Kommentar
20.01.2016

Dauer-Schlussverkauf fürs Öl

Fördern, was die Rohre hergeben: Was Klimagipfel und Elektromobilität mit dem niedrigen Ölpreis zu tun haben. Ein Kommentar von Jakob Schlandt.

Was würden Sie tun, wenn sie einen Schatz im Keller hätten, der in Zukunft sehr viel mehr Wert sein könnte? Verkaufen oder aufbewahren? Das hängt natürlich von der Situation ab: Wenn es einen Familiennotfall zu beklagen gibt oder das Inkasso vor der Tür steht, muss schnellstmöglich Liquidität her, fast egal zu welchem Preis. Die meisten Ölstaaten sind in der gleichen Situation. Russland, Venezuela, Nigeria - sie alle pumpen, was die Rohre hergeben, egal zu welchem Preis, weil jeder fehlende Devisendollar das Land destabilisieren könnte.

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Ein besonnener Öl-Baron wird sich dagegen genau überlegen, ob er nicht doch lieber heute die Förderung drosselt, um morgen umso mehr zu verdienen. Für die Frage, ob man Öl fördert oder lieber noch etwas im Boden belässt, gibt es sogar eine ökonomische Formel. Die "Hotelling-Regel" besagt, etwas vereinfacht, dass ein endlicher Bodenschatz dann nicht gefördert werden sollte, wenn der Wert schneller steigt als ein Geldbetrag, der marktüblich verzinst wird.
 
Davon konnte man bis vor kurzem wohl ausgehen. Öl ist knapp und in der Mobilität schien es noch auf Jahrzehnte unverzichtbar. Für Länder wie den Opec-Kartellführer Saudi-Arabien hieß das: Verknappung lohnt sich.
 
 
Öl könnte zur Ramsch-Ressource werden
 
Gilt das noch? Der Aufstieg der Erneuerbaren und der Elektromobilität, vor allem aber die seit dem Pariser Gipfel zum ersten Mal mit Erfolgsaussicht geführten Klimaverhandlungen ändern das grundlegende Kalkül. Besser heute ein paar Dollar verdienen als übermorgen kaum noch etwas. Denn wenn im Lauf der kommenden Jahrzehnte ein globales Klimaregime Einzug hält, Ölverbrauch mit hohen Verschmutzungspreisen belastet wird und gleichzeitig Grünstrom und Elektromobilität Verbreitung finden, könnte Öl zur nutzlosen Ramsch-Ressource werden.
 
Die meisten Ölförderer stecken derzeit politisch und wirtschaftlich derart in der Bredouille, dass eine langfristige Strategie nur eine untergeordnete Rolle spielen dürfte. Für Länder wie Saudi-Arabien, das riesige Cash-Vorräte besitzt, werden derartige Überlegungen durchaus eine Rolle spielen und sie könnten zur Entscheidung beigetragen haben, den Ölhahn voll aufgedreht zu lassen. Christoph Frei, der Generalsekretär des World Energy Council, sagte kürzlich, die Kartelldisziplin würde durch Hotelling-Überlegungen zunehmend geschwächt. Maximale Förderung scheine im Rahmen der bevorstehenden Dekarbonisierung zunehmend die logische Antwort. Das Scha

as würden Sie tun, wenn sie einen Schatz im Keller hätten, der in Zukunft sehr viel mehr Wert sein könnte? Verkaufen oder aufbewahren? Das hängt natürlich von der Situation ab: Wenn es einen Familiennotfall zu beklagen gibt oder das Inkasso vor der Tür steht, muss schnellstmöglich Liquidität her, fast egal zu welchem Preis. Die meisten Ölstaaten sind in der gleichen Situation. Russland, Venezuela, Nigeria - sie alle pumpen, was die Rohre hergeben, egal zu welchem Preis, weil jeder fehlende Devisendollar das Land destabilisieren könnte.

 
Ein besonnener Öl-Baron wird sich dagegen genau überlegen, ob er nicht doch lieber heute die Förderung drosselt, um morgen umso mehr zu verdienen. Für die Frage, ob man Öl fördert oder lieber noch etwas im Boden belässt, gibt es sogar eine ökonomische Formel. Die "Hotelling-Regel" besagt, etwas vereinfacht, dass ein endlicher Bodenschatz dann nicht gefördert werden sollte, wenn der Wert schneller steigt als ein Geldbetrag, der marktüblich verzinst wird.
 
Davon konnte man bis vor kurzem wohl ausgehen. Öl ist knapp und in der Mobilität schien es noch auf Jahrzehnte unverzichtbar. Für Länder wie den Opec-Kartellführer Saudi-Arabien hieß das: Verknappung lohnt sich.
 
 
Öl könnte zur Ramsch-Ressource werden
 
Gilt das noch? Der Aufstieg der Erneuerbaren und der Elektromobilität, vor allem aber die seit dem Pariser Gipfel zum ersten Mal mit Erfolgsaussicht geführten Klimaverhandlungen ändern das grundlegende Kalkül. Besser heute ein paar Dollar verdienen als übermorgen kaum noch etwas. Denn wenn im Lauf der kommenden Jahrzehnte ein globales Klimaregime Einzug hält, Ölverbrauch mit hohen Verschmutzungspreisen belastet wird und gleichzeitig Grünstrom und Elektromobilität Verbreitung finden, könnte Öl zur nutzlosen Ramsch-Ressource werden.
 
Die meisten Ölförderer stecken derzeit politisch und wirtschaftlich derart in der Bredouille, dass eine langfristige Strategie nur eine untergeordnete Rolle spielen dürfte. Für Länder wie Saudi-Arabien, das riesige Cash-Vorräte besitzt, werden derartige Überlegungen durchaus eine Rolle spielen und sie könnten zur Entscheidung beigetragen haben, den Ölhahn voll aufgedreht zu lassen. Christoph Frei, der Generalsekretär des World Energy Council, sagte kürzlich, die Kartelldisziplin würde durch Hotelling-Überlegungen zunehmend geschwächt. Maximale Förderung scheine im Rahmen der bevorstehenden Dekarbonisierung zunehmend die logische Antwort. Das Schatz im Keller wird verscheuert.
 
Das Ölzeitalter würde dann nicht, wie lange befürchtet, mit horrenden Preisen und enormer Verknappung zuende gehen. Sondern Öl würde immer billiger, aber angesichts guter Alternativen und hoher CO2-Abgaben dennoch unattraktiv. Selbstverständlich: Noch ist es nicht soweit. Noch wird der günstige Ölpreis schon bald zu einem schnelleren Verbrauchsanstieg und wiederum steigenden Preisen führen. Aber es ist ein interessantes Szenario. Und seit Paris zumindest nicht mehr undenkbar.
Jakob Schlandt
Keywords:
Öl | Klimaschutz | OPEC | Saudi-Arabien | World Energy Council | Paris
Ressorts:

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