Interview
20.11.2019

„Das ist eine Superstory für Brandenburg“

Foto: privat (Teaserbild: iStock)
Jan Hinrich Glahr ist Geschäftsführender Gesellschafter eines Potsdamer Beratungsunternehmens für Erneuerbare Energien und Sprecher der Landesvertretung Berlin/Brandenburg des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE).

Als ein Motiv für die Tesla-Entscheidung gilt, dass Brandenburg viel Strom aus Wind und Sonne hat – jedoch noch nicht genug. Wie die Gigafactory dennoch versorgt werden kann, erklärt Jan Hinrich Glahr vom Bundesverband Erneuerbare Energie.

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Der Umweltminister von Niedersachsen, Olaf Lies, beklagte jüngst, dass der 1000-Meter-Abstand für neue Windkraft, der nun ins Klimaschutzgesetz gegossen wird, reine Willkür sei.

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Die Debatte um die Abstände der Windkraft zu Wohngebäuden ist eine sehr unglückliche. Die Politik suggeriert, größere Abstände würden zu mehr Akzeptanz führen.

Das stimmt aber nicht. Das ist sozialwissenschaftlich nachgewiesen. Wenn jemand etwas gegen Windenergie hat, ist es ihm egal, ob das Windrad 800, 1000 oder 1500 Meter vom Gebäude weg steht. Wenn er es nur sieht, wird es ihn schon stören.

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Die Abstandsdebatte behebt deswegen auch gar nicht die Hemmnisse bei der Akzeptanz der Windenergie, sondern im Gegenteil: Werden zu große Abstände gewählt, bricht der ganze Ausbau zusammen. Das erleben wir gerade.

Wie sollte das Problem gelöst werden?

Wenn überhaupt, dann haben sich die Abstände nach technischen Kriterien zu richten, nach den Emissionen von Licht und Geräuschen. Und hier kommt dann der harte Fakt der Messung ins Spiel. Und natürlich sind die geltenden Grenzwerte einzuhalten.

Dadurch kann es sein, dass man für eine bestimmte Anlage an einem Standort 1000 Meter Abstand braucht. Für eine andere Anlage sind es dann 800 Meter, wo die Menschen nicht über Gebühr gestört werden. Und es kann Fälle geben, wo es mehr als 1000 Meter sein müssen.

In Brandenburg arbeiten wir übrigens, weil wir viel Fläche haben, seit Jahren mit 1000 Metern Abstand zur Wohnbebauung. Das ist hier nicht so die Herausforderung. In Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen ist damit aber nur schwer umzugehen. Dort bricht der Windkraft ein Großteil möglicher Flächen weg. Diese Bundesländer haben dann keine Chance mehr, ihren Beitrag zum Ausbau der Erneuerbaren zu leisten.

Mit der Tesla-Fabrik sollen 7.000 bis 10.000 Arbeitsplätze nach Berlin und Brandenburg kommen – soviel wie die Lausitzer Braunkohle überhaupt noch bietet. Ist das nicht ein starkes Argument für eine Zukunft mit den Erneuerbaren?

Absolut. Das ist ja die Riesenchance für die Politik. Sie kann sagen: 'Seht mal her, Leute, es ist sinnvoll, dass wir in Brandenburg Solar, Wind und auch Biogas so ausgebaut haben - dafür werden wir jetzt mit dieser Ansiedlung belohnt'. Ich denke, die Menschen werden das verstehen - und nicht nur in der Region um Grünheide im Landkreis Märkisch-Oderland. Auch in der Uckermark oder in der Lausitz wird es positive Effekte geben.

Elon Musk will ja nächstes Jahr mit dem Bau der Fabrik anfangen und 2021 fertig sein. So schnell werden Sie neue Windparks nicht aus dem Boden stampfen können.

Richtig. Einerseits ist die Frage, wieviel Anlagen können, bis die Fabrik fertig ist, noch errichtet werden? Andererseits fallen ab Anfang 2021 auch in Brandenburg Windanlagen aus der EEG-Vergütung. Diese Windräder könnten, wenn es keine wirtschaftliche Anschlusslösung gibt, verschwinden und Brandenburg würde nicht Windstrom dazugewinnen, sondern verlieren. Das sollte gerade wegen der Tesla-Ansiedlung nicht passieren.

Was kann man da tun?

Eine Chance wäre, dass das Land Brandenburg alle Akteure der Wind- und der Solarbranche, bei denen Anlagen aus dem EEG fallen, auffordert, diesen Strom nicht irgendwohin wegzugeben, sondern einen großen Bilanzkreis zu bilden.

In dem müssen Stromanbieter alle 15 Minuten ihre Erzeugung mit der Nachfrage ihrer Stromkunden ausgleichen.

Die Idee ist: Wir legen den grünen, vom EEG befreiten Strom Brandenburgs in einem Bilanzkreis zusammen und liefern die Energie dann der Gigafactory. Man muss sehen, wieviel Megawatt zusammenkommen, aber es wäre eine tolle Möglichkeit, die alten Anlagen wirtschaftlich in Betrieb zu halten.

Vor allem auch gilt dieser Strom dann, weil er nicht mehr über die Strombörse läuft, sondern direkt zum Abnehmer geliefert wird, als echter Ökostrom. Und nur diesen wollen Firmen wie BASF oder Tesla, die auf ihr grünes Image Wert legen.

Genau. Mit dem Unternehmen Regiogröön versuchen wir seit zwei Jahren, private Haushalte und Kommunen für echten Ökostrom aus der Region zu begeistern, auch, um die Akzeptanz zu steigern. Aber dann kam auf einmal BASF und sagte, das sei eine gute Idee, das bräuchten sie auch, nur eben in größeren Mengen.

Und dasselbe will auch Tesla. Das ist eine Superchance, über die ich mit dem Ministerpräsidenten schon gesprochen habe. Wir in Brandenburg müssen unsere Kräfte einfach bündeln. Viele tausend kleinere Anlagen, die aus dem EEG gehen, tun sich zusammen und sagen: 'Hey Leute, wir brauchen keine großen Strukturen, sondern nur einen Bilanzkreis als eine Art Stromplattform, die Tesla direkt beliefert'. Das ist eine Superstory für Brandenburg.

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Interview: Jörg Staude
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Keywords:
Windkraft Onshore | Brandenburg | Tesla
Ressorts:
Governance | Markets
 

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