurrenzlos billig anbieten. Nun hat sich das Blatt gewendet. Die Zertifikatpreise sind seit dem vergangenen Jahr rapide gestiegen, der Preisvorteil der Kohle schwindet. „Das setzt uns unter Druck“, sagt Morawiecka.

Jahrelang war der Preis, den Energie- und Industrieunternehmen für ihren CO2-Ausstoß zahlen müssen, im Keller. Er pendelte um fünf Euro pro Tonne – viel zu niedrig, um Kohlekraftwerke unrentabel zu machen und die europaweite Energiewende voranzutreiben. Das Hauptproblem: zu viele Zertifikate auf dem Markt. Nun hat die EU eine neue Reform des ETS angepackt, die das chronische Überangebot abbauen und den sogenannten Wasserbett-Effekt abschaffen soll. Bislang führen CO2-Einsparungen in einem EU-Land oft zu Steigerungen anderenorts. Doch noch ist keineswegs sicher, dass die Reform alle Probleme löst, zumal es auch Spekulation am Markt für CO2-Zertifikate gibt. Klimaschutzexperten begrüßen zwar die Preisentwicklung. Sie befürchten jedoch, dass der Emissionshandel allein nicht ausreichen wird, um das Klima wirksam zu schützen.

Eckpfeiler der EU-Klimapolitik

Seitdem klar ist, dass die EU ernst macht, ist der Preis für die CO2-Zertifikate regelrecht durch die Decke gegangen. Er stieg zwischenzeitlich auf über 20 Euro. „Das hätte ich so nicht erwartet“, sagt Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Der Wissenschaftler macht sich seit Langem für eine wirksame CO2-Bepreisung stark. „Dass die Zertifikatpreise steigen, ist eine sehr erfreuliche Entwicklung“, meint auch Michael Angrick, Leiter der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt), der beim Umweltbundesamt angesiedelten zuständigen Verwaltungsbehörde. „Die Reform ist ein ganz großer klimapolitischer Erfolg.“

Ein Erfolg wird auch dringend gebraucht, denn der Emissionshandel ist nicht nur ein Klimaschutzinstrument unter anderen. Er ist der zentrale Eckpfeiler der EU-Klimapolitik, das Herzstück. Ob er funktioniert oder nicht, daran hängen ganz grundsätzliche Fragen: Lassen sich Ökonomie und Ökologie tatsächlich miteinander versöhnen? Ist der Markt wirklich das beste Instrument, um möglichst viel für den Klimaschutz zu erreichen? Für die EU, die sich 2005 als weltweiter Vorreiter für das marktbasierte Prinzip des „Cap & Trade“ entschieden hat, steht eine Menge auf dem Spiel. Sie hat ein handfestes Interesse, ihr Flaggschiff, das mittlerweile zahlreiche Nachahmer – unter anderem in China – gefunden hat, flott zu bekommen.

Klimabilanz des Emissionshandel durchwachsen

Nicht nur Kohleunternehmen wie PGE spüren inzwischen die Folgen des höheren CO2-Preises. Auch der Börsenstrompreis ist gestiegen. Unter anderem deshalb wird die EEG-Umlage 2019 leicht sinken. Und Europas Regierungen können sich über Mehreinnahmen bei der Versteigerung der CO2-Zertifikate freuen. Für Deutschland beispielsweise ist in diesem Jahr mit einer Verdopplung der Erlöse auf mehr als zwei Milliarden Euro zu rechnen.

CO2-Emissionen nach Sektoren
Emissionen in der EU nach Sektoren 2016.
Durchwachsen ist allerdings die Klimabilanz des EU-Emissionshandels. Zwar hat das ETS, das  knapp die Hälfte der europäischen Treibhausgas- emissionen abdeckt, bereits CO2-Einsparungen von gut 20 Prozent gebracht – ein durchaus beachtlicher Wert. Doch im Verkehrssektor, der – abgesehen vom innereuropäischen Luftverkehr – nicht in das ETS einbezogen ist, steigen die Emissionen nach wie vor. Die großen Hoffnungen, die zu Beginn in das ETS gesetzt wurden, sind bislang nicht erfüllt worden:  Ein Umschwung hin zu einer CO2-armen Wirtschaftsweise zeichnet sich nicht ab.

EU vergab Zertifikate zu großzügig

„Der Grundgedanke des Emissionshandels, dass CO2-Einsparungen auf möglichst kostengünstige Weise geschehen sollen, führt derzeit vor allem dazu, dass die kurzfristigen ‚low-hanging fruits‘ geerntet werden“, sagt Christian Flachsland vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC). Flachsland hat zusammen mit Kollegen gerade eine Studie zur Funktionstüchtigkeit des ETS vorgelegt, die gravierende Probleme benennt. „Technisch funktioniert der Emissionshandel einwandfrei“, so das Resümee. „Als Klimaschutzinstrument zur Dekarbonisierung funktioniert er jedoch nicht.“

Als nach einer Testphase der Zertifikatehandel 2008 begann, stieg man mit einem Preis von 30 Euro pro Tonne CO2 ein. Das ist die Summe, die Experten als die kritische Größe ansehen, ab der sich Klimaschutz zu lohnen beginnt. Der „Fuel Switch Price“ macht den Umstieg von Kohle auf das klimafreundlichere Gas interessant.

Doch statt wie erhofft zu steigen oder stabil zu bleiben, fiel der Preis bis in den niedrigen einstelligen Bereich. Bei der Vergabe der Zertifikate war die EU allzu großzügig gewesen. Sie wollte die Betreiber der damals 11.000 betroffenen Anlagen (heute sind es rund 12.000) nicht gegen das neue Instrument aufbringen. Als die EU die benötigte Gesamtsumme an Zertifikaten für die kommenden Jahre abschätzte, ging sie von einem fast schon märchenhaften jährlichen Wirtschaftswachstum von über zwei Prozent europaweit aus. Die Unternehmen bekamen folglich sehr viel mehr Zertifikate zugeteilt, als ihr tatsächlicher CO2-Ausstoß erfordert hätte. Und sie bekamen die Zertifikate einfach geschenkt. Allein die energieintensive Industrie konnte in den Jahren 2008 bis 2014 laut dem niederländischen Thinktank CE Delft dadurch über 24 Milliarden Euro Gewinn verbuchen.

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Keywords:
CO2-Bepreisung | Klimaschutz
Ressorts:
Governance

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