Windenergie
21.01.2019

Deutsche Offshore-Windindustrie fürchtet den Abstieg

Fotos: Tennet, iStock
Bau eines Windparks in der Nordsee: Wegen fehlender Ausschreibungen wird dieser Anblick in den kommenden Jahren seltener.

Die deutsche Offshore-Windbranche befürchtet, auf dem Weltmarkt den Anschluss zu verlieren. Die Schuld gibt sie der Bundesregierung und deren restriktiver Ausbaupolitik.

Während an vielen Orten der Welt riesige Summen in neue Windparks auf See investiert werden, droht Deutschland auf dem Offshore-Markt ins Abseits zu geraten. Diese Gefahr sehen die Lobbyverbände der Branche. „Wir stehen auf der Kippe, unsere Technologieführerschaft zu verlieren“, sagt der Geschäftsführer des norddeutschen Windenergienetzwerks WAB, Andreas Wellbrock, bei der Vorlage der Offshore-Bilanz für das Jahr 2018 in Berlin. Ohne baldige neue Ausschreibungen werde Deutschland auf diesem Markt für Investoren unattraktiv, warnt Marc Becker vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Im Vergleich zu Ausbauzielen in den USA, Taiwan, Indien und Teilen Europas falle Deutschland dramatisch ab: „Wir sehen Wachstum überall, nur nicht in Deutschland“, so Becker.

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Knud Rehfeldt, der Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens Deutsche Windguard, sagt der Offshore-Windindustrie einen „ganz abrupten Abbruch“ voraus. Weil die nächsten regulären Ausschreibungen nicht vor 2021 vorgesehen sind, warnt er vor „drastischen Folgen“. Ambitionierte Ausschreibungen seien jetzt notwendig, um Deutschlands technologische Spitzenposition zu halten.

„Deutlich mehr machen“

Die Branchenvertreter werfen der Bundesregierung eine „sträfliche Vernachlässigung“ der Offshore-Windenergie vor und erneuern ihre Forderung nach einer Sonderausschreibung in Höhe von 1,5 Gigawatt noch im Frühjahr. Zudem verlangen sie ein gesetzlich festgelegtes Ausbauziel von mindestens 20 Gigawatt bis zum Jahr 2030 und von mindestens 30 Gigawatt bis 2035. Aufgrund der deutschen Klimaziele werde der Strombedarf sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln, sagt WAB-Geschäftsführer Wellbrock. „Deshalb müssen wir deutlich mehr machen.“

(Lesen Sie auch: Eon sucht sein Offshore-Glück im Ausland)

Die Bundesregierung führt als Grund für ihre Zurückhaltung stets den schleppenden Netzausbau an, der verhindere, dass die zusätzlichen Strommengen von See zu den Stromverbrauchern gelangen könnten. Dieses Problem sehen auch die Branchenverbände WAB, VDMA, BWO (Bundesverband der Windparkbetreiber Offshore) und BWE (Bundesverband Windenergie). Sie halten es aber für lösbar – auch bei steigender Offshore-Windstromerzeugung. Ein Grund für ihren Optimismus: Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat zugesagt, dass er die noch in diesem Jahr hinzu kommenden 1,3 Gigawatt sowie mögliche 1,5 Gigawatt aus der geforderten Sonderausschreibung an Land transportiert. WAB-Chef Wellbrock zeigt sich zuversichtlich, dass auch für Kapazitäten aus Ausschreibungen ab 2021 rechtzeitig Übertragungskapazitäten geschaffen werden und verweist auf die laufende Netzausbau-Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums.

Regeln für Null-Cent-Gebote

Wellbrock sprach sich auch dafür aus, zügig per Gesetz festzulegen, nach welchen Kriterien künftig zwischen sogenannten Null-Cent-Geboten ausgewählt wird. „Das muss schnell geregelt werden, damit Planungssicherheit gegeben ist“, sagte Wellbrock. Mit solchen Geboten verzichten Investoren bei Windpark-Ausschreibungen komplett auf garantierte Einspeisevergütungen. Bisher erhielten vier Null-Cent-Gebote in der Nordsee und eines in der Ostsee Zuschläge.

Die Offshore-Windenergieerzeugung in deutschen Gewässern ist nach Angaben der Verbände im vergangenen Jahr um acht Prozent gestiegen. Es kamen 136 Anlagen mit fast einem Gigawatt Gesamtleistung hinzu, wobei der Zubau sich im Vergleich zu früheren Jahren verlangsamt hat. Insgesamt sind nun 1.305 Offshore-Windräder mit insgesamt 6,4 Gigawatt angeschlossen. Weitere Anlagen mit einer Kapazität von 276 Megawatt stehen bereit, liefern aber noch nicht ans Netz. Windparks mit weiteren 966 Megawatt sind im Bau, zusätzliche 112 Megawatt sind beschlossene Sache. Die Verbände erwarten, dass sie damit das aktuelle gesetzliche Limit von 7,7 Gigawatt im Jahr 2020 erreichen.

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Christian Schaudwet
Keywords:
Offshore | Windenergie | Ausschreibungen
Ressorts:
Governance | Markets

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