Energiewende
05.02.2018

Smart Meters: das lange Warten auf die Zauberkästen

Foto: Heinrich Holtgreve
Smart Meters auf der Zählerprüfanlage der Stadtwerke Norderstedt.

Smart Meters sollen helfen, die Energiewende zu retten. Doch der Einbau der intelligenten Stromzähler verzögert sich immer weiter. Netzbetreiber sind verunsichert, einige starten auf eigene Faust.

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Über den schlauen Zähler im Keller kommt die Energiewende in den Hamburger Speckgürtel. Das müsste sie eigentlich überall, und zwar bald, wenn Deutschland seine Klimaziele auch nur annähernd erreichen will. Eingebunden in ein intelligentes Stromnetz, das Smart Grid, sollen die Smart Meters  Haushalten und Unternehmen helfen, Verbräuche in Phasen mit hohem Grünstromangebot zu verschieben. Das wiederum soll dafür sorgen, dass möglichst wenig Energie  in Zeiten benötigt wird, in denen sie nur fossil erzeugt werden kann. E-Autobatterien, Hausstromspeicher, Handy-Akkus, Robo-Rasenmäher, Kühlanlagen in Betrieben – sie alle sollen künftig mit intelligent gesteuertem Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden. Auch Ladesäulen für Elektroautos gelten als riesiger Markt für Smart Meters. "Intelligente Zähler sind der Klebstoff, der alles zusammenhält", sagt Nikolaus Starzacher, Gründer des Smart-Meter-Herstellers Discovergy in Aachen.

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Schade nur, dass vieles noch Science-Fiction ist. Kaum ein Dutzend der rund 900 Netzbetreiber in Deutschland installiert bereits wirkliche Smart Meters, die fernkommunizieren können. Das Problem: Die Geräte der Königsklasse, die "intelligenten Messsysteme",  sind  noch nicht für den Rollout zugelassen. Neun Hersteller haben ihre Modelle beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eingereicht. Keiner hat bisher die BSI-Tests bestanden und das Zertifikat für den Betrieb erhalten. Die Bonner Behörde sieht die Hersteller in der Bringschuld, obwohl lange Zeit nicht einmal die genauen Kriterien für die Tests klar waren.

Vorteil mit kommunalem Glasfasernetz

Vorreiter wie Norderstedt haben beim BSI Sonderkonditionen: Die Stadtwerker vor den Toren Hamburgs können ihre noch nicht zertifizierten, aber schon fernlesbaren Messsysteme bereits  jetzt einsetzen, weil sie mit dem Glasfasernetz  ihrer  eigenen Telefongesellschaft Wilhelm Tel die Datenübertragung selbst kontrollieren und schützen können.

Auch anderswo haben digitale Geräte längst die herkömmliche, vergleichsweise antik anmutende Ferraris-Drehscheibe mit Rollenzählwerk abgelöst. Die meisten neuen Zähler sind aber – obgleich digital – nicht systematisch auswertbar. Das macht sie für die Strategen der Energiewende im Grunde wertlos. Erst mit Daten übertragenden Messsystemen können Netzbetreiber den Verbrauch ihrer Stromkunden in Echtzeit auslesen und analysieren. Und erst diese Informationen versetzen sie in der Lage, die Energiezufuhr passgenauer zu steuern.

Strenge Datenschutzvorgaben

Die Lage beim BSI scheint verfahren, der Zertifizierungsprozess zieht sich hin. Immerhin  eines  ist klar: Die Datenschnittstelle der  intelligenten Messsysteme muss sicher sein vor Hacker-Angriffen. Denn durch das sogenannte Smart Meter Gateway laufen Verbrauchsinformationen der einzelnen Stromkunden an die Netzbetreiber. Gerieten sie in falsche Hände, könnten beispielsweise Einbrecher erkennen, ob Hausbewohner gerade anwesend oder im Urlaub sind. Damit sich niemand unbefugt Einblick verschaffen kann, verlangen auch Verbraucherschützer lückenlosen Datenschutz. Wer liefert beispielsweise Sicherheits-Updates der Software, wenn ein Zähler-Hersteller Pleite geht?

Für den Datenschutzexperten Peter Schaar haben zuvorderst die Stromkunden Anspruch auf ihre Daten, um ihr eigenes Verbrauchsverhalten analysieren zu können. Netz- und Messstellenbetreiber dagegen müssten für ihre Zwecke gar nicht so genau hinsehen: "Das Unternehmen braucht nicht zu wissen, ob gerade ein Rasierapparat oder eine Kaffeemaschine läuft", sagt der frühere Bundesdatenschutzbeauftragte. Nicht mal jede Wohnung müsse einzeln ausgelesen werden. Es reiche aus, die Werte großer Wohngebäude oder mehrerer Einfamilienhäuser zusammenzufassen. Schaar mahnt zudem, die Messstellenbetreiber müssten sicherstellen, dass Verbrauchsdaten nicht von Telekommunikations- oder anderen Dienstleistern zweckentfremdet werden.

"Wir sind bei Stand null"

Eigentlich sollte der bundesweite Einbau intelligenter Messsysteme in Betrieben und Haushalten seit dem Herbst 2017 in vollem Gange sein. "200.000 Systeme wollten wir bis Oktober installiert haben. Heute sind wir bei Stand null", sagte Dominik Ludgen, Smart-Meter-Experte beim Mannheimer Stromversorger MVV Ende des vergangenen Jahres. Kenner der Materie rechnen frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2018 mit ersten Installationen BSI-zertifizierter Geräte, manche glauben sogar, dass es erst 2021 losgeht.

Auch der Aachener Netztechnikhersteller Devolo hat ein Smart Meter Gateway zur Zertifizierung eingereicht. Michael Koch, Leiter des Geschäftsbereichs Smart Grid, nimmt das von vielen in der Branche gescholtene BSI in Schutz. Für das Schneckentempo sind in seinen Augen andere verantwortlich: "Das Bundeswirtschaftsministerium hat ewig getändelt, bis es das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende und das Messstellenbetriebsgesetz auf den Weg brachte." Die entsprechende EU-Richtlinie liegt seit 2009 vor, der deutsche Rechtsrahmen für den Smart-Meter-Rollout wurde aber erst 2016 fertig. "Die Sache wurde von politischer Seite verzögert", sagt Koch.

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Keywords:
Smart Meter | Smart Grid | Stromzähler
Ressorts:
Markets

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