DIW-Studie
15.08.2018

Deutscher Kohleausstieg stärkt Erneuerbare in Europa

Foto: Creative Commons
Der Tagebau Garzweiler II in Jüchen, Nordrhein-Westfalen, führt immer wieder zu Bürgerprotesten.

Nur mit einem zügigen Ausstieg aus der Kohle lassen sich die deutschen Klimaziele für 2030 noch erreichen. Wirtschaftsforscher sehen vor allem NRW in der Pflicht.

Raus aus Braun- und Steinkohle – nur so kann Deutschland das Klimaziel für 2030 noch schaffen. Dabei kommt Nordrhein-Westfalen (NRW) als größtem Emittenten unter den Bundesländern eine Schlüsselrolle zu. Dies zeigen Modellrechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Wissenschaftler widersprechen dabei Befürchtungen, dass bei einem Kohleausstieg Deutschlands mehr Kohlestrom aus dem Ausland importiert würde. Im Gegenteil könne der Ausstieg sogar dazu führen, dass der Anteil von erneuerbaren Energien in den Nachbarländern zunimmt.

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Die Wissenschaftler haben mit Blick auf die Arbeit der Kohlekommission, die bis Jahresende einen Termin für den Ausstieg vorschlagen soll, die Wirkungen unterschiedlicher Ausstiegsszenarien auf die CO2-Emissionen verglichen. „Anders als beim Klimaziel für 2020, das bereits als gescheitert gilt, bestehen für 2030 durchaus noch Chancen, die Klimaziele zu erreichen“, sagt Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie am DIW. „Aber nur, wenn man mit dem Kohleausstieg so schnell wie möglich beginnt und den Ausbau der erneuerbaren Energien forciert.“

Anreize für den Ausbau Erneuerbarer

Die Analyse zeigt auch, dass sich die Kohleverstromung kaum in Nachbarländer verlagern und stattdessen dort der Anteil der erneuerbaren Energien steigen würde. Zurzeit wird ein Teil des deutschen Kohlestroms ins Ausland exportiert. Da er günstiger ist, verdrängt er dort vor allem emissionsärmere Gaskraftwerke. Die DIW-Forscher gehen davon aus, dass weniger deutscher Kohlestrom zu mehr Gas-Erzeugung führt. Die Atom- und Braunkohlekraftwerke in Länder wie Frankreich oder Polen seien ohnehin bereits ausgelastet. Darüber hinaus entstünden zusätzliche Anreize für den Ausbau erneuerbarer Energien, wenn die Möglichkeit des kostengünstigen Imports deutschen Kohlestroms entfalle. Der deutsche Kohleausstieg treibe somit die Dekarbonisierung in Europa voran.

Quelle: DIW
Auch hierzulande würde ein Rückgang der Kohleverstromung die Nutzung erneuerbarer Energien stärken. Die Forscher simulieren drei Szenarien: Bei einem langsamen Ausstieg werden die bestehenden Kohlekraftwerke ausschließlich nach Erreichen ihrer technischen Lebensdauer stillgelegt; dabei werden die Klimaziele in der Energiewirtschaft auch für 2030 deutlich verfehlt. Bei einem mittelschnellen Ausstieg wird die gesamte Kohlekapazität bis 2030 auf gut 17 Gigawatt reduziert und zusätzlich Kapazität gedrosselt. Bei einem schnellen Ausstieg wird die Gesamtkapazität auf 8,6 Gigawatt reduziert. Sofern gleichzeitig die erneuerbaren Energien den Zielen der Bundesregierung entsprechend ausgebaut werden, können in den beiden letzteren Fällen die Klimaziele 2030 erreicht werden.

Landschafts- und Umweltschutz

Nordrhein-Westfalen ist als traditioneller Standtort der Energieproduktion nach Einschätzung des DIW ein Schlüsselland der Energiewende. Erstens stehen dort noch sehr viele alte und ineffiziente Kohlekraftwerke, und zweitens liegt NRW gerade beim Ausbau der erneuerbaren Energien im Ländervergleich noch immer sehr weit hinten. Weil NRW der größte Emittent unter den Bundesländern ist, sind hier die Klimaschutzeffekte bei einem Kohleausstieg auch besonders groß. Die Wissenschaftler meinen: Die nordrhein-westfälischen Braunkohlekraftwerke sollten bis 2030, die Steinkohlekraftwerke bis 2040 abgeschaltet werden.

Der Ausstieg aus der Braunkohle würde nicht zuletzt auch dem Landschafts- und Umweltschutz dienen. „Der Kohleausstieg in Nordrhein-Westfalen kann so gestaltet werden, dass im Tagebau Garzweiler II keine weiteren Ortschaften weichen müssen und auch der Hambacher Forst größtenteils erhalten bleibt“, sagt Energieexpertin Kemfert. Wenn in den anderen Sektoren nicht mehr passiere, hänge das Erreichen der Klimaziele fast vollständig vom Stromsektor ab. Aus diesem Grund sei es ratsam, den Kohleausstieg so schnell wie möglich zu beginnen.

Lesen Sie auch: Braunkohle – Bundesregierung bremst schärfere Schadstoff-Grenzwerte aus

Carsten Kloth
Keywords:
Kohleausstieg | erneuerbare Energien
Ressorts:
Governance

Kommentare

"Wenn in den anderen Sektoren nicht mehr passiere, hänge das Erreichen der Klimaziele fast vollständig vom Stromsektor ab."

Warum passiert denn da nichts? Der mediale und politische Fokus scheint in Bezug auf die Reduktion der Treibhausgasemissionen fast nur auf der Stromverzeugung zu liegen. Ganz fair erscheint mir das nicht.

Mit Blick auf Strom müssen auch Stromkosten, Versorgungssicherheit (Stichwort Dunkelflaute) und der regionale Strukturwandel in den Kohleregionen berücksichtigt werden. Auch wäre es für das Klima wenig sinnvoll, wenn in Deutschland eingesparte Emissionen über den EU-weiten Emissionshandel dann im EU-Ausland trotzdem entstehen.

Ob die Modelle des DIW alle diese Aspekte berücksichtigen und ihre vielfachen Wechselwirkungen mit Gesellschaft/Wirtschaft/Politik berücksichtigen (rhetorische Frage)? Sind die für die Modelle getroffenen Annahmen alle zweifelsfrei wahr (ebenfalls rhetorische Frage)?

Modellierungsergebnisse sollte man vielleicht etwas vorsichtiger kommunizieren anstatt sie als zweifelsfreie Erkenntnis in die Welt hinaus zu posaunen.

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