Reportage
06.01.2020

Streit ums Windrad vor der Haustür

Foto: iStock
Anwohner könnten künftig für Windräder in ihrer Umgebung mit einem "Windbürgergeld" entschädigt werden.

Bauer Krüger möchte mit Windkraftanlagen Geld in sein brandenburgisches Dorf holen, Tierärztin Berndt lehnt das ab, obwohl sie die Energiewende gut findet. Können Gewinnbeteiligungen wie das angedachte „Windbürgergeld“ solche Konflikte lösen?

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Andreas Palmer ist derjenige aus der Bürgerinitiative, der am nächsten dran wohnt. 700 Meter steht sein Haus im Dorf Söllenthin, ebenfalls ein Teil Plattenburgs, vom nächsten Windrad entfernt. Freitagabend, 17 Uhr, stockdunkel draußen, von verstreuten Straßenlaternen abgesehen. Gerade ist Palmer, ein 56-jähriger Physiker, aus Berlin eingetroffen. Wochenende. Der Hausflur ist kalt. Im Esszimmer verbreitet der grüne, kopfhohe Kachelofen aber schon Wärme. Jochen Geppert, Organisationsberater aus Berlin, der im Nachbardorf Zichtow ein Haus besitzt, ist ebenfalls da.

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Am Holztisch greift Palmer nach Blatt und Bleistift, um aufzuzeichnen, wie sich der Schall von Windrädern ausbreitet. Je höher sie sind, desto weiter reichten die Geräusche. Und die Anlagen würden immer größer. „Der Lärmschutzgrenzwert im Bundesimmissionsschutzgesetz von 45 Dezibel wird hier schon überschritten.“ Palmer hat das gemessen. Das zuständige Landesamt für Umwelt hat 2014 eine eigene Messung veranstaltet. Ergebnis damals: keine Überschreitung. Palmer und Geppert verzweifeln allmählich an den Institutionen.

Immerhin haben die Landbesitzer angeboten, einen Teil ihres Gewinns abzugeben. Kann das kein Weg zum Kompromiss sein? Palmer und Geppert schauen sich an. Den kleinen Stromkostenzuschuss halten sie für einen Witz. Aber die 10.000 Euro jährlich für ihr Dorf? „Das wäre ein Schmerzensgeld“, sagt Geppert. Euro sind für ihn durchaus Argumente. Fragt man Karsten Krüger, ob er auch 30 statt 20 Prozent seiner Pachteinnahmen verteilen würde, sagt er: „Wir können über alles reden.“

SPD will mit „Windbürgergeld“ Akzeptanz fördern

Vielleicht wäre dies ein Ansatz, um das Problem in Plattenburg zu lösen. Und nicht nur dieses. Laut Klimapaket der Bundesregierung sollen Kommunen am Betrieb der Windanlagen, die bei ihnen stehen, künftig finanziell beteiligt werden. Details fehlen noch. In Brandenburg beschloss der alte Landtag, dass Gemeinden 10.000 Euro pro Jahr für neue Rotoren erhalten, die ab 2020 entstehen. Nach dem Willen der SPD sollen Anwohner von Windparks über ein „Windbürgergeld“ direkt profitieren, damit die Akzeptanz steigt.

Der zweite wichtige Punkt: die Mitbestimmung. Geppert schlägt vor, alle Einwohner der vier betroffenen Dörfer sollten nach einem eingehenden Diskussionsprozess über die Erweiterung des Windparks beschließen dürfen. Eine qualifizierte Mehrheit würde entscheiden. Heute sind Plebiszite auf Gemeindeebene in Brandenburg zwar möglich, aber nicht, wenn es um die Ausweisung von Windeignungsflächen geht. So stellt bessere Partizipation ebenfalls eine Idee dar, um die Konflikte um Windanlagen auch bundesweit zu befrieden.

Modell könnte Energiewende in Deutschland stoppen

Nun könnte man annehmen, dass Antje Berndt, Andreas Palmer, Jochen Geppert und ihre Initiative die tollen Vorschläge zu finanzieller Beteiligung und Basisdemokratie nur entwickeln, um die Latte immer höher zu legen und die neuen Windräder schlicht zu verhindern – egal, was man ihnen anbietet. Ein Modell, das – auf ganz Deutschland übertragen - die Energiewende stoppen könnte.

Den Ruf „hier nicht“ kann man nachvollziehen. An sehr vielen Orten müsste es jedoch, um den Klimawandel zu begrenzen, heißen „ja, hier gerne“. Berndt, Palmer und Geppert streiten diesen Widerspruch nicht ab. Gepperts Tochter nimmt an den Fridays for Future-Demonstrationen teil, er selbst bezieht Ökostrom. Woher soll der kommen, wenn nicht aus den Windanlagen vor seiner Haustür? Oder vor anderen Haustüren?

Wenn Andreas Palmer im Garten hinter seinem Haus in Söllenthin sitzt, in dieser Abgeschiedenheit, fragen ihn seine Gäste manchmal: „Ist das die Autobahn, die man jetzt hört?“ - „Nein“, sagt Palmer dann, „das sind die Windräder.“ Manchmal schlafe er auch schlecht. „Es fühlt sich an, als wenn die Wände des Schlafzimmers brummen. Es hat etwas Beklemmendes.“

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Hannes Koch
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Keywords:
Windenergie | Windkraft
Ressorts:
Markets
 

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