Energiewende
05.02.2018

Smart Meters: das lange Warten auf die Zauberkästen

Foto: Heinrich Holtgreve
Smart Meters auf der Zählerprüfanlage der Stadtwerke Norderstedt.

Smart Meters sollen helfen, die Energiewende zu retten. Doch der Einbau der intelligenten Stromzähler verzögert sich immer weiter. Netzbetreiber sind verunsichert, einige starten auf eigene Faust.

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Ein hoher Ausschlag um 12:00 Uhr: "Da lief die Waschmaschine". Noch einer um 17:00 Uhr: "Da hat meine Frau das Wohnzimmer gesaugt." Die grünen Balken in Andreas Ross' "Smart Meter Cockpit" zeigen ihm, wieviel Strom sein Haushalt verbraucht – für jede Stunde, 365 Tage im Jahr, aufgezeichnet von einem kleinen grauen Kasten im Keller. Wenn der 60-Jährige den Blick von den Balken auf seinem Computerbildschirm nach draußen schweifen lässt, sieht er eine Wiese in sattem Grün, gesäumt von Laubbäumen, die sich im Wind wiegen.

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Andreas Ross will, dass die Natur um sein kleines Reihenhausidyll am Rande von Norderstedt bei Hamburg so bleibt, wie sie ist - und dass die Menschen das Klima nicht weiter aufheizen mit ihren CO2-spuckenden Kohlekraftwerken. Deshalb hat er eine umweltfreundliche Wärmepumpe im Keller und möchte eine Solaranlage fürs Dach. Und er hat sich eingelassen auf das ehrgeizige Smart-Meter-Programm der Stadtwerke Norderstedt. Die Daten, die der Stromversorger über das lokale Glasfasernetz aus dem digitalen Stromzähler an der Kellerwand ausliest und in Ross' Rechner speist, sollen dem Ehepaar helfen, Strom zu sparen.

Strauß von Geschäftsmöglichkeiten

Für die Energiewende gilt die Smart-Meter-Technologie als ebenso unverzichtbar wie die grüne Stromerzeugung. Und sie beschert Scharen von Unternehmen vom Konzern bis zum Start-up einen Strauß neuer Geschäftsmöglichkeiten. Doch während der "Rollout", der massenhafte Einbau, vielerorts auf der Welt auf Hochtouren läuft, geht er hierzulande nur in Zeitlupe voran.

Es gebe eine "extrem hohe Komplexität und viele divergierende Interessen", sagt Helmut Edelmann, Berater und Energieexperte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY). "Die Zusammenarbeit könnte an einigen Stellen besser funktionieren. Deutschland liegt hinter einigen Ländern zurück". EY entwickelt nun ein "Barometer Digitalisierung Energiewende". Mit dem Evaluierungssystem will die Bundesregierung künftig jährlich prüfen, wie der Smart- Meter-Rollout und die Digitalisierung der Stromnetze vorankommen.

EU verlangt 195 Millionen Geräte bis 2020

Vorerst wird es da wohl nicht viel zu prüfen  geben, zumindest nach Einschätzung des Analysedienstes Bloomberg New Energy Finance. Angesichts der deutschen Langsamkeit erwarten die Marktforscher hierzulande - anders als in China, den USA, Japan, Italien und Spanien - keine weiträumigen Investitionen bis Mitte der 2020er Jahre. Deutschland trägt bisher kaum dazu bei, die Smart-Meter-Ziele der EU-Kommission zu erreichen. Die will bis 2020 mehr als 195 Millionen Geräte bei 72 Prozent der EU-Bevölkerung installiert sehen. (Lesen Sie auch: Smart Meters: Deutschland hinkt immer weiter hinterher)

Wenigstens in Norderstedt geht es voran: Bald wollen die Stadtwerke dem Ehepaar Ross zusätzlichen Strom zu einem neuen, günstigeren Tarif liefern, und zwar aus einer separaten Steckdose. Der soll nur dann fließen, wenn Photovoltaikanlagen und die im Norden so zahlreichen Windturbinen ihn im Überfluss erzeugen. Grüner Strom, der sonst "abgeregelt" würde, wie es im Fachjargon heißt - im Klartext: vernichtet.

Bei Wind den Rasenmäher laden

Andreas Ross freut sich auf diese Energie. Der umweltbewusste und technikaffine gelernte Elektroingenieur ist ein Vorzeigekunde seines Stromversorgers. Er werde seinen Verbrauch anpassen, sagt Ross. Zum Beispiel beim Betrieb der Gefriertruhe, die ja nicht rund um die Uhr Strom benötige. "Wir alle werden gezwungen sein, uns intelligenter zu verhalten."

Der Norderstedter Versorger will den neuen,  per Smart Meter abgerechneten Stromtarif zunächst mit 2.000 Kunden erproben. "Wir werden auswerten, wie die Kunden diesen Tarif nutzen, was sie mit diesem Strom tun", sagt Stadtwerke-Netzvertriebsleiter Marc-Oliver Gries. Das kommunale Unternehmen liest bereits heute Verbrauchsdaten aus 3.000 Zählern, ohne dass ein Mitarbeiter das Haus eines Strombeziehers betreten muss.

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Keywords:
Smart Meter | Smart Grid | Stromzähler
Ressorts:
Markets

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