Exklusiv-Interview
22.09.2016

"Deutschland faehrt vorne weg"

Foto: Alstom Deutschland
Didier Pfleger, Geschäftsführer Alstom Deutschland und Österreich, im Interview mit bizz energy.

Didier Pfleger, Geschäftsführer von Alstom in Deutschland und Österreich, über die Brennstoffzelle auf der Schiene, die deutsche Verkehrswende und einen CO2-Preis.

 

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bizz energy: Steht die Brennstoffzelle auf der Schiene vor dem Durchbruch?

Didier Pfleger: Ja. Brennstoffzellen galten lange als Technologie ohne Chance auf Marktreife. Das ändert sich jetzt. Noch stehen wir ganz am Anfang dieser Entwicklung. In den kommenden drei bis vier Jahren wollen wir beweisen, dass der elektrische Antrieb mit Wasserstoff und Brennstoffzelle im Schienennahverkehr realisierbar ist – sowohl technisch als auch wirtschaftlich.

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Wann ist der emissionsfreie Zug endlich serienreif?

Theoretisch schon heute. Wir rechnen Ende 2017 mit der Zulassung. Sofern das Amt grünes Licht gibt und die ersten Züge in drei bis vier Jahren auf die Schiene rollen, ist die Serienreife endgültig erreicht. Damit haben wir bereits heute die deutschen Autobauer eingeholt, die seit den 1980er-Jahren am Brennstoffzellen-Antrieb forschen.

Wann kommt der Wasserstoff-Zug ohne staatliche Förderung aus?

Ab sofort. Über die 20 bis 25-jährige Lebensdauer eines Fahrzeugs rechnen sich Anschaffung und Betrieb schon heute. Zugegeben: Bei unserer Kalkulation gehen wir von einem wieder steigenden Dieselpreis aus – wie übrigens auch die Weltbank. Wenn Diesel wieder teurer wird, werden emissionsarme Antriebsarten in den kommenden zehn Jahren in allen Sektoren interessant. 

Deutschland gilt weltweit als Vorreiter bei der Energiewende. Kommt jetzt die Verkehrswende?

Ja, beides geht Hand in Hand. Die Energiewende ist ein entscheidender Treiber der Verkehrswende. Mit einem steigenden Grünstromanteil wächst der Bedarf an Speichern für Erneuerbaren-Strom. Hier bietet die Umwandlung von Ökostrom in Wasserstoff oder Methan eine Möglichkeit. In den vergangenen zehn Jahren hat die EU deshalb eine Reihe von Power-to-Gas-Projekten gefördert. Das hat die Branche insgesamt nach vorne gebracht.

Wie könnten Energie- und Verkehrsbranche näher zusammenrücken?

Wir müssen kleine Ökosysteme schaffen, in denen Solar- und Windanlagen den Wasserstoff für lokale Tankstellen produzieren. Damit kann dann wiederum das Auto, der Bus oder der Zug betankt werden. Erst wenn wir viele solche kleiner dezentralen Systeme installiert haben, werden wir Skaleneffekte sehen.

Ist die Verkehrswende „typisch deutsch“?

Ja. Wir können selbstbewusst sagen: Deutschland und Frankreich sind in Europa die Länder, in denen emissionsarme Antriebe vorangebracht werden. Hier haben wir den USA einiges voraus. Zwar sind die Vereinigten Staaten führend im Bereich Digitalisierung und IT, im Energie- und Mobilitätssektor agieren sie indes konservativ. In diesen Sektoren fährt Deutschland vorne weg.

Dennoch kommt die Verkehrswende nicht richtig in Fahrt. Woran hakt es derzeit noch?

Die Initiativen der Industrie müssen politisch flankiert werden. Damit Energie- und Verkehrswende Hand in Hand gehen, muss der Mehrbedarf an Strom im Verkehrssektor durch Erneuerbare gedeckt werden. Auch wir setzten zunächst Bedarfswasserstoff aus der Chemie und Industrie ein. Ein nachhaltiges Recyclingkonzept. Zwar haben wir auch schon ein Konzept in der Schublade, das die Elektrolyse einbezieht, also Grünstrom in Wasserstoff umgewandelt. Allerdings macht das ökonomisch keinen Sinn: Prinzipiell kostet grüner Wasserstoff 3 bis 4 Cent pro Kilowattstunde, mit allen Umlagen jedoch bis zu 11 Cent.

Hängt die Verkehrswende letztlich also doch noch am seidenen Faden?

Nein. Wir glauben, dass wir die Verkehrswende meistern. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel der zuständigen Ministerien. Wir brauchen einen klaren politischen Willen, die Emissionen im Verkehr zu reduzieren.

Wie könnte dieser konkret aussehen?

Aktuell müssen die Verkehrsträger und Länder die Aufträge ausschließlich nach wirtschaftlichen Kriterien vergeben. Ein Vorschlag wäre, dass Bund und Länder im Rahmen von Ausschreibungen für die CO2-Vermeidung Bonuspunkte vergeben. Auf EU-Ebene haben wir durch den Emissionshandel bereits einen Preis für CO2. Abgesehen davon, dass dieser derzeit durch einen Zertifikatehandel stottert, ist dies das richtige Instrument. Grundsätzlich muss auch der Verkehr in den Emissionshandel einbezogen werden. Erst durch eine CO2-Bepreisung werden auf Ökostrom basierende Kraftstoffe wirtschaftlich.  

Vielen Dank für das Interview, Herr Pfleger.

 

Interview: Jana Kugoth
Keywords:
Alstom | Brennstoffzelle | Zug | Batterie | Didier Pfleger | Innotrans 2016 | Wassertoff | Energiewende | Verkehrswende
Ressorts:

Kommentare

Hier findet die Brennstoffzelle endlich ihr optimales "Ökosystem": im ohnehin relativ hohen Gewicht und dem Bauraum der Schienenfahrzeuge lassen sich Zelle und H2-Tanks gut unterbringen. Die stark systematisierte Betriebs- und Wartungs-Infrastruktur der Bahnbetreiber erlaubt eine vergleichsweise einfache Integration der Prozesse für H2-Herstellung, Verteilungung, Betankung und BZ-Instandhaltung. Die lange Lebensdauer der Schienenfahrzeuge sichert die Wirtschaftlichkeit. Von diesen Idealbedingungen sind leider die Anwendungsmöglichkeiten der BZ im Straßenverkehr auf absehbare Zeit noch weit entfernt .....

H2 auf dem Zug. ... da wäre was los gewesen in Bad Aibling.
Die Bahn soll erst mal autonom fahren. dann wäre sie sicherer und zuverlässiger.

da hat man Fahrzeuge auf festen Schienen und man schafft es nicht die Energie über ebensolche zuzuführen...
Ebenso wird Geld ausgegeben um frei bewegliche LKW über feste Oberleitungen mit Energie zu versorgen. ...

Schildbürger???

Was für ein sinnloses System, man dreht sich im Kreis, alles gefördert mit Subventionen.
Zuerst wird "grüner" Strom hochsubventioiert erzeugt, dann wird dieser mit hohen Energieverlusten in Gas umgewandelt.
Anschliessend wird das Gas mit hohen Energieverlusten wieder in Strom gewandelt und damit ein elektrischer Zug angetrieben.
Sinnloser gehts nicht.
Wie wärs denn den Zug direkt mit Strom zu versorgen?
Das System gibts schon lange und es funktioniert !
Deutschland fährt wahrlich vorne weg und zwar in den Abgrund.

vor 20 Jahren wurde die A-klasse und der A2 geschaffen für BZ und Elektroantrieb...jetzt fährt die BZ angeblich auf der Eisenbahn....da sieht man die Glanzleistungen unserer ach so tollen Manager. ...

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