Vision Urbanetic
12.09.2018

Daimler: Mit modularem E-Transporter gegen den Verkehrskollaps

Foto: Daimler AG

Der Vision Urbanetic soll Ridesharing-Fahrzeug, Güter-Transporter und mobile Logistik-Station in einem sein – elektrisch und autonom. Mobilitätsexperten halten die Idee für durchaus sinnvoll.

Wie von Geisterhand öffnen sich die Hecktüren des Transporters. Ein autonomer Gabelstabler lädt lautlos einen Container in das Fahrzeug. Viele der Reporter, die Daimler aus ganz Europa nach Kopenhagen einflogen hat, springen aufgeregt von ihren Sitzen auf, um Fotos und Videos zu machen. Der Stuttgarter Autobauer hat sich die dänische Hauptstadt ausgesucht, um den futuristischen, batteriebetriebenen Transporter „Vision Urbanetic“ zu präsentieren – wegen Kopenhagens Vorbildfunktion in Sachen nachhaltige Mobilität.

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Daimlers Konzeptfahrzeug kann je nach Bedarf bis zu zwölf Personen transportieren oder bis zu zehn EPAL-Paletten befördern. Dazu wird auf dem Chassis statt der Personenkapsel in Batmobil-Optik ein Cargo-Aufsatz installiert. Das soll manuell oder vollautomatisch passieren, innerhalb weniger Minuten. 

Im Spagat zwischen Dieselskandal und Elektromobilität

Tagsüber ein Ridesharing-Fahrzeug, das per App bestellbar ist, nachts ein innerstädtischer Güter-Transporter: Daimler will damit die Mobilitätsprobleme der schnell wachsenden Städte lösen, die schon jetzt in Verkehr, Lärm und Abgasen ersticken – und vom Autobauer zum „holistischen“, also ganzheitlichen Mobilitätsanbieter werden, der die verschiedensten Bedürfnisse erfüllt. Solche Phrasen fallen während der aufwändigen Präsentation häufig. Sie illustrieren den Spagat, den der Konzern zwischen Dieselkrise und dem Wandel zur Elektromobilität hinlegt.

Der Vision Urbanetic mit Cargo-Modul für den Gütertransport.

Wann der Urbanetic Realität auf den Straßen werden könnte, dazu will sich Daimler nicht festlegen. Ebenso wenig darüber, welche Art von Ladeinfrastruktur geplant ist. Zunächst soll der Transporter in geschützten Bereichen zum Einsatz kommen, zum Beispiel an Flughäfen, auf Campussen oder Firmen-Arealen. „Wir werden sicher nicht in den Innenstädten anfangen, wo die Herausforderungen am größten sind“, sagt Volker Mornhinweg, Leiter von Mercedes-Benz Vans.

Umbau zur mobilen Paketstation

Als potenzielle Kunden hat Daimler Privatpassagiere, Smart Cities sowie Mobilitätsdienstleister im Blick. Durch nächtliche Lieferungen – etwa von Baumaterial – soll der Urbanetic den Verkehr entlasten und gleichzeitig den Personalmangel in der Logistik abfedern. Schließlich würde kein Mensch mehr gebraucht, weder zum Fahren noch zum Ausladen der Güter. Der zehn Kubikmeter fassende Güter-Aufsatz ließe sich auch zur mobilen Paketstation umfunktionieren, der auf der letzten Meile zum Kunden kommt. Möglich machen soll das ein vollautomatisiertes Laderaum-System. 

Alle Fahrzeuge sind vernetzt, das System führt über eine Steuerungszentrale lokale Informationen wie Regen oder Veranstaltungshinweise zusammen und kann flexibel darauf reagieren. Beispiel: Wenn in einem Szeneviertel an einem Tag mehrere Veranstaltungen stattfinden, sendet das System mehr Urbanetic-Transporter für Personen dorthin. Abends oder nachts befördern dieselben Fahrzeuge – diesmal mit Cargo-Aufsatz – Material und Güter der Veranstaltungen weg. Das funktioniert, weil aufgrund des Batterieantriebs praktisch lautlos unterwegs sind. 

„In den nächsten Jahren vorstellbar“

Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach, hält die Idee eines modularen Nutzungskonzeptes für Transporter grundsätzlich für interessant. „Es geht darum, möglichst geringe Kosten zu verursachen und das, was richtig Geld kostet – zum Beispiel Unterbau, Motor, Sensorik – wiederzuverwenden, wenn es gebraucht wird.“ Die Idee funktioniere allerdings nur in Kombination mit neuen Mobilitätsdienstleistungen auf Basis von Flotten. „Das ist nichts, was wir in den nächsten Monaten sehen werden. Aber in bestimmten städtischen Bereichen halte ich das in den nächsten Jahren für vorstellbar“, sagt Bratzel.

Tatsächlich erfindet Daimler das Rad mit dem Vision Urbanetic nicht völlig neu: Der Schweizer Think-Tank Rinspeed arbeitet mit dem Konzeptfahrzeug „Snap Motion“ im Silicon Valley bereits an der gleichen Idee, die er im Frühjahr auf dem Genfer Autosalon vorstellte. Das „intelligente“ Chassis nennt sich dort „Skateboard“, auf das sich verschiedene „Pods“, also Aufsätze, installieren lassen – vom „Arzt-Pod“, der zur Routinekontrolle zum Patienten an die Tür kommt, bis hin zum „Sauna- oder Party-Pod“, der im Vorgarten abgestellt wird. Fahrgestell und Aufsatz versteht Rinspeed-Gründer und -Chef Frank Rinderknecht als „Tagesabschnittspartner“, die verhindern sollen, dass Robo-Taxis nutzlos herumstehen, sobald der Personenverkehr abflaut.

‚Amazonisierung des Lieferverkehrs

Aus Sicht von Mobilitätsexperte Bratzel ist die nächtliche, autonome Belieferung mit E-Fahrzeugen eine „Hilfestellung“, um Güter in die Städte zu transportieren, ohne das Verkehrsaufkommen stark zu steigern. Ergänzend dazu seien jedoch auch neue Transportsysteme notwendig, beispielsweise per Tunnel. Tesla-Chef Elon Musk setzt die Idee eines Tunnelsystems zur Stauvermeidung bereits mit seiner Boring Company in einigen US-Staaten um.

Bereits existierender Verkehr und alltägliche Staus ließen sich mit neuen Transportsystemen wie dem Urbanetic allerdings kaum reduzieren, sagt Bratzel. Vielmehr gehe es darum, den künftigen Kollaps auf den Straßen in der Stadt zu verhindern: „Die ‚Amazonisierung‘ des Lieferverkehrs wird in nächster Zeit dazu führen, dass wir enorme Anstiege beim Gütertransport haben, und die gilt es nach Möglichkeit einzudämmen“, warnt er.

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Jutta Maier
Keywords:
Elektromobilität | Daimler | Gütertransport | Ridesharing | Smart Cities
Ressorts:
Technology | Markets

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