Rohstoffe
09.10.2019

Deutsches Lithium-Projekt in Bolivien gerät unter Druck

Foto: iStock
In der Salzwüste von Uyuni in Bolivien lagern die vermutlich weltgrößten Vorkommen an Lithium.

In der bolivianischen Salzwüste lagern riesige Vorkommen des Batterie-Grundstoffs Lithium. Das deutsche Unternehmen Acisa will investieren – doch vor Ort formiert sich Widerstand.

Ein hochrangig unterstütztes Rohstoffprojekt in Bolivien gerät ins Kreuzfeuer politischer Auseinandersetzungen: Bürgergruppen und Opposition kritisieren dort die geplante Förderung des Batterie-Grundstoffs Lithium durch eine deutsche Firma. Bald finden in Bolivien Wahlen statt – und Politiker und Medien haben das Projekt in den Mittelpunkt von Konflikten um Sozial- und Umweltpolitik gestellt.

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Das Unternehmen ACI Systems Alemania (Acisa) aus Zimmern ob Rottweil will Deutschland den Zugriff auf einen Anteil an den größten Lithium-Vorkommen der Welt sichern. Es hat dafür im vergangenen Jahr ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem bolivianischen Staatsbetrieb gegründet. Wegen der hohen Bedeutung des Alkalimetalls für Zukunftstechniken wie dem Elektroauto geben hochrangige Politiker dem Vorhaben ihre Rückendeckung. Bei der Unterzeichnung war Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier genauso dabei wie Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (beide CDU).

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Produktionsbeginn für Ende 2022 geplant

Nun verzeichnet Acisa bereits Verzögerungen von zwei bis drei Monaten, da auch die Behörden bei den nötigen Genehmigungen nicht immer so mitgespielt haben wie erhofft. Die politischen Unregelmäßigkeiten schaffen weitere Unsicherheiten. „Wir gehen aber davon aus, dass sich die Lage nach der Wahl schnell wieder normalisiert“, sagt Firmenchef Wolfang Schmutz. Er rechnet weiter mit einem Produktionsbeginn Ende 2022, so wie ursprünglich geplant.

Derzeit sieht es jedoch eher so aus, als nehme der Gegenwind noch zu. Für diese Woche hat ein Bürgerkomitee in der Stadt Potosí (Comcipo) zu einem Generalstreik aufgerufen; am Montag und am Dienstagmorgen verlief das öffentliche Leben allerdings noch normal. Ausdrücklich wird gefordert, die Verträge mit Acisa und mit dem chinesischen Unternehmen Xinjian TBEA zur Lithiumgewinnung zu kündigen. Die Einheimischen sollen einen höheren Anteil an den Einnahmen erhalten. Comcipo hat schon mehrere Demos für den Widerstand gegen die Pläne organisiert.

Präsident Morales unterstützt Projekt

Am Regierungssitz La Paz macht die Bewegung sogar durch einen Hungerstreik auf sich aufmerksam. Diese Entwicklung ist auch im Kontext der großen Politik zu sehen. In Bolivien fordert der 65-jährige Journalist Carlos Mesa den langjährigen Präsidenten Evo Morales bei der bevorstehenden Wahl heraus. Während Morales politisch links steht, gilt Mesa als wirtschaftsnah und Anhänger freier Märkte. Paradoxerweise wirft die Regierungspartei den Lithium-Demonstranten nun vor, Mesa unterstützen zu wollen – obwohl dieser in Reden bereits vom Verkauf des Lithiums auf dem Weltmarkt schwärmt.

Morales hat das Lithium-Projekt mit den Deutschen nachdrücklich unterstützt: Er sieht die mehrheitliche Regierungsbeteiligung als Garant dafür, dass es nicht den Interessen der Bevölkerung zuwiderläuft. Schließlich war der große politische Kraftakt zu Beginn seiner Regierungszeit die Verstaatlichung der Gasindustrie.

"Projekt ist partnerschaftlich angelegt"

Die stärkere Beteiligung der Bevölkerung an Rohstoffgewinnen ist in Bolivien immer eine populäre Position. Acisa versichert derweil, dass der Abbau den Menschen nützt und der Umwelt nicht schadet. „Wir müssen akzeptieren, dass es so kurz vor den Wahlen Protest gibt“, sagt Schmutz. Acisa schaffe vor Ort zahlreiche qualifizierte Arbeitsplätze und baue eine zukunftsorientierte Industrie auf.

Teil des Plans ist es, in der Abbauregion auch Anlagen zur Weiterverarbeitung des Lithiums zu errichten. Dort sollen von der jährlichen Förderung von 40.000 Tonnen mindestens 5200 Tonnen direkt verwendet werden. Arbeiter vor Ort könnten daraus Batterieteile und Batterien machen. Damit klettert Bolivien mithilfe von Acisa auf der Wertschöpfungskette einige Sprossen höher. „Das Projekt ist partnerschaftlich angelegt, es ist nicht das Ziel, jemanden zu übervorteilen“, versichert Schmutz. Umgekehrt komme die Förderung dort ohne das Engagement von Acisa nicht voran.

Hohe politische Risiken

Unabhängige Beobachter bestätigen diese Darstellung im Prinzip. „Die Protestbewegung ist sehr politisch“, sagt Regionalexperte Oscar Choque vom Ayni - Verein für Ressourcengerechtigkeit in Dresden. Doch die Auseinandersetzung zeigt auch, wie hoch die politischen Risiken für so sein Projekt sind. „Acisa sollte sich fragen, ob bei dem Projekt in Bolivien sie eine richtige Entscheidung getroffen haben.“ Starke „externe Kräfte“ liegen außerhalb der Kontrolle des Unternehmens. Richtig sei jedoch auch, dass die Deutschen eine starke Stellung in dem Gemeinschaftsunternehmen einnehmen. Die Forderungen der Protestbewegungen laufen insgesamt auf einen größeren Regionalismus hinaus: Ausländische Kräfte sollen am besten gar keine Rolle mehr spielen.

In der Salzwüste von Uyuni im Hochland von Bolivien lagern die vermutlich weltgrößten Vorkommen an Lithium. Hier liegen noch Millionen von Tonnen des Alkalimetalls. Es ist die Grundlage für die Batterien, die E-Scooter, Handys, Drohnen, Hybridautos und all die anderen mobilen Produkte antreiben, die derzeit als modern gelten. China und andere Länder haben sich schon vor Jahren rund um den Globus Förderrechte gesichert. Minister Altmaier will jedoch die Fertigung von Batterien nach Deutschland zurückholen. Damit die künftigen Batteriezellenhersteller den Rohstoff nicht zu überhöhten Preisen auf dem Weltmarkt kaufen müssen, war er begeistert von dem Acisa-Vorhaben, sich direkten Zugriff auf ergiebige Vorkommen zu sichern. Acisa muss dafür langfristig einen Milliardenbetrag in das Vorhaben investieren. Es soll den Lithiumertrag am Uyuni-Salzsee um das 300-Fache steigern.

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Finn Mayer-Kuckuk
Keywords:
Lithium | Rohstoffe | Batterietechnologie | Elektromobiltität
Ressorts:
Governance | Markets

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