Windenergie
20.12.2012

Der Balanceakt

Depositphotos

Deutschen Windanlagenbauern stehen raue Zeiten bevor, sie sind zu klein für den internationalen Markt. Für Zulieferer und Projektierer sieht es besser aus.

Die Dillinger Hütte ist die älteste Aktiengesellschaft Deutschlands. Der 1685 gegründete Grobblech- und Stahlhersteller aus dem Saarland hat seit einiger Zeit ein neues Standbein: Offshore-Fundamente. Anfang Juli 2012 begann der Bau für ein neues Werk im niedersächsischen Nordenham zur Herstellung von Monopiles für Offshore-Windparks – selbst Ministerpräsident David McAllister (CDU) begleitete den Spatenstich vor Ort. „Mit dem Werk in Nordenham reagieren wir auf den erwarteten hohen Bedarf“, sagt Vorstandschef Karlheinz Blessing. Ab 2014 will er mit über 300 Mitarbeitern produzieren; drei Jahre später sollen bei voller Auslastung 100 Meerespfeiler pro Jahr mit einem Gewicht von bis zu 1.500 Tonnen vom Werkshof gehen. Der Stahlriese ist ein wichtiger Zulieferer für Windenergieanlagen und setzte im vergangenen Jahr insgesamt 2,5 Milliarden Euro um. 

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Offshore soll ein riesiges Geschäft werden. Denn die Bundesregierung hat sich das Ziel gesteckt, insgesamt 10 Gigawatt bis 2020 auf dem Meer zu installieren. Branchenexperten glauben daran bereits nicht mehr. Denn das Risiko für die Anlagenbetreiber und deren Geldgeber lässt sich schwer kalkulieren.

Abenteuer Offshore

Windreich aus Wolfschlugen bei Stuttgart setzt sich diesem Risiko aus. Insgesamt 20 Offshore-Großprojekte hat die Firma nach eigenen Angaben gesichert, derzeit sucht man nach weiteren Großinvestoren. Ihr Geschäftsführer Willi Balz stichelt gegenüber dem Essener Energieriesen RWE, der bereits zwei Windparkprojekte verschieben musste: „Die Rahmenbedingungen mögen der RWE nicht gut genug sein, für uns sind sie perfekt.“ Der Stromkonzern habe Probleme, weil er zu spät in den Markt gestartet sei und die Anschlüsse zu spät beantragt habe. In der Branche fragt man sich aber, ob sich nicht auch Balz mit Projekten verhoben haben könnte. 

Windreich hält laut Forschungsinstitut Wind Research einen Marktanteil von 35 Prozent bei den genehmigten, geplanten und in Bau befindlichen Offshore-Windparks in der Nordsee und liegt damit deutlich vor Anlagenbauer Bard mit 9,8 Prozent und Projektierer Wpd mit 6 Prozent. Mit Ex-Telekom-Vorstand Karl-Gerhard Eick als Finanzchef will Windreich bald den Gang aufs Börsenparkett wagen. 

Insgesamt 22.000 Anlagen

Noch erlebt die deutsche Branche vor allem Onshore einen kräftigen Schub. Windmüller installierten bereits ein Gigawatt Leistung in den ersten sechs Monaten 2012. In der zweiten Jahreshälfte sollen nach einer Umfrage im Auftrag des Bundesverbands Windenergie 1,4 Gigawatt an Windturbinen hinzukommen. Über 22.000 Anlagen mit einer Kapazität von 30 Gigawatt sind derzeit am Stromnetz installiert.

Doch die Aussichten trüben sich spätestens ab 2013 ein. Für die Hersteller von Windenergieanlagen sind die Gewinne seit 2008 immer weiter eingebrochen. Die Marge aus dem operativen Geschäft, also das EBIT, liegt „im Durchschnitt nur noch bei einem Prozent“, analysiert Wolfgang Krenz, Partner der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Insgesamt gebe es zu viele kleine Unternehmen im Markt. „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es zu Konsolidierungen kommt“, so Krenz. So wurde der Anlagenbauer Fuhrländer aus dem Westerwald kürzlich zu 80 Prozent von privaten Investoren übernommen. Größter Anteilseigner ist nun die Firma Windgröße des Ukrainers Maxim Efimov. 

Der deutsche Marktführer Enercon scheint gut gerüstet für magere Zeiten. Das Unternehmen hält laut Deutschem Windenergie-Institut in Wilhelmshaven rund 60 Prozent Marktanteil, vor Vestas mit 21 Prozent und Repower mit rund 10 Prozent. Enercon ist Pionier der getriebelosen Windanlagen. 

Auslandsmärkte: nicht immer ohne Risiko

Bereits Anfang der neunziger Jahre setzte Gründer Aloys Wobben auf die innovative Technologie, die aus wenigen drehenden Bauteilen mit nahezu reibungslosem Energiefluss besteht. Viele andere Unternehmen bieten heute beide Antriebstechniken an. Enercon verkauft heute in 30 Länder weltweit, darunter Kanada, Brasilien und Japan. Der US-Markt und Indien werden nach Patentstreitigkeiten nicht mehr bedient, vom chinesischen Markt lässt man gleich ganz die Finger.

Siemens kaufte Ende 2004 mit der dänischen Firma Bonus Energy einen der fünf größten Windanlagenbauer und löste damit das Ticket für den Weltmarkt. Bonus war damals bereits in 20 Ländern vertreten und speziell im Offshore-Geschäft gut gerüstet. Wenig später schlägt der Münchner Konzern auch bei Winergy aus Voerde zu. Diese Tochter des Getriebebauers Flender liefert Antriebssysteme und diverse Komponenten für alle Märkte. 

Service und Wartung bringen Marge

Jede dritte Windturbine weltweit wandelt mit ihren Getrieben und Kupplungen Wind in Strom um. Über 70.000 Getriebe lieferten die Techniker bereits aus. Produktions- und Service-Standorte liegen außer in Deutschland in den Boommärkten China, Indien und den USA. Denn Wartung ist ein aussichtsreiches Geschäft. Jedes Jahr gibt es mehr Windturbinen und die installierten Anlagen werden immer älter. Wind-Experte Krenz: „Im Bereich Service und Wartung werden die größten Margen verdient.“

Unternehmensgröße spiele zudem eine entscheidende Rolle, gerade Offshore. Deshalb werden Weltkonzerne wie Siemens, Alstom, General Electric und Co auf hoher See die Windrichtung bestimmen, prognostiziert Krenz. Es gehe darum, möglichst viele Märkte zu bedienen. „Gleichzeitig ist die Präsenz vor Ort entscheidend, denn das Service-Geschäft lockt – ein echter Balanceakt.“

Niels Hendrik Petersen
Keywords:
Windenergie | Enercon | Dillinger Hütte | Windreich | WPD
Ressorts:
Markets

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