Finanzierung
23.02.2018

Crowdinvesting: Treffpunkt für Zocker und Klimaretter

Foto: iStock
Kleinwindanlage: Die Entwicklung einiger Typen ist in Deutschland per Crowdfunding finanziert worden.

Schwarmfinanzierung boomt. Erzeuger erneuerbarer Energien haben dieses Finanzierungsinstrument früh für sich entdeckt. Inzwischen mischen auch Spätstarter wie der Energieversorger Eon mit.

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Ende 2015 wusste Sebastian Schiffer, dass es wieder nach Afrika geht. Schon im Sommer hatte seine Firma Energiekonzepte Schiffer in Paderborn eine Schule im tansanischen Moshi mit einer solarbetriebenen Trinkwasseranlage ausgestattet. Damals hatte der Industrieelektroniker den 26-jährigen Farmer Thomas Munuoto kennen gelernt. Der verfügte zwar über 8,5 Hektar Land, konnte aber nicht mal einen Hektar davon bewässern, weil die Betriebskosten seiner alten Dieselpumpe  zu hoch waren.

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Für Schiffer war das Problem technisch lösbar: mit einer solarbetriebenen Pumpe einschließlich Batteriespeicher. Doch woher das Geld nehmen? Munuoto konnte sich keinen Kredit zu den landesüblichen Zinsen von über 20 Prozent leisten, und Schiffers Firma ist keine Bank.

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8,5 Prozent Zinsen

"Ich hatte irgendwo gelesen, dass es irgendwelche Leute gibt, die Geld für irgendwelche Projekte spenden oder gegen Naturalien oder Zinsen vergeben", sagt Schiffer. Mit dieser Ausgangsidee flog er wieder nach Tansania, um den Aufbau einer modernen Bewässerungsanlage zu betreuen. Denn in der der Zwischenzeit waren über die Frankfurter Crowdinvestment-Plattform Bettervest 75.750 Euro von 141 Investoren zusammengekommen. Die Beweggründe der Geldgeber des Projekts "Solare Tröpfchenbewässerung" mögen sehr unterschiedlich gewesen sein: Gutmenschentum, Gier auf 8,5 Prozent Zinsen oder Spieltrieb angesichts der Warnung, die alle Crowdinvesting-Projekten begleitet: "Der Erwerb dieser Vermögensanlage ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen."

Im Herbst 2015 dauerte es noch 57 Tage, bis sich genügend risikobereite Geldgeber fanden. Das waren die Anfänge. Inzwischen hat das Modell Crowdinvesting ein dramatisches Wachstum erfahren - und sich dabei verändert. Patrick Mijnals betreibt mit acht Mitarbeitern im Souterrain einer alten Frankfurter Westend-Villa, der gegenüber einst der Philosoph Theodor W. Adorno lebte, die auf nachhaltige Finanzanlagen spezialisierte Plattform Bettervest. Projektgrößen von 300.000 bis 400.000 Euro seien heute ideal, sagt der Unternehmensgründer. In dieser Größenordung bewegen sich auch die derzeit offenen Finanzierungsrunden für Photovoltaik-Projekte in Ghana, Namibia, Nigeria und Uganda. (Interview mit Patrick Mijnals: "Exponentielle Wachstumsschritte")

Patrick Mijnals, Gründer der Crowdfunding-Plattform Bettervest. Foto: Bettervest
Geradezu bescheiden erscheinen im Vergleich dazu die ersten Finanzierungsrunden nach der Gründung von Bettervest im Jahr 2012. Damals ging es um die Umrüstung von Einzelhandelsflächen auf LED-Beleuchtung, um Geld und CO2 zu sparen. 6.250 Euro Crowdfunding-Mittel reichten für die Umrüstung einer Subway-Filiale in Hockenheim, 4.750 Euro wurden für eine Bodystreet-Filiale in Wetzlar benötigt, 8.400 Euro für ein Social Impact Lab in Frankfurt. Letzteres hat das per Crowdfunding aufgebrachte Geld übrigens bis Frühjahr 2017 zurückgezahlt, einschließlich der Zinsen von jährlich zehn Prozent.

Das ist allerdings nicht immer so. Ein Heimtierfachmarkt, der vor vier Jahren 23.350 Euro aufnahm, ist mittlerweile insolvent, und auch von der Sol-Terra-Energy GmbH, die eine CO2-arme Heizungsanlage für ein Hotel betrieb, kommt kein Geld mehr zurück.

"Erhebliche Risiken"

Die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Warnung vor den "erheblichen Risiken" des Crowfunding bin hin zum "vollständigen Verlust" des Investments hat also einen realen Hintergrund. Fraglich ist nur, ob Anleger die warnenden Worte ernst nehmen - oder sich von den in Aussicht gestellten Zinsen blenden lassen. Diese Frage stellte man sich auch bei der sozial-ökologischen GLS Bank in Bochum, nachdem Anleger innerhalb weniger Stunden für verschiedene Projekte zwischen 300.000 und 600.000 Euro auf den Tisch gelegt hatten. Michael Philipp, Projektleiter der Anfang 2017 gestarteten "GLS Crowd", hat deswegen eine Umfrage unter den Investoren ausgewertet. "Die Anleger sind sich der Risiken wirklich bewusst, die Umfrage zeigt dies eindeutig", berichtet Philipp und fügt hinzu: "Trotzdem werden die Risiken der Projekte nun noch prominenter dargestellt."

So wie Bettervest und die GLS Crowd sind alle Crowdinvesting-Plattformen lediglich Vermittler von Kapitalanlagen. Sie wählen die Projekte zwar aus, sind aber keine Projektprüfer und auch nicht in der Verantwortung, wenn der Kapitalnehmer nicht mehr zurückzahlen kann. Die Kapitalgeber erwerben in der Regel nachrangige Darlehen, die schnell wertlos werden, wenn das Projekt wirtschaftlich ins Straucheln gerät. "Wir können nicht garantieren, dass alle Projekte erfolgreich sein werden. Letztlich trifft der Anleger seine Anlageentscheidung anhand der vorliegenden Informationen in eigener Verantwortung", mahnt Philipp.

Crash nicht ausgeschlossen

Die Sorge, dass der Crowdfunding-Markt in einem Crash enden könnte, lässt sich nicht einfach ausräumen. Sollte die vorsichtige Betrachtung einem hysterischen Kaufrausch weichen, dürfte es zu spät sein. Ähnliches passierte um die Jahrtausendwende schon am "Neuen Markt" für Wachstumsunternehmen an der Frankfurter Börse, später bei US-amerikanischen Immobilienkrediten und kürzlich am Markt für deutsche Mittelstandsanleihen. (Lesen Sie auch: Ausblick 2018 – Crowdinvesting-Markt wächst weiter)

Derzeit wächst der Crowdinvesting-Markt ungebremst, vor allem nachdem die Immobilienwirtschaft diese Finanzierungsmethode für sich entdeckt hat. Im Jahr 2015 wurden nach Daten des Fachportals "Crowdfunding.de" fünf Millionen Euro über Crowdfunding vermittelt, 2016 bereits 64 Millionen Euro, und im vergangenen Jahr 172,5 Millionen Euro - ein Plus von 170 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Boom bei Immobilien

Vor allem der Boom bei Immobilienfinanzierungen hat starke Auswirkungen. Im ersten Halbjahr 2017 versechsfachte sich dieses Crowdfunding-Segment gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf hohem Niveau, während im Energiebereich "nur" eine Verdopplung auf niedrigem Niveau verzeichnet wurde. In Zahlen ausgedrückt: Von den 156 Millionen Euro, die im ersten Halbjahr 2017 über Crowdfunding vermittelt wurden, flossen sechs Prozent in Energie- und Energieeffizienzprojekte, 17 Prozent in Unternehmens- und Start-up-Finanzierungen und stolze 77 Prozent in Immobilienfinanzierungen.

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Crowdfunding | Crowdinvesting | Green Finance
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