Energiewende
05.02.2018

Smart Meters: das lange Warten auf die Zauberkästen

Foto: Heinrich Holtgreve
Smart Meters auf der Zählerprüfanlage der Stadtwerke Norderstedt.

Smart Meters sollen helfen, die Energiewende zu retten. Doch der Einbau der intelligenten Stromzähler verzögert sich immer weiter. Netzbetreiber sind verunsichert, einige starten auf eigene Faust.

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Der Ingenieur hat es selbst miterlebt im Anhörungssaal des Bundeswirtschaftsministeriums, der regelmäßig dicht besetzt war mit Unternehmens- und Verbandsvertretern aus der Energie- und Elektronikbranche. Viele Ankündigungen habe man da hören können. Aber das Gesetz ließ trotzdem auf sich warten.

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Deutschland fällt zurück

Der Grünen-Energieexperte Oliver Krischer befürchtet, dass sich der Smart-Meter-Rollout sogar um weitere zwei bis drei Jahre verzögert. Die Schuld gibt er der noch amtierenden Bundesregierung. Diese habe die schleppende Besetzung wichtiger Stellen beim BSI mitzuverantworten. Krischer warnt, das "Prestigeprojekt" von Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel drohe zu floppen: "Während andere EU-Länder Smart Meter seit Jahren eingeführt haben, kommt das Energiewendeland Deutschland hier nicht vom Fleck." Dabei sei die Technologie "ein entscheidender Baustein, um alte Kohlekraftwerke abschalten und so CO2 reduzieren zu können."

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Selbst die ersehnte, vom BSI zuletzt für das erste Quartal 2018 in Aussicht gestellte Freigabe der intelligenten Messsysteme wird noch nicht das Signal für den Beginn des Rollout sein. Denn auch  der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) hat umfangreiche Feldtests angesetzt. Vorläufige VDE-Prüfungen fallen ernüchternd aus: Erst seit dem Sommer liefert mehr als die Hälfte der Tests zufriedenstellende Ergebnisse.

Abschreckende Beispiele im Ausland

Der Verband will sichergehen, dass alle Systeme austauschbar sind und mit allen anderen Teilen des smarten Stromnetzes der Zukunft fehlerfrei zusammenarbeiten. Das Zusammenspiel muss vor allem mit den Messstellen klappen, an denen die Verbrauchsdaten ausgewertet werden. Die Messstellenbetreiber sind in der Regel identisch mit den  Verteilnetzbetreibern. Ebenso störungsfrei laufen muss die Zusammenarbeit zwischen Messstellen und den sogenannten Smart Meter Gateway-Administratoren: Vom BSI zertifiziert und von den Netzbetreibern oder externen Dienstleistern gestellt sind diese hauptverantwortlich für die Sicherheit des Datenverkehrs.

EY-Berater Edelmann sieht in dem verzögerten deutschen Rollout zumindest einen Vorteil: "Deutschland hat sich bei der Definition der Sicherheitsstandards sehr viel Zeit gelassen, aber das ist gut investierte Zeit." Die Niederlande beispielsweise hätten ihren Rollout wegen Datenschutzproblemen zeitweise stoppen müssen. Und das Sicherheitslevel der in Italien und einigen anderen Ländern  installierten Zähler sei mit dem deutschen Niveau gar nicht vergleichbar.

40 Euro Gebühr pro Jahr

Eine Verpflichtung zum Einbau der neuen, vom BSI  für sicher befundenen Zähler in Deutschland besteht ab 2020 zunächst für Stromabnehmer mit einem Jahresverbrauch von mehr als 6.000 Kilowattstunden. Im Normalfall sind das Betriebe oder große Haushalte. Betreiber von Photovoltaik-Anlagen mit mehr als sieben Kilowatt Leistung müssen laut Messstellenbetriebsgesetz  ebenfalls mit intelligenten Messsystemen ausgerüstet werden. Später sollen Haushalte mit Jahresverbräuchen von weniger als 6.000 Kilowattstunden hinzukommen. Die Netzbetreiber dürfen ihnen für die Nutzung eines Smart Meters bis zu 40 Euro jährlich in Rechnung stellen. Dank des niedrigeren Energieverbrauchs sollen sich diese Kosten für Verbraucher aber schnell amortisieren, lautet das Kalkül des Gesetzgebers.

Bei den Stadtwerken Norderstedt können Verbraucher die Möglichkeiten, die ihnen Smart Meters bieten sollen, schon heute in einem Schauraum neben dem Bahnhof in Augenschein nehmen. Das Mobiliar und die Küchenzeile darin wirken wie gerade ausgepackt, es riecht nach frisch verlegtem Teppichboden. Netzvertriebsleiter Marc-Oliver Gries will hier vorführen, wie es im Smart Home der Zukunft zugeht: Herd, Kühlschrank, Mikrowelle, Waschmaschine, Deckenbeleuchtung – alles  lässt sich intelligent steuern, abgestimmt auf unterschiedliche Stromtarife, die über smarte Zähler abgerechnet werden sollen. In einer Ecke steht ein kleines Blockheizkraftwerk. Größere Versionen davon produzieren neben Wärme auch Strom für Norderstedt, wenn Sonne und Wind nicht liefern können.

Nicht jeder will ein Smart Meter

Gries will in dem Schauraum Vertrauen schaffen, denn er weiß: Der vielleicht schwierigste Part bei der Einführung von Smart Meters und neuen Starkwind-Stromtarifen wird nicht technischer, sondern menschlicher Natur sein. "Die Kunden möchten sich ihre Lebensweise nicht von Stromtarifen vorschreiben lassen", sagt der 45-jährige Energiemanager. Wer will schon nachts die Waschmaschine schleudern hören? Gries setzt deshalb eher auf die Ausbreitung von Elektroautos und Hausspeichern, bei denen die sogenannte Lastverschiebung bequemer ist. Trotzdem räumt er ein: "Wir haben noch keinen Weg gefunden, jeden Kunden zu überzeugen".

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Keywords:
Smart Meter | Smart Grid | Stromzähler
Ressorts:
Markets

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