Interview Elena Bou
20.02.2019

„Deutsche Gründer sind ganz schön verwöhnt“

Foto: Andreas Friedrich/InnoEnergy
Entdeckt Talente: Elena Bou, Vorstandsmitglied bei InnoEnergy.

Elena Bou kennt sich aus mit Energie-Start-ups. Und den Energiekonzernen liest die Innovationsdirektorin der europäischen Fördergemeinschaft InnoEnergy die Leviten.

Frau Bou, Sie beschäftigen sich von morgens bis abends mit Innovation im Energiesektor. Wie kann diese Branche scheller klimaneutral werden?
Wenn man sich die technologischen Fortschritte ansieht, erkennt man, dass wir schon deutlich vorangekommen sind. Aber die neuen Technologien in die Praxis zu bringen, daran hapert es. Große Energieversorger verstehen zwar, dass sie sich schneller verändern können, indem sie sich mit Start-ups zusammentun. Aber wenn es gilt, in sie zu investieren, ruft der Finanzvorstand: „Stopp, zu riskant! Das ist doch nur ein kleines Start-up.“ Die Großen wollen Innovation mithilfe von Start-ups. Aber sie haben eine Maschinerie, in der das nicht funktioniert.

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Lässt sich die Maschinerie verändern?
Ich habe Vorstandschefs konfrontiert: „Wollt Ihr Innovation oder nicht?“ Die Manager müssen sich persönlich dafür entscheiden, sonst passiert nichts. Die mangelnde Fähigkeit von Energieversorgern, die Innovationskraft des Start-ups aufzunehmen, ist eines der größten Hemmnisse für eine schnellere Entwicklung. Deshalb bietet Inno Energy ihnen Hilfe an, zum Beispiel die Beschaffungsprozesse ihrer Unternehmen so zu verändern, dass ein Start-up besseren Zugang zu dem Versorger bekommt. Innovation könnte viel schneller wirken, denn die Platzhirsche können sie am schnellsten in den Markt bringen. Aber dazu müssen sie verstehen, dass Start-ups anders ticken.

Wie machen sich die deutschen Gründer im Energiesektor?
Ich glaube, sie sind ganz schön verwöhnt. Das großzügige deutsche Förderungssystem war in den vergangenen Jahren sehr fruchtbar. Es gab und gibt leicht verfügbares Geld. Das macht es einfach, Unternehmer zu werden. Unsere Zahlen zeigen aber, dass Neugründungen in Deutschland oft weniger effektiv sind. Das ist schade, denn das Talent ist da.

Stupid German money?
Deutschland ist in einer privilegierten Position. Es hat sehr viel Finanzierung der öffentlichen Hand mobilisiert, und das ist gut! Doch das führt auch dazu, dass deutsche Gründer von uns hohe Summen fordern – mit dem Argument, aus diesem oder jenem Topf in Deutschland bekämen sie doch auch so viel – oder mehr. Wir aber wollen von ihnen hören, was für unternehmerische Ambitionen sie haben, welche Herausforderung sie annehmen, wer ihre Kunden sind.

Hat die Gründerszene in Deutschland ein Wahrnehmungsproblem?
Wir haben oft den Eindruck, dass es Gründern vorrangig um die Finanzierung geht. Dabei muss es doch um das gehen, was finanziert werden soll. Bitte nicht missverstehen: Ich wünschte, in jedem Land gäbe es so viele Förderinstitutionen und -ressourcen. Aber in Deutschland hapert es einfach an der Umsetzung.

Das heißt, die üppige Förderung kann Innovation sogar hemmen.
Ich lerne Gründer aus ganz Europa kennen. Es gibt Gegenden, in denen sie unternehmerisch wirklich hungrig sind. Dort entstehen Motivation und Kreativität. Aber wenn man ein System schafft, in dem Finanzierung so leicht zu bekommen ist, dass sie nicht den Drang fördert, wirklich in die Märkte reinzukommen, dann bekommt man Gründer, die mit ihren Gehaltserwartungen argumentieren. Wir entgegnen dann: "Wie bitte? Sie fangen gerade erst an! Ein hohes Gehalt bekommen Sie, wenn Sie Erfolg haben."

Und was ist positiv an den deutschen Energie-Start-ups?
Es gibt sehr talentierte Teams, und es gibt Technologien mit großem Potenzial. Wenn man diese Teams aus dem gewohnten Fördersystem herausnimmt und in das Inno-Energy-Ökosystem setzt, verwandeln sie sich. Dann fokussieren sie sich wirklich auf die Märkte. Dann beschäftigen sie sich wirklich mit ihren Kunden.

Gelingt das auch Start-ups, die nicht technologiegetrieben sind, sondern eher von einem konkreten Nutzen für Stromverbraucher?
Ja, und in Deutschland haben solche Unternehmen einen großen Vorteil. Die Bürger sind offener für neue Ideen aus der Energiewirtschaft. Viele Menschen haben die Notwendigkeit der Erneuerung längst verinnerlicht. Innovationen im Energiemarkt werden deshalb schneller angenommen als in vielen anderen Ländern. Das bewundere ich an Deutschland.

Elena Bou ist Mitgründerin und Vorstandsmitglied von InnoEnergy. Die Förder- und Innovationsgemeinschaft für nachhaltige Energie wird von der EU, von Hochschulen und Unternehmen finanziert. Vor InnoEnergy war die Spanierin als Management-Beraterin tätig.

Interview: Christian Schaudwet
Keywords:
Start-ups
Ressorts:
Markets

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