Megatrends
15.08.2012

Die (Energie-)Welt in zehn Jahren

Friedberg Pflüger

In seiner Kolumne wagt Prof. Pflüger einen Blick voraus in Bezug auf Klimaschutz, Konflikte und Hoffnungsträger

In zehn Jahren wird das letzte Atomkraftwerk in Deutschland vom Netz gehen. Die nuklearen Erblasten – vom Rückbau der Kernkraftwerke bis zur Endlagerung der radioaktiven Abfälle – werden uns noch lange beschäftigen. Daneben werden vier Megatrends aller Voraussicht nach die energiepolitische Agenda bis 2022 bestimmen:

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1. Kein wirksames Klimaschutzabkommen

Die Chancen für ein internationales Klimaabkommen „das diesen Namen verdient“ liegen bei nur noch fünf Prozent. Das sagt Prof. Hans Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Wenn selbst der weltweit angesehene Vorkämpfer für Klimaschutz so pessimistisch ist, dann ist die Lage in der Tat prekär. Ohne globale Klimavereinbarung wackeln auch die Klimaziele der EU.
Klar ist: Das Thema hat weltweit an Stellenwert eingebüßt. Dafür ist vor allem die globale Finanz- und Wirtschaftskrise verantwortlich. Sie erfordert die Konzentration der Politik auf Wachstum und Arbeitsplätze. Der wahlkämpfende US-Präsident Obama, der bei seinem Amtsantritt dem Kampf gegen den Klimawandel „höchste Priorität“ einräumte, erwähnt das Thema inzwischen gar nicht mehr.
Dieser Trend wird voraussichtlich anhalten. Klimaschutz verliert gegenüber den Kriterien Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, bezahlbare Energie und Versorgungssicherheit deutlich an Boden. Allerdings wird das Problem nicht ganz von der Agenda verschwinden. Dafür werden Tropenstürme, regelmäßige Überschwemmungen sowie teilweise bereits heute unerträgliche Lebensbedingungen in den großen Metropolen der Schwellenländer sorgen.

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2. Grüne Evolution, aber die Fossilen bleiben

Der Anteil erneuerbarer Energien wird weltweit zwar wachsen, gleichzeitig aber bleiben die fossilen Träger – Gas, Öl und Kohle – von bestimmender Bedeutung. Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris prognostiziert, dass der Anteil der erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft) bis 2035 auf 15 Prozent steigen wird, wobei die Hälfte dieses Wachstums in China und den EU-Staaten stattfinden wird. Trotz dieses Anstiegs werden wir in zehn Jahren weit von einem „Zeitalter der Erneuerbaren“ entfernt sein. Den Glauben an eine rasche Überwindung des fossilen Zeitalters – der in Deutschland weit verbreitet ist – teilt in der Welt kaum jemand. Schon gar nicht die Energieökonomen der IEA. Nach ihrer Prognose steigt der Gesamtenergieverbrauch der Welt bis 2035 um mindestens ein Drittel – aufgrund der Bevölkerungsexpolsion, des wachsenden Wohlstandes und der Urbanisierung.
Bis dahin wird laut IEA auch der Verbrauch fossiler Energieträger weiter zunehmen: Öl (ohne Biokraftstoffe) um 14 Prozent, Kohle gar um 65 Prozent. Noch stärker wird die Förderung von Erdgas wachsen, insbesondere aus unkonventionellen Quellen wie Schieferstein. Die IEA spricht gar vom „Goldenen Zeitalter“ für Erdgas.

3. Energienationalismus und -imperialismus

Die Welt in zehn Jahren wird zudem durch verschärften Energienationalismus geprägt sein.
In Ländern mit größeren Energiereserven gibt es eine klare Tendenz, diese ökonomisch ganz unter die eigene Kontrolle zu bringen – und als Machtinstrument politisch zu nutzen.
Mitte April verstaatlichte die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner die Konzerntochter des spanischen Ölkonzerns Repsol – und kurz darauf der bolivianische Präsident Evo Morales den größten Stromkonzern seines Landes, der zum spanischen Konzern Red Electrica Espana gehört hatte. Bereits heute verfügen staatseigene National Oil Companies (NOC’s) über 90 Prozent der globalen Ölreserven. Zum Vergleich: ExxonMobil, der Größte der privaten „Supermajor“-Ölkonzerne, liegt in der Weltrangliste der Ölreserven nur auf dem 14. Platz! Beim Erdgas sieht es kaum anders aus: Die Giganten aus Russland, China, Qatar, dem kaspischen Raum oder dem Iran sind ganz oder zumindest teilweise in staatlicher Hand.
Oft übersehen wird ein ebenfalls neuer Trend: Energienationalismus gibt es nicht nur bei den Fossilen, sondern auch bei den Erneuerbaren. Derzeit tobt ein regelrechter Subventionskrieg zwischen der europäischen und der chinesischen Solarindustrie. Den werden, so wie es aussieht, die Chinesen gewinnen.
Auch darüber hinaus ist Beijing an allen Fronten aktiv, wenn es darum geht, der wachsenden Volkswirtschaft die notwendigen natürlichen Ressourcen zu sichern: in Afrika, in Lateinamerika und Zentralasien. Eine Pipeline, die von Turkmenistan nach China gebaut wird, hat nicht nur eine ökonomische Komponente, sondern ist auch eine Projektion von Macht.
Gleiches gilt für das russische Projekt South Stream oder die verschiedenen Pipelinekonzepte, die sich derzeit um das Gas des Shah Deniz Konsortiums aus Aserbaidschan streiten. Immer spielt auch Geopolitik eine Rolle: Wenn Russland unter dem Nordpol via U-Boot-Mission eine russische Flagge hisst, Kanada darauf mit Militärmanövern in der Arktis reagiert oder die USA in Westafrika nach Öl bohren und ihren Einfluss dort durch vermehrte militärische Präsenz sichern. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass der intensivierte Wettlauf um die begrenzten Ressourcen dieser Welt zu ernsten zwischenstaatlichen Konflikten führen wird.

4. Die Hoffnung: Technologische Innovationen

Kein globales Klimaschutzabkommen, bleibende Dominanz der fossilen Energieträger, Energieimperialismus: Gibt es keine Hoffnung? Müssen jene nicht verzweifeln, die – wie der Autor – an die reale Gefahr des Klimawandels glauben?
Hoffen lässt allein die Kraft, die von neuen Technologien und der Marktwirtschaft ausgeht. Sie waren schon immer Treiber von tiefgreifendem Wandel. Mehr Energieeffizienz, neue Speichertechnologien, Smart Grids sowie Carbon Capture and Storage sind hier die Schlüsselbegriffe. Auch der Ersatz von Öl im Transportsektor durch Gas oder Wasserstoff ist Teil dieser Lösung. Der Planet wird sich nicht mit noch so guten Apellen an Vernunft und Verzicht retten lassen, sondern nur mit neuen technischen, und wirtschaftlich machbaren Lösungen.

Zum Autor: Friedbert Pflüger

ist seit 2009 Professor und Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) an der britischen Traditionsuniversität King’s College London sowie Unternehmensberater mit eigener Firma. Der frühere CDU-Spitzenpolitiker war Verteidigungs-Staatssekretär der schwarz-roten Regierung Merkel. Seit drei Jahren veranstaltet er die „Energiegespräche am Reichstag“ in den Räumen der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, zusammen mit Janusz Reiter, dem früheren polnischen Botschafter in Berlin.

Erfahren Sie mehr über Friedbert Pflüger auf seiner Homepage:www.friedbert-pflueger.de

Friedbert Pflüger
Keywords:
Erdgas | Rohstoffe | Energieeffizienz | Energie
Ressorts:
Governance

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