Mit dem schicken E-Auto tagsüber stundenlang an einer öffentlichen Ladesäule herumstehen? Das muss nicht sein. Viel bequemer ist es, das Fahrzeug über Nacht an die eigene Steckdose oder – noch besser – an die eigene Wallbox zu hängen. Entsprechend sieht sich das Bundesverkehrsministerium derzeit einer Antragsflut für private Wallboxen gegenüber. Seit Ende November 2020 sind bereits Anträge für über 300.000 Wallboxen eingegangen. Bis zum Sommer werden daher mehrere hunderttausend zusätzliche private Ladepunkte geschaffen, prognostizierte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW heute.

Derzeit fänden, so der BDEW, neun von zehn Ladevorgänge zu Hause oder am Arbeitsplatz statt – zugleich nehme aber auch der Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur weiter an Fahrt auf. Nahezu 40.000 öffentliche Ladepunkte seien aktuell im Ladesäulenregister des Verbandes gemeldet. Innerhalb der letzten drei Monate seien rund 3.800 neue Ladepunkte hinzugekommen – ein Zuwachs um gute 10 Prozent trotz Corona-Lockdown. Auch hier gehe der Ausbau ungebremst weiter.

Zugleich ist die öffentliche Ladeinfrastruktur "weit davon entfernt", ausgelastet zu sein, betonte BDEW-Geschäftsführerin Kerstin Andreae am Mittwoch. Die Auslastung liege derzeit bei einem Ladevorgang alle fünf Tage, zitierte Andreae Angaben der bundeseigenen NOW GmbH. Bei Schnellladepunkten gebe es alle zwei Tage einen Ladevorgang. "Die Kapazitäten sind noch nicht ausgeschöpft. Gleichzeitig schreitet aber der Ausbau voran", kritisierte Andreae. Über die Auslastung müsse geredet werden.

E-Autostau an der Ladesäule?

Auch BDEW-Experte Jan Strobel fragte sich am Mittwoch, ob schon jemand mal einen Stau an einer Ladesäule gesehen habe, außer wenn die "Tankstelle" gerade von einem Verbrenner zugeparkt werde. Wie sich künftig der Ladebedarf entwickelt, hängt für Strobel vom Nutzerverhalten, der Fahrzeugentwicklung – hier besonders von Batteriegröße und Reichweite – sowie von der Ladeleistung ab.

Aus dieser multifaktoriellen Entwicklung zieht BDEW-Chefin Kerstin Andreae den Schluss: "Das Bild, das Laden ist das neue Tanken, ist nicht das richtige Bild. Wir reden über ein ganz anderes System." Und das nicht nur, weil es privates Tanken beim bisher üblichen (Sprit-)Tanken nicht gebe. Das E-Auto tanke man bequemer und eher "nebenbei" – zuhause, beim Arbeitgeber oder beim Einkaufen.

Für die BDEW-Chefin greift der bisherige, auch von der EU vorgegebene Schlüssel – ein Ladepunkt auf zehn Fahrzeuge – zu kurz. Der Ausbaubedarf der Ladeinfrastruktur sei "keine starre Zahl, sondern ein dynamisches System". Es sei mehr als fraglich, ob Deutschland bis 2030 eine Million Ladepunkte brauche. Andreae betrachtet die öffentliche Infrastruktur eher als eine Art Backup, als ein "Sicherheitsnetz", damit E-Autofahrer alle Strecken, die heute ein Verbrenner fährt, dann auch mit einem E-Auto zurücklegen können.

Der BDEW legte dazu am heutigen Mittwoch Prognosen für mehrere Lade-Szenarien vor, die jeweils auf einen hohen oder einen geringen Anteil des öffentlichen Ladens setzen. Schreibt man die derzeitige Entwicklung fort, kommt man danach 2030 bei einem Anteil des öffentlichen Ladens von 15 Prozent heraus – die offizielle Strategie der Bundesregierung geht da von einem Anteil von 40 Prozent aus. Strobel räumte ein, dass die Bandbreite der möglichen Entwicklungen sehr groß sei – "so ganz genau" könne heute niemand die Entwicklung bei der Ladeinfrastruktur voraussagen.

Andreae beklagte ihrerseits, es habe in den letzten Wochen eine "angstgetriebene" Debatte um insgesamt fehlende Lademöglichkeiten sowie das zwangsweise Abschalten von Ladevorgängen gegeben. Man müsse sich dann nicht  wundern, dass Kunden vorm E-Auto zurückschreckten, wenn man ein Bild schaffe, es laufe beim Ausbau der Ladeinfrastruktur nicht. Andreae: "Das Gegenteil ist der Fall."

Der Branchenverband legte zwecks Neuorientierung einen eher allgemein gehaltenen Zehn-Punkte-Plan für die Ladeinfrastruktur vor. Dazu gehören realistische Ladeinfrastrukturziele, mehr Flächen und beschleunigte Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie sowie eine verlässliche Netzplanung und intelligente Steuerung.

Alle paar Tage kommt ein E-Auto im Schnitt an einer freien Ladesäule vorbei - trotzdem wird insbesondere von der Autoindustrie über fehlende Lademöglichkeiten geklagt. (Copyright: Istock)