Reportage
06.01.2020

Streit ums Windrad vor der Haustür

Foto: iStock
Anwohner könnten künftig für Windräder in ihrer Umgebung mit einem "Windbürgergeld" entschädigt werden.

Bauer Krüger möchte mit Windkraftanlagen Geld in sein brandenburgisches Dorf holen, Tierärztin Berndt lehnt das ab, obwohl sie die Energiewende gut findet. Können Gewinnbeteiligungen wie das angedachte „Windbürgergeld“ solche Konflikte lösen?

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Neue Windräder – ja oder nein? Darüber entscheidet wesentlich die Regionalplanung in der 70 Kilometer entfernten Kleinstadt Neuruppin. Die Behörde ist quasi eingeklemmt zwischen Tierärztin Berndt und Großbauer Krüger. Ihr Problem lässt sich so beschreiben: Die Initiative will null neue Rotoren. Das Land Brandenburg dagegen hat beschlossen, die Windleistung von derzeit etwa 6.000 auf über 10.000 Megawatt zu erhöhen. Bis 2030. Energiewende. Ohne zusätzliche Räder funktioniert die nicht.

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Über den Milan sagen die Planer, der Horst liege weit genug von den geplanten Rotoren entfernt. Trotzdem ist die Genehmigung von Windrädern in der Prignitz augenblicklich grundsätzlich schwierig. Der bestehende Windpark plus Erweiterung steht zwar im Regionalplan von 2018. Diesen hat die ehemalige rot-rote Landesregierung jedoch nicht genehmigt. Hinzu kommt eine Art Moratorium, das neue Windräder bis August 2021 in vielen Fällen ausschließt – eine Reaktion unter anderem auf den zunehmenden Protest. Und sollten Union und SPD auf Bundesebene beschließen, dass Rotoren grundsätzlich mindestens 1.000 Meter von kleinen Siedlungen entfernt stehen müssen, hätten sich die fünf neuen Anlagen in Plattenburg vermutlich erledigt.

Städter auf dem Land mit eigenen Vorstellungen

Es ist einsam hier. „Für mich könnte es noch einsamer sein“, sagt Berndt. Vor 20 Jahren ist sie aus Zepernick am nördlichen Stadtrand Berlins hergezogen. Bei einigen anderen Mitgliedern der Initiative ist es ähnlich. Sie haben auf dem Land Häuser gekauft, den Lebensmittelpunkt aber in der Hauptstadt. Dort gehen ihre Kinder zur Schule, die am Wochenende und in den Ferien hier über die Wiesen tollen. An der Prignitz schätzen die Städter die Abwesenheit von Lärm, Hektik, Industrie und Verkehr.

Die Stadteltern begrüßen es, wenn die Natur möglichst natürlich ist und das Gras hoch. Bauer Krüger ist dann eher nach Mähen zumute. Gerne streitet man sich über die Entwicklungsrichtung, die die Gegend nehmen soll. Die Leute von der Bürgerinitiative schlugen mal vor, die Breite einer Landstraße zu verringern, um Pflanzen und Tieren mehr Raum zu geben. Einer, der von hier kommt, fragte sie da: „Willst Du meine Stoßdämpfer bezahlen?“

Beteiligung der umliegenden Dörfer und der Haushalte

Karsten Krüger ist 55 Jahre alt. Hinten ist sein Haupthaar noch schwarz, vorne schon grau. Er kennt alle in Bendelin, seinem Heimatdorf, einem Teil von Plattenburg, „auch die schon unter der Erde sind“. Als Lehrling trat er in die LPG ein, studierte zu DDR-Zeiten Pflanzenproduktion, erhielt nach dem Fall der Mauer das Familienland zurück, pachtete immer mehr dazu und übernahm schließlich mit einigen Bauern den ehemaligen Staatsbetrieb. Jetzt ist er Chef von 20 Mitarbeitern, einem halben Dutzend gigantischer Traktoren, Bürgermeister des Dorfes, als Parteiloser für die FDP im Kreistag, im Regionalparlament und eine der einflussreichsten Personen der Gegend.

Um Krügers fußballplatzgroßen Hof stehen Hallen mit Rolltoren für die Maschinen und ein einstöckiges Verwaltungsgebäude aus Ziegeln. „If you never try you will never know“ - „Wenn Du es nicht probierst, erfährst Du es nicht“, hängt als Spruch in der Küche, wo Krüger nun Kaffee und Tee zubereitet.

Als Ortsvorsteher von Bendelin habe er im ganzen Jahr 1.250 Euro zur Verfügung. „Wenn ich davon die Rentner-Weihnachtsfeier bezahle, ist für das Erntefest kaum noch was übrig.“ Also haben er und die anderen Landbesitzer beschlossen, 20 Prozent der künftigen Windpacht an die vier umliegenden Dörfer weiterzureichen. Bendelin würde 10.000 Euro zusätzlich erhalten. Außerdem bietet man allen Haushalten einen Zuschuss zu ihren Stromkosten in der Größenordnung von 80 Euro jährlich an. Krüger will das als Gemeinsinn verstanden wissen. Andererseits ist es ein Versuch, Einwohner Plattenburgs auf seine Seite zu ziehen und die Bürgerinitiative zu schwächen.

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Windenergie | Windkraft
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