Interview
20.11.2019

„Das ist eine Superstory für Brandenburg“

Foto: privat (Teaserbild: iStock)
Jan Hinrich Glahr ist Geschäftsführender Gesellschafter eines Potsdamer Beratungsunternehmens für Erneuerbare Energien und Sprecher der Landesvertretung Berlin/Brandenburg des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE).

Als ein Motiv für die Tesla-Entscheidung gilt, dass Brandenburg viel Strom aus Wind und Sonne hat – jedoch noch nicht genug. Wie die Gigafactory dennoch versorgt werden kann, erklärt Jan Hinrich Glahr vom Bundesverband Erneuerbare Energie.

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Herr Glahr, haben Sie schon gerechnet, wieviel Ökostrom die Tesla-Gigafabrik benötigt und wieviel Windparks Sie dafür in Brandenburg brauchen?

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Ich vermute, Tesla wird auf dem Dach der Fabrikhallen oder integriert in die Gebäudefassade selbst Strom erzeugen. Ein Teil des Bedarfs wird aus Bestandsanlagen in der Region gedeckt. Das wird mit Sicherheit aber nicht reichen. Wir brauchen zusätzliche Wind- und Solaranlagen.

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Gibt es in der Nähe des geplanten Tesla-Standortes Grünheide freie Flächen, die für neue Windkraftanlagen geeignet sind?

Inzwischen ist es zwar üblich, in Industriegebieten neue Wind- und Solarkraftwerke hinzustellen. Regionaler Bezug heißt aber nicht, dass die Windkraftanlage neben dem Werk stehen muss – wir reden da von einem Radius von zirka 50 Kilometern vom Standort entfernt. In der Regionalplanung sind einige Windeignungsgebiete ausgewiesen, die mit neuen Anlagen bebaut werden können.

Als ein Motiv dafür, dass Tesla sich für Brandenburg entschied, gilt, dass das Bundesland viel Strom aus Wind und Sonne hat. Das muss doch Musik in ihren Ohren sein.

Tesla-Chef Elon Musk ist bekannt dafür, dass er sich um CO2-neutrale und nachhaltige Technologien bemüht. Ihm ist klar: Solange E-Autos nicht reinen Ökostrom tanken, sondern Graustrom mit einem hohen Anteil Kohle, wie er bei uns aus der Steckdose kommt, solange sind E-Autos von der Ökobilanz her nicht viel besser als Verbrenner.

Ein E-Auto macht erst Sinn, wenn es allein mit Ökostrom fährt. Noch konsequenter ist es, wenn man auch bei der Produktion der Autos möglichst geringe Emissionen erzeugt. Das Auto der Zukunft ist das, was CO2-neutral gebaut und CO2-neutral betrieben wird.

Dass sich die Politik in Bund und Ländern hinter CO2-neutrale Konzepte und entsprechend hinter die erneuerbaren Energien stellt – das Gefühl hatte man zuletzt gar nicht mehr, im Gegenteil.

Die Politik hat, das spürt man, einen Spagat zu leisten. Die eine Meinung ist, dass es durch die Erneuerbaren Chancen gibt, in Brandenburg in strukturschwachen Regionen Industrie anzusiedeln. Auf der anderen Seite steht die Angst vor dem Protest gerade gegen die Windkraft und dem vermeintlichen Verlust von Wählerstimmen. In diesem Spannungsfeld ist die Politik oftmals nicht in der Lage, positive Signale zu senden.

Ich erlebe jetzt aber auch, dass der Brandenburger Ministerpräsident seit mindestens einem halben Jahr sehr positiv über die Erneuerbaren redet. Erst einmal sollen diese, sagt er, die heimische Industrie versorgen. Den Anfang machte hier - eben vor einem halben Jahr - der Chemieriese BASF, der in Brandenburg einen großen Chemiepark betreibt...

… im südbrandenburgischen Schwarzheide.

Der Konzern startet eine neue globale Strategie. Er will durch Carbon-Management-Projekte CO2-neutral wachsen. Dazu gehört auch, sofern man externen Strom braucht, CO2-neutralen Strom einzukaufen. Und in Schwarzheide läuft das BASF-Pilotprojekt für diese neue Wachstumsstrategie. Und seitdem sagt der Ministerpräsident öffentlich, es sei auch eine Chance, dass wir in Brandenburg erneuerbaren Strom herstellen.

Tesla ist ebenso ein globales Unternehmen, das - wie BASF für sein Pilotprojekt - ganz bewusst den Standort in Brandenburg ausgewählt hat. Weil es hier die Erneuerbaren gibt. Auf diese Art positive Argumentation für die Erneuerbaren, für die Windenergie haben wir lange gewartet.

Bundesweit gab es 2019 den größten Einbruch beim Ausbau der Windkraft in der Geschichte. Wie sieht es in Brandenburg aus?

Wir sind genauso stark betroffen. Im ersten Halbjahr haben wir in Brandenburg ganze acht Anlagen installiert, im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang um 80 Prozent beim Zubau. Dabei war 2018 schon um die Hälfte schlechter als 2017. Wir sind massiv eingebrochen und die Unternehmen müssen erste Konsequenzen ziehen. Vestas mit seiner Rotorblattherstellung in der Lausitz reagierte auf die geringe Nachfrage und musste 500 Beschäftigte entlassen.

Die Landespolitik, die sich jetzt mit Tesla schmückt, hat Ihre Branche in den letzten Jahren ziemlich hängen lassen.

Insbesondere die Zeit in der letzten Legislaturperiode mit dem ehemaligen SPD-Wirtschaftsminister Albrecht Gerber hat nichts für die Akzeptanz der Windenergie gebracht. Er hat sich zu einseitig für die Kohle eingesetzt. Und das wird jetzt bestraft.

Das ist ja das Paradoxe: In dieser Zeit, wo der Ministerpräsident die Erneuerbaren so toll lobt, ist der Ausbau der Windenergie in Brandenburg zusammengebrochen. Und allein mit Solarstrom wird man die Gigafactory nicht betreiben können, weil die Sonne nachts nun einmal nicht scheint. Wir brauchen alle Formen der Erneuerbaren.

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Keywords:
Windkraft Onshore | Brandenburg | Tesla
Ressorts:
Governance | Markets
 

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