Interview
27.11.2019

„Der CO2-Handel zwischen Staaten braucht Kontrolle“

Foto: Sebastian Wiedling / UFZ, (Teaserbild: iStock)
Reimund Schwarze ist Professor für Internationale Umweltökonomie an der Frankfurter Viadrina und Forscher am Helmholtz-Zentrum für Umwelfforschung UFZ in Leipzig.

In der kommenden Woche beginnt der Weltklimagipfel in Madrid, bei dem der Handel mit Klimaschutz im Fokus steht. Schlecht reguliert könnte der die gesamte Integrität des Paris-Abkommens unterlaufen, warnt der Umweltökonom Reimund Schwarze.

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Aber es könnte doch genauso das Gegenteil eintreten: dass Brasilien seine Klimaziele extra abschwächt, sein Potenzial also absichtlich kleiner darstellt, um sich Klimaprojekte von anderen Ländern finanzieren zu lassen. Und die Schweiz könnte die Umstellung ihrer Wirtschaft hinauszögern und trotzdem ihre Klimaziele auf dem Papier erreichen.

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Solche Tricks könnten die gesamte Integrität des Paris-Abkommens unterlaufen, keine Frage. Deswegen kommt es ganz entscheidend darauf an, was nun in Madrid beschlossen wird. Das Kriterium der Zusätzlichkeit muss sowohl rechtlich festgehalten, als auch mit praktischen Maßnahmen hinterlegt werden. Sinnvoll funktionieren kann der Handel nur mit einem umfassenden Kontrollsystem für Käufe und Verkäufe von CO2-Zertifikaten.

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Einfache Verhandlungen werden das sicher nicht. Das Thema hängt uns ja noch vom vorigen Jahr an. Damals hätte Brasilien fast den gesamten Klimagipfel in Katowice platzen lassen, um eine Regulierung des zwischenstaatlichen Emissionshandels zu verhindern.

Es ist auch im Gespräch, das CO2-Handelssystem der Staaten mit dem der Luftfahrtbranche, Corsia, zu verknüpfen. Was würde das bedeuten?

Ein ganz wichtiger Punkt, dessen Bedeutung ich gar nicht genug hervorheben kann. Bei Corsia geht es ja darum, dass die Fluggesellschaften ihr beträchtliches Wachstum ab dem kommenden Jahrzehnt durch den Kauf von CO2-Zertifikaten kompensieren sollen. Da sind riesige Mengen an Treibhausgasen im Spiel, die dazu auch noch heftigste Wirkungen haben, weil sie so unmittelbar in der Atmosphäre ausgestoßen werden.

Beide Systeme zusammen könnten zu einem unübersichtlichen Monstrum ohne ausreichende Qualitätssicherung werden. Ich habe da wirklich Angst vor unheilvollen Kompromissen in den Verhandlungen.

Außerdem soll die zerstörerische Kraft der Klimakrise im Fokus der Verhandlungen stehen. Auf der Agenda steht die Überprüfung des Warschau-Mechanismus von 2013 zum Umgang mit Schäden und Verlusten – klingt technisch, ist aber hochpolitisch, oder?

Oh ja. Dieses Thema der Schäden und Verluste kann man gar nicht technisch besprechen. Es geht immer auch um das Verhältnis zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, um globale Gerechtigkeit.

Die reichen Industrieländer sind größtenteils verantwortlich für die Klimakrise, aber die Verluste und Schäden betreffen viele Länder im globalen Süden besonders stark. Die fordern deshalb Geld – zusätzlich zu sonstigen Zahlungen oder freiwilligen Spenden.

Bei der Überprüfung des Warschau-Mechanismus steht die Frage im Raum, wie er in das Paris-Abkommen integriert werden kann. Das ist jetzt auf die allerhöchste politische Ebene der Verhandlungen gehoben.

Im Paris-Abkommen steht, dass es keine direkte Haftung für den Klimawandel geben darf. Internationale Ausgleichszahlungen für Schäden und Verluste sind aber möglich, zum Beispiel internationale Subventionen für staatliche Versicherungen. Es gibt den Vorschlag eines gesonderten Fonds dafür auf UN-Ebene. Die Diskussionen darum werden schwierig; das Haftungsthema könnte wieder hochkochen. Ich bereite mich jedenfalls auf lange Nächte vor.

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Interview: Susanne Schwarz
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Keywords:
Klimaschutz-Gipfel | COP25 | Klimapolitik
Ressorts:
Governance
 

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