Reportage
06.01.2020

Streit ums Windrad vor der Haustür

Foto: iStock
Anwohner könnten künftig für Windräder in ihrer Umgebung mit einem "Windbürgergeld" entschädigt werden.

Bauer Krüger möchte mit Windkraftanlagen Geld in sein brandenburgisches Dorf holen, Tierärztin Berndt lehnt das ab, obwohl sie die Energiewende gut findet. Können Gewinnbeteiligungen wie das angedachte „Windbürgergeld“ solche Konflikte lösen?

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Die Tierärztin ist schnell unterwegs in ihrem grauen VW Caddy. Gleich will sie noch geschlachtete Rinder begutachten. Aber erstmal holpert sie auf den kleinen Parkplatz, hält vor dem Holztisch mit Bänken. Von der Hügelkuppe überschaut sie nun Schönheit und Elend der Prignitz.

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Viel Himmel, weite Felder, ein paar Häuser sind hinten im Novembernebel mehr zu erahnen als zu sehen. „Es ist hier nicht still“, sagt Antje Berndt. Zwischen ihr und dem Dorf steht ein Dutzend weißer Türme, an deren Spitzen sich die Flügel drehen.

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Verkehrte Welt: Antje Berndt sitzt für die Grünen in der Gemeindevertretung von Plattenburg, unweit der Elbe, im Westzipfel Brandenburgs. Sie plädiert für Klimaschutz, protestiert mit der örtlichen Bürgerinitiative trotzdem gegen die fünf geplanten Windanlagen, die den bestehenden Windpark erweitern sollen.

Eine Protestwelle hat sich aufgeschaukelt

Der Konflikt, der sich hier zuträgt, findet augenblicklich an vielen Orten Deutschlands statt. Regierungen planen neue Windparks, weil sie wissen, dass mehr Klimaschutz mehr erneuerbare Energien erfordert. Gleichzeitig hat sich eine Protestwelle aufgeschaukelt. Viele Windanlagen werden vor Gerichten beklagt, nur 86 wurden im ersten Halbjahr 2019 gebaut. Und die Bundesregierung, vor allem die Union, gibt nach. Ökokraftwerke sollen künftig mindestens 1.000 Meter von Siedlungen entfernt stehen, heißt es im Klimapaket der Bundesregierung.

Tierärztin Berndt betreut auch die Tiere von Karsten Krüger. Er und sie duzen sich. Vier Kilometer von der Hügelkuppe entfernt steigt nun Krüger, hellbraune Lederschuhe, Jeans, aus seinem Renault Pickup und geht ein paar schnelle Schritte zum Rand des Feldes.

Hier sollen sie hin, die fünf neuen Rotoren. Der Windpark würde nach Süden erweitert. Ein Teil der freien Flächen gehört Krüger. Als Geschäftsführer und größter Anteilseigner der Agrargenossenschaft ist er Herr über 1.100 Hektar Land, 600 Rinder und 5.000 Gänse. „Bisher profitieren nicht wir, sondern andere.“ Nun solle auch Plattenburg etwas abbekommen. „Wir wollen nicht Neese sein“, hochdeutsch: in die Röhre gucken.

Rotmilane für Windkraft-Gegner ein Sechser im Lotto

Wir – das sind 25 Landbesitzer, darunter die evangelische Kirche. Der Pfarrer findet die Idee super. Ein Windrad soll bis zu 50.000 Euro Bodenpacht pro Jahr bringen. Zusammen wären das bis zu 250.000 Euro jährliche Zusatzeinnahmen. 

Antje Berndt hat sich in den vergangenen Jahren in Vogelkunde eingearbeitet. Auf der Autotour um das Erweiterungsgebiet hält sie neben einem Straßenbaum. Aufgescheucht startet aus der Krone ein Greifvogel und schwebt übers Feld. „Ein Mäusebussard.“ Berndt, rötliche Haare, randlose Brille, dicker Pullover, deutet nach rechts. Hinter dem jetzt grauen, blätterlosen Wald, brühten manchmal Kraniche.

Und auch Rotmilane gibt es. „Acht bis zehn“ Jungvögel habe sie zuletzt beim „Trainieren“ beobachtet. Tolle Sache, schön anzusehen. Berndt hat jetzt eine Karte in der Hand, das Gutachten des Ornithologen, den die Initiative beauftragt und bezahlt hat. „Dort ist es“, sagt die Tierärztin und markiert mit ausgestrecktem Arm ein Stück nebeliger Landschaft etwa anderthalb Kilometer westlich der Straße. Wo das Rotmilan-Nest genau liegt, will sie nicht verraten, die Besucher hinführen schon gar nicht. Sie hat Angst, dass jemand den Horst zerstört. Denn für Windanlagen-Gegner können Rotmilane der Sechser im Lotto sein. Die Weltnaturschutzunion hat die Art auf ihrer roten Liste als „beinahe gefährdet“ eingestuft.

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Windenergie | Windkraft
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