Klimaschutz
23.10.2017

Deutsche Bahn: Lutz will die „Vollvergrünung"

Foto: istock/Terroa
Konzernzentrale der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz in Berlin

Deutsche-Bahn-Chef Richard Lutz will den Ökostrom-Anteil bis 2030 auf 70 Prozent erhöhen. Allerdings ist der Konzern über Altverträge immer noch an Kohlestrom gebunden.

Im Vorfeld der UN-Klimaschutzkonferenz in Bonn setzt sich die Deutsche Bahn erstmals CO2-Einsparziele für das Jahr 2030. „Wir werden den CO2-Ausstoß weltweit bis 2030 mehr als halbieren“, kündigte Konzernchef Richard Lutz in Berlin an. Bisher hat die Bahn ihren CO2-Ausstoß im Vergleich zu 2006 um 25 Prozent gesenkt. Zusätzlich will der international tätige Konzern den Anteil von Ökostrom im gesamten Bahnverkehr von derzeit 42 auf 70 Prozent erhöhen.

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Bereits vom 1. Januar 2018 an wird jeder Reisende im Fernverkehr mit 100 Prozent Ökostrom unterwegs sein – jedes Jahr sind das rund 140 Millionen Passagiere. Momentan fahren nur die fünf Millionen Bahncard-Nutzer sowie Kunden, die freiwillig einen Euro pro Strecke zuzahlen, mit grüner Energie. Insgesamt will die Bahn mit der geplanten „Vollvergrünung“ neun Millionen Tonnen CO2 bis 2030 einsparen.

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„Wir wollen nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein“, sagt Lutz. Auch die Logistiksparte DB Schenker soll ihre Emissionen bis 2030 um 40 Prozent senken und gleichzeitig „treibhausgasneutral“ wachsen. Dies solle beispielsweise durch die Verlagerung von Luftfracht- und Straßenverkehr auf die Schiene geschehen, erklärt der Konzernchef. Da zwei Drittel des CO2-Abdrucks außerhalb Deutschlands zu verorten sei, gehe es dabei vor allem um internationale Ziele.

„Größte CO2-Schleuder auf deutschem Boden

In den kommenden Jahren will die Bahn weitere Stromlieferverträge auf der Basis erneuerbarer Energien abschließen. Zudem sollen auslaufende Verträge über fossile Energie durch solche mit Erneuerbaren ersetzt werden, sagt Lutz. Einige Hürden muss die Bahn dafür jedoch noch aus dem Weg räumen. Denn sie ist momentan über alte Verträge zur Abnahme von fossilem Strom verpflichtet. Dabei geht es zum einen um Kernenergie aus dem Atomkraftwerk in Neckarwestheim, das sich bereits im Rückbau befindet. Dafür wird die Bahn erneuerbaren Ersatz finden müssen. Außerdem hat sie Verträge über die Abnahme von Strom aus dem Steinkohlekraftwerk Datteln IV von Uniper (vormals Eon) abgeschlossen, das noch im Bau ist.

Der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD) sieht darin ein Problem. „Wenn Datteln IV in Betrieb geht und tatsächlich Bahnstrom liefert, wird es schwer mit den Klimazielen der DB und der klimaneutralen Schiene“, sagt Sprecher Philipp Kosok auf Anfrage von bizz energy. Das Kraftwerk, das künftig einen Großteil des Bahnstroms liefern solle, sei nach seiner Fertigstellung „die größte CO2-Schleuder auf deutschem Boden“. Er fordert deshalb von der Bundesregierung einen Kohleausstieg.

Bahn verbraucht riesige Strommengen

Die Deutsche Bahn ist einer der größten Stromverbraucher in Deutschland, sie gibt jedes Jahr Milliarden für Energie aus. An eigenen Anlagen besitzt der Konzern lediglich zwei alte Wasserkraftwerke in Bad Reichenhall und in Kammerl. In erster Linie bezieht die Bahn ihren Strom seit 2014 über Verträge mit zahlreichen Wasserkraftwerken an Rhein, Mosel, Ruhr, Main, Donau, Lech, Isar, Inn und vom Edersee. Zudem hat sie fünf Windparks mit insgesamt 48 Windrädern in Brandenburg und Niedersachsen unter Vertrag genommen. 

Konzernchef Lutz wollte nicht beziffern, wie viel zusätzliche Kosten sein Unternehmen für die neuen Klimaziele schultern muss. „Niemand weiß, wie sich die Strompreise entwickeln“, sagt er. Im Fernverkehr liege der Energiekosten-Anteil bei zehn Prozent. Die Bahn muss die EEG-Umlage zahlen, die von 40 Millionen im Jahr 2012 auf zuletzt 150 bis 160 Millionen Euro gestiegen sei, sagt Lutz und klagte: „Das hat nicht zur Wettbewerbsfähigkeit der Bahn beigetragen.“ Er machte deutlich, dass er sich von der neuen Bundesregierung mehr Unterstützung bei der Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene erhofft.

Momentan 60 Prozent elektrifizierte Bahnstrecken

Den VCD hat die Bahn dabei auf ihrer Seite. „Die Klimaschutzziele der Bahn sind sehr ambitioniert und gehen über die der Bundesregierung hinaus“, sagt Sprecher Kosok. „Im Straßenverkehr sehe ich dagegen heute nicht, wie wir auf absehbare Zeit Klimaneutralität erreichen wollen. Er ist heute gemeinsam mit dem Flugverkehr das große Sorgenkind.“ Er forderte, dass beim Klimaschutz endlich alle Verkehrsmittel berücksichtigt werden müssten. Insbesondere fordert er eine Ende von Subventionen für fossile Verkehrsträger wie den Diesel-Steuerrabatt.  „Es nützt nichts, wenn die Schiene klimaneutral ist, aber so teuer, dass am Ende alle Auto fahren.“

Momentan sind 60 Prozent der Bahn-Strecken elektrifiziert. Lutz hält eine Steigerung auf 70 Prozent für vorstellbar. Weniger CO2-Emissionen könnten aber durch eine Senkung des Energieverbrauchs der Fahrzeuge erreicht werden. Dazu gehöre die Hybridisierung der Diesel-Flotte, die Ausrüstung von Netz und Fahrzeugen mit moderner Leit- und Sicherungstechnik und die Automatisierung des Schienenverkehrs. Außerdem würden alternative Antriebe entwickelt. So hat die Bahn beispielsweise in Würzburg und Nürnberg ein Pilotprojekt gestartet, bei dem sie Hybrid-Rangierloks einsetzt.

Jutta Maier
Keywords:
Deutsche Bahn | Ökostrom | erneuerbare Energien | Pariser Klimaabkommen | Energiewende | Klimaschutz
Ressorts:
Governance | Markets

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