Energiemarkt
02.10.2018

Deutsche Windstromfirmen in Irland fürchten harten Brexit

Foto: iStock
Windenergieanlagen des deutschen Herstellers Enercon in Irland.

Die Brexit-Verhandlungsrunde am Wochenende ist an der Nordirlandfrage gescheitert. Ein Ende des gemeinsamen Strommarkts zwischen Irland und Großbritannien würde Investitionen deutscher Unternehmen gefährden.

Manager von Energieunternehmen wie Innogy, Nordex und Enercon bangen um ihre Investitionen in Irland. Der Grund: Die Brexit-Verhandlungen stecken fest. Falls die Gespräche zwischen Großbritannien und der EU endgültig scheitern, verlieren die deutschen Stromerzeuger in Irland den Zugang zu Nordirland und Großbritannien. Das hätte massive Auswirkungen auf die Rentabilität des investierten Kapitals. Das Risiko, dass es so kommt, scheint hoch: Nicht einmal die regierende britische Conservative Party ist sich in der Irland-Frage einig, wie sich zuletzt auf ihrem Parteitag in Birmingham zeigte.

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Stetiger Wind und gute Renditeaussichten auf der grünen Insel haben zahlreiche Unternehmen aus der deutschen Windbranche angezogen. Sie haben dort Anlagen mit einer Kapazität von rund 3000 Megawatt errichtet und hoffen, dass sie noch mehr installieren können. Irland gilt als einer der am schnellsten wachsenden Windenergiemärkte der EU.

Hardliner in der Regierung May

Doch für Michel Barnier, den Chefunterhändler der EU, ist Irland inzwischen das größte Hindernis für einen einvernehmlichen Brexit und der wahrscheinlichste Grund für ein Scheitern der Gespräche. „Ohne funktionierende Warenkontrollen gibt es keinen Deal“, warnte der Franzose seinen britischen Amtskollegen Dominic Raab bei einem Treffen Ende September. Die irische Regierung hat die EU-Mitglieder darauf eingeschworen, keine Brexit-Lösung zu akzeptieren, die auf eine harte Grenze auf der Insel hinausläuft.

Deshalb erhielt auch der sogenannte Chequers-Plan der britischen Premierministerin Theresa May auf dem jüngsten EU-Gipfel in Salzburg nicht den Segen der anderen Staats- und Regierungschefs. Zwar sieht der Plan einen Verbleib Großbritanniens im Waren- und Energiebinnenmarkt vor, doch er bietet keine praktikable Lösung für Einfuhrkontrollen zwischen Großbritannien und Irland. Barniers Vorschlag, diese in die irische See zu verlegen, lehnen die Hardliner in der Regierung May vehement ab. Denn dann bliebe das britische Nordirland Teil des Binnenmarkts und müsste weiter Gemeinschaftsrecht anwenden. EU-Ratspräsident Donald Tusk betonte nach dem gescheiterten Gipfel, die Staats- und Regierungschefs der EU „unterstützen Barnier in dieser Frage weiter uneingeschränkt.“

Dramatische Folgen für die Energieversorgung

Angesichts der starren Haltung auf beiden Seiten ist ein Scheitern der Brexit-Verhandlungen nicht mehr ausgeschlossen – der Energiemarkt könnte dabei die ausschlaggebende Rolle spielen. Falls es auf dem Sondergipfel im November zu keiner Lösung in der verfahrenen Irland-Frage kommt, steuert Großbritannien auf einen Austritt ohne Folgeabkommen zu. Das hätte nicht nur für Briten, sondern auch für Iren dramatische Folgen. Die Regierung in Dublin treibt dabei nicht nur die Sorge um, dass der Bürgerkrieg in Nordirland wieder aufflammen könnte, sondern auch dass der Warenverkehr und die Energieversorgung leiden könnten. Entlang der rund 500 Kilometer langen irischen Grenze würden wieder Grenz- und Zollkontrollen eingeführt, und der gemeinsame irische Energiemarkt bräche auseinander – auch für die deutschen Energieunternehmen.

Seit 2007 betreibt die Republik mit Nordirland einen integrierten Energiemarkt mit Netzverbund, einheitlichen Regeln und gemeinsamem Regulierer. Nirgendwo in der EU ist der grenzüberschreitende Energiehandel besser verzahnt als auf der Insel. Das hat seinen Grund. Mit 21 Prozent hat Energie den größten Anteil an den Importen Irlands aus Großbritannien. Rund 10 Prozent des Stroms und fast das ganze Erdgas bezieht die Republik  über Großbritannien. Aber auch deren Stromexporte nach Nordirland und auf die britischen Insel nehmen kontinuierlich zu – dem Ausbau der Windenergie sei Dank.

Weder Stromleitungen noch Pipelines

Bei einem harten Brexit müsste der gemeinsame Energiemarkt wieder abgewickelt werden. Das will die irische Regierung in Dublin unter allen Umständen verhindern, denn zu den Einfuhren von Strom und Gas aus Großbritannien gibt es keine Alternative. Zwischen dem europäischen Kontinent und der Insel gibt es weder Stromleitungen noch Pipelines.

Ein harter Brexit könnte die Strom- und Gaspreise in Irland – ohnehin mit die höchsten in Europa – weiter verteuern. Aber auch die Versorgung Nordirlands würde leiden. Denn bis 2022 will Großbritannien fast ganz aus der Kohleverstromung aussteigen. Die nordirische Provinz hätte dann kein einziges Kohlekraftwerk mehr. Bislang ist vorgesehen, dass Windenergie aus der Republik die Lücke schließen soll.

Generatoren auf Frachtkähnen

Angesichts der auf der Kippe stehenden Austrittsgespräche schlägt Steve Holliday, früher Chef des britischen  Netzbetreibers  National Grid und heute Vizepräsident des UK Energy Institute, im Gespräch mit bizz energy Alarm: „Wir müssen den Energiezugang nach Europa schützen, das gilt insbesondere für Nordirland. Ein Auseinanderbrechen des gemeinsamen Energiemarkts wäre ein Desaster.“ Mit anderen Worten: Verlässt Großbritannien den Energiebinnenmarkt, drohen zumindest in der irischen Provinz die Lichter auszugehen.

Brexit-Befürworter im britischen Parlament  haben sich für den Notfall schon eine Lösung ausgedacht. Die Royal Army stationiert auf Frachtkähnen in der irischen See tausende Stromgeneratoren. Die müsste sie allerdings erst aus Einsatzländern wie Afghanistan abziehen.

 

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Norbert Mühlberger
Keywords:
Brexit | Irland | Nordirland | Energiemarkt
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