Die knapp fünf Millionen Einwohner Costa Ricas leben bereits heute in einem ökologischen Musterland. Sie decken ihren Strombedarf zu 78 Prozent mittels Wasserkraft, zu jeweils zehn Prozent durch Geothermiekraftwerke und Windenergieanlagen und zu etwa einem Prozent durch Photovoltaik und Biomasse. Mit dem 38 Jahre alten ehemaligen Umwelt- und Arbeitsminister, Journalisten, Schriftsteller und Musiker Carlos Alvarado hat das Land nun auch den jüngsten Präsidenten Lateinamerikas.

Alvarado will das Renommee seines Land beim Umwelt- und Klimaschutz nun auf die Spitze treiben. Es soll fossile Kraftstoffe verbannen und seinen Energiebedarf vollständig aus erneuerbaren Quellen decken. In seiner Antrittsrede, zu der er mit einem wasserstoffbetriebenen Bus anreiste, sagte Alvarado: „Die Dekarbonisierung ist die große Aufgabe unserer Generation.“ Costa Rica werde dieses Ziel als eines der ersten Länder, vielleicht sogar als erstes, erreichen. „Wir haben nun den titanischen und wunderbaren Auftrag, fossile Kraftstoffe aus unserer Wirtschaft zu verbannen und damit den Weg freizumachen, für saubere und erneuerbare Energien.“ Alvarado will dieses Ziel bereits zum zweihundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit Costa Ricas im Jahr 2021 erreicht haben.

Carlos Alvarado Quesada ist seit dem 8. Mai Präsident Costa Ricas. Foto: Creative Commons/Presidencia de la Repùblica de Costa Rica
In- und ausländische Beobachter schätzen diesen Zeitplan überwiegend skeptisch ein. Denn aufgrund des unzureichend entwickelten öffentlichen Nahverkehrs boomt derzeit der Pkw-Absatz in dem mittelamerikanischen Land. Jose Daniel Lara, Energieforscher an der University of California in Berkeley und gebürtiger Costa-Ricaner, hält den kompletten Verzicht auf fossile Kraftstoffe seines Landes innerhalb weniger Jahre für unrealistisch. Er glaubt aber, dass die öffentliche Zielsetzung des Präsidenten zumindest zu einer schnelleren Gangart führen wird. Oscar Echeverría, der Präsident des Verbandes der Fahrzeug- und Maschinenimporteure, hält den noch nicht ausreichend entwickelten Markt für saubere Fahrzeuge für das größte Hindernis.

Alvarado, der im zweiten Wahlgang am 8. Mai 60 Prozent der Wählerstimmen erhielt, will sein Land zu einem  Laboratorium für internationale Dekarbonisierung machen. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Costa Rica hebt sich durch ein hohes Wohlstands- und Bildungsniveau sowie eine geringe Kriminalität vom größten Teil Lateinamerikas ab. Auch erspart sich das Land seit 1948 die Kosten einer eigenen Armee. Ein Viertel des Staatsgebietes besteht aus Dschungel, der unter Naturschutz steht und mit seinem Artenreichtum den Ökotourismus boomen lässt.

Windenergienlagen des deutschen Herstellers Enercon in Costa Rica. Es gilt als ökologisches Musterland. (Foto: iStock)