bizz energy: Es gibt Thinktanks wie Agora-Energiewende, es gibt die Dena, Verbände und wissenschaftliche Institute - warum braucht es noch eine Denkfabrik mehr namens Epico Klimainnovation?

Bernd Weber: Mit dem 1,5-Grad-Ziel stehen wir vor einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung. Diese können wir am besten angehen, wenn wir auch die Chancen darin sehen. Die sollten wir ergreifen - mit einer konsequenten Ausrichtung auf Klimaneutralität und nachhaltiges Wachstum, das unseren Wohlstand und unsere Lebensqualität erhält, sowie den Zusammenhalt und die Resilienz unserer Gesellschaft fördert. Voraussetzung ist, dass der Übergang zu einer emissionsfreien, wettbewerbsfähigen Wirtschaft in allen Sektoren durch Innovationen deutlich beschleunigt und fair ausgestaltet wird.  Wir sehen uns dabei als Brücke zwischen einem markt- und innovationsorientierten Denken und dem klimapolitischen Handlungsbedarf, der sich aus dem Klimawandel und dem gesetzten Ziel der Klimaneutralität ergibt. 

bizz energy: Gibt es einen Anlass für die Gründung zum jetzigen Zeitpunkt? Etwa die Bundestagswahl?

Bernd Weber: Unser Ziel ist es, einen Beitrag dazu zu leisten, dass dieses so wichtige Jahr zum Katalysator für eine erfolgreiche Klima- und Energiepolitik wird. Es stehen viele Weichenstellungen an. Die Bundestagswahl ist eine auf nationaler Ebene. Auf globaler Ebene haben wir mit der UN-Klimakonferenz COP 26 die Chance, zu länderübergreifenden Lösungen für wirksamen Klimaschutz zu kommen. Auf europäischer Ebene erwartet uns zudem das maßgebliche Fit-for-55 Package. Es ist dementsprechend ein sehr guter Zeitpunkt, um tatkräftig loszulegen.

Interview mit

Bernd Weber
(Foto: Bernd Weber)

Bernd Weber ist der Gründer und Geschäftsführer von Epico Klimainnovation. Zuvor hat er den Bereich Industrie, Energie und Umwelt des CDU-Wirtschaftsrates geleitet und war dort u.a. für die Arbeit der Bundesfachkommission Energiepolitik und den Gipfel "Klausurtagung Energie- und Umweltpolitik" verantwortlich. Bernd Weber ist Mitglied im Bundesfachausschuss Wirtschaft, Arbeitsplätze und Steuern der CDU Deutschlands. Er hat zu europäischer Energie- und Klimapolitik an Sciences Po Paris und der University of Oxford promoviert.

bizz energy: Was würden Sie an der Klimapolitik der aktuellen Bundesregierung ändern?

Bernd Weber: Es gibt viele Entscheidungen, die in die richtige Richtung gehen. Die Einführung eines marktwirtschaftlichen CO2-Preissignals für die Sektoren Wärme und Verkehr ist sicher eine davon. Aber wir steigen jetzt in eine neue, noch anspruchsvollere Phase ein, in der wichtige Weichen gestellt werden müssen, damit Investitionen stattfinden. Mindestens die Hälfte der Innovationen, die wir für die Klimaneutralität zwingend benötigen werden, haben noch lange nicht die Marktreife erreicht. Das bisherige Innovationstempo muss dringend gesteigert werden. Es muss das Ziel weitsichtiger Politik sein, in der nächsten Legislaturperiode den Rahmen hierfür zu schaffen. Die Dekarbonisierung aller Sektoren erfordert technologische Sprünge, die mit großem Nachdruck vorangetrieben werden müssen.

Andreas Jung: Wir müssen jetzt konkret werden. Es gibt einen breiten Konsens, dass Klimaschutz entschieden vorangebracht werden muss - dass er verbunden werden muss mit Wirtschaft und Sozialem. Mir hat beim Ansatz von Epico gefallen, dass er eindeutig formuliert und breit aufgestellt ist. Dass Personen wie Christoph Bals und Hildegard Müller gemeinsam in einem Beirat sind. Dass Wissenschaftler aus unterschiedlichen Richtungen wie Christoph M. Schmidt und Ottmar Edenhofer dabei sind. Denn das, was jetzt gemacht werden muss, muss länger tragen als bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode. Deshalb finde ich es richtig, viele verschiedene Akteure einzubeziehen. 

Aus meiner Sicht haben wir mit dem Klimaschutzgesetz und dem Klimapaket einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht. Aber klar ist: Wir müssen jetzt draufsatteln. Der Maßstab ist Paris. Wir wollen das 1,5-Grad-Ziel und die Klimaneutralität mit Innovationen. Aber das passiert nicht einfach von allein. Die EU hat sich bereits auf höhere Ziele verständigt. Nun ist es notwendig weiterzudenken und Innovationen erheblich zu beschleunigen. 

bizz energy: Im Beirat sitzen auch Akteure von den Grünen und der FDP. Ist Epico womöglich auch ein Wegbereiter für neue Konstellationen nach der Bundestagswahl?

Bernd Weber: Wir wollen im Beirat die gesellschaftliche Mitte breit abbilden, nicht zukünftige Parlamente oder Regierungskonstellationen. Denn diese breite Mitte braucht es angesichts der riesigen Aufgabe, vor der wir als gesamte Gesellschaft stehen.

bizz energy: Das Thema CO2-Bepreisung ist gesetzt. Soll konkret ein europäischer CO2-Preis im Fokus der Arbeit stehen?

Bernd Weber: Nicht allein, aber natürlich haben wir jetzt auf europäischer Ebene die große Gelegenheit, ein marktwirtschaftliches CO2-Preissignal in allen Sektoren zu etablieren. Zugleich geht es auch darum als EU, mit anderen Ländern wie den USA, Großbritannien, Japan und gegebenenfalls China, die sich der Klimaneutralität verpflichtet haben, grenzüberschreitende, handelsrechtskonforme Schritte auf dem Weg zu einem möglichst globalen CO2-Preis zu machen. Klar ist auch: Der CO2-Preis ist ein sehr wichtiges Instrument, wird aber nicht alles allein richten können. Zum Beispiel müssen auch die Einnahmen daraus klug zur Begleitung des Weges zur Klimaneutralität genutzt werden.

Interview mit

Andreas Jung
(Foto: Otto Kasper Studios)

Andreas Jung ist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Vorsitzender des Beirates von Epico Klimainnovation. Der Rechtsanwalt ist seit 2005 Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Konstanz und außerdem Vorsitzender der Deutsch-Französischen Parlamentariergruppe und der CDU-Landesgruppe Baden-Württemberg sowie stellvertretendes Mitglied im Finanzausschuss und im Haushaltsausschuss.

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Andreas Jung: Der Markt allein richtet es nicht. Die CO2-Bepreisung ist ein marktwirtschaftliches Instrument und soll Leitinstrument sein. Aber wenn wir auf die Marktkräfte allein vertrauen könnten, bräuchten wir die ganzen Anstrengungen nicht. Deshalb finde ich das Bekenntnis zu einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft wichtig.

Auch in der ersten Beiratssitzung wurde in dieser Frage eine große Bandbreite sichtbar. Mir wäre es daher zu kurz gesprungen, wenn man sagt: Die Initiative will allein mit dem CO2-Preis Klimaziele erreichen. Natürlich muss Emissionshandel eine wichtige Rolle spielen und gestärkt werden. Ich persönlich halte es beispielsweise für falsch, im europäischen Flugverkehr zahlreiche Zertifikate kostenlos zuzuteilen. Es ist auch notwendig, den CO2-Preis auch auf EU-Ebene für die Bereiche Wärme und Verkehr einzuführen. Aber auch andere Instrumente wie Förderung und Regulierung werden weiter eine Rolle spielen. Vorgesehen ist zudem eine Initiative für ein Steuern-, Abgaben- und Umlagen-System, das auf CO2 abzielt. Aufgabe ist es nun, ein Modell zu finden, mit dem die Klimaziele verlässlich erreicht werden. 

bizz energy: Wie will Epico arbeiten und gehört werden? 

Bernd Weber: Wir müssen auf dem Weg zur Klimaneutralität schneller und konkreter werden - das soll sich auch in unserer Arbeitsweise wiederfinden. Epico geht dafür neue Wege, denn Innovationen für Klimaneutralität brauchen ein koordiniertes und vernetztes Vorgehen. Ein Kernprojekt wird ein Akzelerator-Lab sein, mit einer Methode, die aus dem Start-up-Bereich kommt. Mit 60 Teilnehmern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft wollen wir sehr schnell konkrete Vorschläge entwickeln. Das Format wird zu den Themen Abgaben- und Umlagen-Reform, CO2-Preis, Schlüssel-Infrastrukturen, Aufbau einer Wasserstoff-Wirtschaft arbeiten. Zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung wollen

wir zudem einen Reality-Check der Wasserstoff-Strategie machen: Sind wir hier auf dem richtigen Weg und werden Unternehmen unter den gegebenen Rahmenbedingungen investieren? Das langfristige Marktdesign für Erneuerbare wird zudem genauso Thema von Epicos Arbeit sein, wie die Chancen der Digitalisierung. Bis zum Sommer wollen wir erste Papiere zu verschiedenen Themen vorlegen und anschließend diskutieren.

bizz energy: Epico wird unter anderem durch Breakthrough Energy von Bill Gates finanziert. Dieser wirbt neuerdings für ein Revival der Kernkraft zur Bekämpfung des Klimawandels. Wird Atomenergie ein Thema sein?

Andreas Jung: Kernenergie als Zukunftstechnologie ist kein Thema. Basis ist der beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie und der Ausstieg aus der Kohle. Wir können darüber sprechen, wie das noch schneller gehen kann. Aber es kommt überhaupt nicht in Frage über Verlängerungen zu sprechen. 

Mir ist es wichtig, dass die persönliche Mitgliedschaft und Arbeit im Beirat unabhängig sind. Das gilt auch für die anderen Mitglieder. 

Bernd Weber: Epico arbeitet komplett unabhängig und ohne jegliche Weisung von anderen Institutionen. Wir sind unabhängig und gemeinnützig veranlagt.

Fragen: Carsten Kloth