Ökostrom
03.07.2019

Deutsche Bahn: Die lange Fahrt ins Grüne

Foto: Deutsche Bahn AG / Volker Emersleben
Alle Züge im Fernverkehr der Deutschen Bahn fahren bereits mit Ökostrom, wirbt das Unternehmen.

Ab 2038 soll die Bahn nur noch mit Ökostrom fahren. Der Konzern muss dafür raus aus Kernkraft und Kohle. Wie soll das Ziel erreicht werden?

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat die Klimaschutz-Latte für die Bahn kürzlich etwas höher gehängt: „Statt wie bisher geplant ab 2050 wird der Bahnstrom bereits ab 2038 zu 100 Prozent auf Ökostrom umgestellt sein“, hieß es kürzlich in einer Vorlage für den Aufsichtsrat der Deutschen Bahn. Das ist ein Teil der neuen Konzernstrategie „Starke Schiene“, mit der Vorstandschef Richard Lutz das Unternehmen wieder voranbringen will.

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Das ehrgeizige Stromziel musste er wohl auf Wunsch des Ministers mit aufnehmen. Leicht ist es nicht zu erreichen, allein schon aufgrund des gewaltigen Bedarfs an Elektrizität. Der jährliche Verbrauch der Bahn liegt nach eigenen Angaben bei rund zehn Terawattstunden. „Das entspricht fast dem Stromverbrauch einer Stadt wie Hamburg“, erläutert eine Sprecherin. „Schon heute sind wir der größte Ökostromverbraucher in Deutschland.“ Derzeit liegt der Anteil grünen Stroms bei 57 Prozent. Der Rest entspringt konventionellen Energiequellen. Die Steinkohle steuert 18 Prozent bei, weitere sieben Prozent ihre braune Schwester. Erdgas mit acht Prozent und Kernkraft mit neun Prozent komplettieren den Energiemix.

Bahn ist fünftgrößter Energieversorger

In der Öffentlichkeit kaum bekannt ist, dass die Bahn auch als Stromanbieter auftritt. Dabei ist die Konzernsparte DB Energie der fünftgrößte Energieversorger in Deutschland. „Neben der Deutschen Bahn und Industriekunden versorgt DB-Energie aktuell auch rund 18.000 Privatkunden“, sagt die Sprecherin. 2,85 Milliarden Euro setzte die Sparte im vergangenen Jahr um, knapp die Hälfte davon kommt von konzernfremden Kunden. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern wird trotz der beträchtlichen Erlöse mit gerade einmal 21 Millionen Euro im Geschäftsbericht ausgewiesen.

Noch gehört die Bahn auch zu den Betreibern von Kernkraft. Sie ist nach eigener Aussage mittelbar am Atomkraftwerk Neckarwestheim (GKN) beteiligt, das 2022 vom Netz genommen wird. „Die DB ist auf diesen Ausstieg vorbereitet und sorgt dafür, dass der Zugverkehr dadurch nicht beeinträchtigt wird“, versichert die Sprecherin. Am Standort seien Umrichter installiert worden, um Strom aus dem öffentlichen Netz in Bahnstrom zu verwandeln.

Konzern besitzt zwei Wasserkraftwerke

Darüber hinaus bestehen langfristige Lieferverträge mit den Kohlekraftwerken in Mannheim, Lünen, Schkopau sowie dem Gastkraftwerk Kirchmöser. Über Bezugsdauer und -mengen will sich die Bahn nicht äußern. Ein vorzeitiger Ausstieg aus den Vereinbarungen kommt für das Unternehmen nicht in Betracht: „Die Deutsche Bahn steht zu ihren Verträgen“, stellt die Sprecherin klar, „die Ökostromstrategie ist auf das bestehende Kraftwerksportfolio ausgerichtet.“

An anderer Stelle mischt der Konzern aber auch schon bei der Produktion von grüner Energie selbst mit. Die Bahn besitzt zwei Wasserkraftwerke. „Um den Ökostromanteil am Bahnstrommix weiter zu erhöhen, verändert DB Energie in den kommenden Jahren sein Kraftwerks- und Vertragsportfolio nachhaltig“, heißt es auf Anfrage. Alle zur Verfügung stehenden Beschaffungsmöglichkeiten des europaweiten Energiemarktes würden genutzt. Darüber hinaus will die Bahn auslaufende Lieferverträge mit herkömmlichen Kraftwerken durch Verträge mit grünen Kraftwerken ersetzen. „In der zweiten Jahreshälfte 2019 wird dafür die nächste Ausschreibung für den Bezug aus EE-Anlagen gestartet“, kündigt die Sprecherin an. So liefere die Bahn auch Marktimpulse für Anlagenbetreiber in Deutschland.

Ein Jahrhundert Erfahrung mit E-Mobilität

CO2-Ausstoß im Frachtverkehr
Die Bahn setzt auf ein grünes Image und nutzt damit den aktuellen Trend zu mehr Klimaschutz. „Nur mit einer massiven Verlagerung der Verkehre auf die Schiene werden die Klimaziele erreichbar sein“, sagt Bahnchef Lutz. „Kein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich, keines ist so elektromobil.“ Erfahrung mit E-Mobilität hat der Konzern seit mehr als einem Jahrhundert. Im Jahr 1905 rollte in Bayern der erste mit Strom aus einem Wasserkraftwerk gespeiste Zug.

Heute fällt manchem Fahrgast ein kleiner Aufkleber an den Waggons der ICE-Züge ins Auge. Damit weist die Bahn darauf hin, dass die Flotte der Fernverkehrszüge seit Anfang 2018 mit „100 Prozent Ökostrom“ betrieben wird. Im Regionalverkehr hängt der Energiemix von den Bestellungen des jeweiligen Bundeslandes ab. Die Hamburger S-Bahn ist hier Vorreiter und als erster Nahverkehr klimaneutral unterwegs. Im Güterverkehr wird der Umstieg auf Erneuerbare wohl eher länger dauern. Im Durchschnitt kommt hier ein gutes Viertel der benötigten Energie aus erneuerbaren Quellen. Allerdings haben die Kunden die Möglichkeit, individuell einen höheren Anteil zu bestellen. Die notwendige Strommenge kauft die Bahn dann hinzu.

Aber es gibt noch ein großes Hindernis auf dem Weg zum CO2-freien Bahnverkehr. Derzeit sind erst 60 Prozent des rund 36.000 Kilometer langen Gleisnetzes elektrifiziert. Der Bund legt zwar nun ein Förderprogramm für einen weiteren Ausbau der Energieinfrastruktur auf. Doch das reicht nach den bisherigen Plänen nur, um den Anteil auf bis zu 70 Prozent anzuheben.

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Wolfgang Mulke
Keywords:
Ökostrom | Deutsche Bahn
Ressorts:
Markets

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