Auslandsmarkt
05.04.2018

Offshore-Windkraft boomt in China

Foto: iStock
Offshore-Windpark vor Chinas Küste.

Die Wirtschaftsplaner im Peking schauen derzeit beim Ausbau der Erneuerbaren vor allem aufs Meer. Wie so oft in China, geht die Entwicklung überraschend schnell.

Chinas windige Uferlinien erweisen sich als gewaltige Ressource zur Energieerzeugung. Sämtliche Küstenprovinzen haben in den vergangenen Monaten neue Offshore-Projekte angeschoben oder Pläne zur Erweiterung bestehender Parks bekanntgegeben. Damit befindet sich China auf gutem Weg, sein Planziel weit zu übertreffen: Bis 2020 sollten ursprünglich Anlagen mit 5.000 Megawatt Leistung installiert sein, es werden jedoch vermutlich mehr als 90.000 Megawatt, wie aus Daten der einzelnen Provinzen hervorgeht. Damit würde der Energiepionier aus Fernost offshore rund zweimal mehr Kapazität schaffen, als Deutschland bisher onshore aufgebaut hat.
 
Während es Anfang vergangenen Jahres mangels neuer Projekte noch so aussah, als falle China hinter seine Ziele zurück, wird das Land nun Weltmeister in der Erzeugung von Windstrom im Meer. Die Ausgangsbedingungen sind denkbar günstig: Die Küste des Landes erstreckt sich über 14.500 Kilometer. Fast jede der zehn anliegenden Provinzen hat ein erhebliches Offshore-Potenzial.

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Landesweit werden Kräfte mobilisiert
 
Die Regierung fördert Windparks im Meer derweil kräftig. Sie sieht hier nicht nur eine üppige Energiequelle, sondern auch die Möglichkeit für Konjunkturförderung und die Entwicklung exportfähiger Techniken. Für Strom aus Offshore-Windparks gilt derzeit eine Abnahmegarantie der Versorger zum Preis von 0,85 Yuan, das sind derzeit rund elf Eurocent. Im vergangenen Jahr sind landesweit bereits 1160 Megawatt Leistung hinzugekommen. Die installierte Gesamtsumme steigt damit um 70 Prozent auf 2800 Megawatt. 
 
Der neue Offshore-Boom mobilisiert landesweit bereits die Kräfte von Privatwirtschaft und örtlichen Regierungen. Ein Beispiel ist die Stadt Fuzhou: Sie ist die Hauptstadt der Provinz Fujian, die direkt an der Taiwan-Straße liegt. In einer Mitteilung von Ende Januar stellt die Stadtregierung vier Verwaltungsanweisungen vor, die Firmen im Bereich Offshore-Wind die Ansiedlung erleichtern sollen. Neben direkten Zuschüssen gehören auch Steuererleichterungen für Ingenieure und Manager entsprechender Spezialisierung dazu. Auch die Gründung eines Forschungszentrums ist vorgesehen. Die chinesischen Provinzen wollen damit Lücken im Technik-Wissen und damit in der Wertschöpfungskette schließen – und sie wollen einen Vorsprung gegenüber der einheimischen Konkurrenz herausholen.

Hoffnung liegt auf dem Meer
 
Die Entwicklung geht, wie so oft in China, überraschend schnell. Die Südprovinz Guangdong beispielsweise hatte bis 2017 gar keinen Offshore-Windpark. Jetzt sind Anlagen mit einer Kapazität von 2000 Megawatt im Bau. Bis 2030 sollen dort Turbinen im Meer stehen, die zu Spitzenzeiten 30 Gigawatt Strom liefern. Guangdong investiert allein in den kommenden drei Jahren dafür 240 Milliarden Yuan (30 Milliarden Euro).
 
Auch die etablierten Standorte wollen ein Vielfaches an Offshore-Installationen ins Meer stellen. Die Provinz Jiangsu gehörte hier zu den Vorreitern. Sie hat bereits ein knappes Gigawatt Kapazität errichtet. Daraus sollen in sechs neuen Projekten 13 Gigawatt werden.
 
Der Offshore-Ausbau überholt damit in China die Onshore-Aktivitäten. Während die Standorte auf dem Land bereits ausgereizt sind und die Netze erst noch nachziehen müssen, sieht die Regierung im Wasser noch erhebliches Potenzial. Grund ist die Verteilung der Wirtschaftsstandorte. Chinas produktivste Regionen liegen an der Küste. Die Unternehmen konzentrieren ihre Fabriken an den Mündungsregionen des Perflusses, des Jangtse und im Norden um Peking. Auch die Bevölkerung konzentriert sich hier. Die Windparks am Rande der Wüsten in der Mitte der eurasischen Landmasse sind zu weit weg von diesen Abnehmern. Die Küstengegenden sind jedoch bereits zu dicht besiedelt, um große Parks dazwischenzusetzen. Daher liegt die Hoffnung nun im Meer.

Markt ist weitgehend abgeschottet
 
Die Blüte an Offshore-Anlagen verschiebt auch die internationale Statistik merklich. China trägt rund die Hälfte der jährlichen Neuinstallationen bei. Bis 2020 sollen mindestens sechs Prozent des Stroms aus Windanlagen stammen, gibt der 13. Fünfjahresplan für die Energieentwicklung vor. Das erklärt jetzt die neuerliche Kraftanstrengung.
 
Chinas Markt für Ausrüstung für die Erzeugung erneuerbarer Energie ist grundsätzlich weitgehend abgeschottet: Die Fördermilliarden sollen vor allem der einheimischen Industrie zugutekommen. Ausländische Spieler müssen Umwege gehen, um an diesem Boom teilzunehmen. Anbieter wie Siemens sind über einheimische Partnerfirmen vertreten. Das Unternehmen vergibt derzeit Lizenzen für große Offshore-Windräder mit einer Leistung von acht Megawatt an seinen Partner Shanghai Electric. Die beiden Firmen arbeiten bereits seit 2013 zusammen. Das Shanghaier Unternehmen vertreibt bereits eine Reihe von kleineren Siemens-Windturbinen in China. Es hat sich damit vorerst als einer der führenden Anbieter etabliert. 

Mit Abstand die Nummer eins
 
Das besonders große Acht-Megawatt-Modell hat dabei durchaus Chancen, sich gut zu verkaufen: Es wäre die größte Offshore-Windturbine auf dem chinesischen Markt. Die Erfahrungen von Siemens mit europäischen Projekte zahlen sich also aus. In Europa lohnen sich wegen der hohen Baukosten im Meer schon seit langem vor allem große Turbinen mit besonders langen Rotorblättern.
 
Zwar haben Experten auch Zweifel, ob all diese Projekte auch im Zeitplan fertig werden. Schließlich ist die Errichtung großer Windanlagen im Meer extrem aufwändig. Doch selbst wenn nur ein Teil der angepeilten Kapazität in den kommenden Jahren ans Netz geht, wird China mit Abstand die weltweite Nummer eins.

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Finn Mayer-Kuckuk
Keywords:
Windkraft | Auslandsmärkte
Ressorts:
Markets

Kommentare

Wie es zur Zeit ausschaut, wird England im Jahre 2020 ca. 11GW Offshore-Windenergie am Netz haben und somit Nr. 1 bleiben. China wird mit ca. 7-8GW knapp vor oder hinter Deutschland auf Platz 2 oder 3 liegen. Von 90GW wie oben im Artikel angeführt kann auf keinen Fall gesprochen werden. Bei verbleibenden ca.1000 Tagen bis Ende 2020 müssten dann ca. 11000 Stück 8 MW-Turbinen (entspricht 88GW) errichtet werden. Das wären dann 11 pro Tag. Weiters wären ca.200 Umspannwerken auf See bis Ende nächsten Jahres zu errichten, um die Turbinen bis 2020 am Netz zu haben.

Sie haben recht - die geplanten 90 Gigawatt Offshore-Kapazität werden bis 2020 wohl kaum vollständig erreicht werden. Doch als wir hier in Peking die neuen Pläne der zehn Küstenprovinzen gesehen haben, hat uns das die sprichwörtlichen Socken ausgezogen. Allein Guangdong schiebt zehn Projekte an, eines davon für geplante drei Gigawatt. Addiert kommen wir eben auf den genannten Wert. In China sind, wie in dem Artikel ausgeführt, solche Pläne ernst zu nehmen. Sie abzutun, wäre ein Fehler. Die Message ist: Offshore lebt in China nicht nur, es erlebt einen nie dagewesenen Boom. Ich bin überzeugt, dass China bei der Offshore-Kapazität bis 2020 deutlich im zweistelligen Bereich liegen wird und die Briten überholt.
(Ich bin der Autor des Artikels)

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