E-Mobilität
14.08.2013

Currywurst-Bude mit Stromanschluss

Valentin Kaden
Autopapst Ferdinand Dudenhöffer

Die groß angelegten „Schaufenster für Elektromobilität“ der Bundesregierung zerfasern in viele Kleinstprojekte. Die Fehler aus den Modellregionen wiederholen sich, schreibt BIZZ energy today-Kolumnist Ferdinand Dudenhöffer.

Sie wurden vor mehr als zwei Jahren mit großem Tam-Tam als internationale Aushängeschilder für Deutschland angekündigt, die „Schaufenster Elektromobilität“. Nachdem die ersten Konzepte der Bundesregierung – die sogenannten Modellregionen – mit einer Vielzahl von Kleinstprojekten kaum Wirkung gezeigt hatten, wollte Kanzlerin Angela Merkel aus den Fehlern lernen und mit einem neuen Anlauf und weiteren 180 Millionen Euro endlich den Durchbruch schaffen.

Anzeige

Merkel verdonnerte 2011 ein Quartett aus Bundesministerien zum Schulterschluss: Bildung und Forschung, Umwelt, Verkehr und Wirtschaft. Als Schaufenster wurden Projekte in den Regionen Baden-Württemberg, Berlin-Brandenburg, Niedersachsen sowie Bayern-Sachsen ausgewählt. 

Anzeige

Das liegt nun schon mehr als zwölf Monate zurück, 50 Prozent der Minister im Quartett gingen zwischenzeitlich verloren. Die noch amtierenden sind mit anderen Dingen beschäftigt, wie dem Management der Energiewendekosten. Es ist still geworden um die Leitmarktvision der Kanzlerin.

Das Berliner Schaufenster ist leer

„Leere im Berliner Schaufenster“ konstatierte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit im März und wünschte sich „mehr Tempo als Stillstand“. Wie wahr. Damit legte Wowereit seinen Finger mutig in die Wunde und verärgerte mit der öffentlich ausgesprochenen Wahrheit gleich vier Bundesministerien und den Automobilverband VDA kräftig. Schaut man sich um, muss man Wowereit nicht nur in Bezug auf das Land Berlin, sondern bundesweit Recht geben. Aufschlussreich sind zum Beispiel die Informationen auf der offiziellen Webseite des niedersächsischen Schaufensters. An dem ist nur die Überschrift „Unsere Pferdestärken werden elektrisch“ einigermaßen originell.

Per Pressemitteilung informiert das Schaufenster über die Hannoveraner Firma Johnson Controls Power Solutions. Diese habe im April auf der Hannover Messe, auf dem Gemeinschaftsstand der „Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg“, erstmals in Europa ein Muster ihrer neuen 48-Volt-Micro-Hybrid-Batterie vorgestellt. Allein: Die Batterie war längst vor dem Schaufenster-Start entwickelt. Sie taugt weder für Elektroautos oder Plug-in-Hybride. Und sie bringt nicht einmal einen normalen Toyota Hybrid zum Laufen . 

Die Verantwortlichen scheinen nach jedem Strohhalm zu greifen. Als weitere Erfolgsbotschaft verkündeten sie, dass die TU Clausthal einen (ganzen) VW E-Golf erhalten hat. Das nächste angebliche „Highlight“: Am 19. März wurden in Hannover Schnupperfahrten mit dem Renault Twizy angeboten. Das Fahrzeug steht wohlgemerkt seit dem vergangenen Jahr bei fast jedem Renault-Händler in Deutschland. 

In einer anderen Pressemitteilung wird stolz eine Aktion der Stadtwerke Hannover verkündet. Deren Tochterfirma will mithilfe von einer Million Euro Fördergeld untersuchen, wie Elektrofahrzeuge einen Beitrag zur Stabilisierung des Stromverteilungssystems leisten können. Wie viele und welche Art von Elektrofahrzeugen wann dazu bereitstehen, wird nicht gesagt, sondern nur, dass bis zu 40 Nutzer daran teilnehmen können. Wird hier etwa getestet, ob in Hannover das E-Bike zur Stabilisierung des Stromnetzes taugt ? Man möchte schmunzeln, wäre das Gesamtbild nicht so traurig. 

Viele Einzelprojekte mit wenig Konkretem

Bei den übrigen Schaufenstern sieht es nicht ganz so katastrophal aus wie in Niedersachsen, aber eine „groß angelegte Demonstration“ hätte man sich nach mehr als einem Jahr anders vorgestellt. Der Grund für den überschaubaren Erfolg lässt sich erahnen. So sind in der „Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg“ mehr als 200 Partner in rund 40 Projekten unterwegs. Viel kleinteiliger kann man nicht planen. Die Fehler aus den Modellregion-Wettbewerben wiederholen sich.

Noch weniger als in Niedersachsen steht auf der Website des Berlin-Brandenburger Schaufensters. Bemerkenswert ist allenfalls die Auflistung aus dem Januar 2012 über die Teilnehmer: 257 Unternehmen, Institutionen und Organisationen sind aktive Schaufenster-Partner. Da fehlt nur noch die Currywurst-Bude mit Stromanschluss. 

Außer wortreichen Aussagen wie etwa der Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer, „Elektromobilität ist eine große Chance für Berlin“, ist nichts Konkretes zu finden. In Baden-Württemberg gibt es zumindest die E-Smarts bei Car2Go in Stuttgart. Aber auch dort werkeln mehr als 100 Partner an 40 Einzel-Projekten. Da sind die Schnellladesäulen von Siemens an Autobahnraststätten entlang der A9 zwischen München und Leipzig schon im wahrsten Sinne des Wortes Leuchttürme. Sie gehören zum Schaufenster Bayern-Sachsen. Die Ladesäulen sind ein Anfang, machen Deutschland aber noch lange nicht zum internationalen Mekka für Elektroautos. 

Fazit: Wenn die Schaufenster so leer bleiben wie bisher, besteht wenig Hoffnung für die Leitmarktvision der Kanzlerin. Das wäre ein Jammer.

Ferdinand Dudenhöffer ist Direktor des CAR, Center Automotive Research, an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des dortigen Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft. 

 
 
Ferdinand Dudenhöffer
Keywords:
Ferdinand Dudenhöffer | E-Mobilität | E-Auto | BIZZ-Exklusiv
Ressorts:
Technology | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen