Windenergie
23.08.2018

Anlagenbauer leiden, aber die Servicebranche boomt

Fotos: Deutsche Windtechnik, iStock
Techniker des Bremer Wartungsdienstleisters Deutsche Windtechnik. Der Windenergie-Servicemarkt wächst.

In Deutschland werden immer weniger Windparks gebaut. Das kostet vor allem Anlagenhersteller Jobs. Für die Servicebranche dagegen läuft es gut. Sie sucht dringend neue Mitarbeiter.

Die Zubauzahlen in der Windenergie sinken dramatisch: Kam im Jahr 2017 noch Erzeugungskapazität in Höhe von 5300 Megawatt (MW) hinzu, werden es 2018 noch 3500 MW sein und 2019 voraussichtlich 1500 MW. „Der Fadenriss beim Zubau für 2019 ist kaum noch aufzuhalten“, sagt der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers, im Gespräch mit dem Magazin bizz energy. Für 2020 könne rasches politisches Handeln den Beschäftigungsabbau noch stoppen und das Know-how der Branche sichern, aber: „Die Lage ist sehr ernst.“ (Lesen Sie auch: Offshore-Ausbau – der Druck auf Altmaier wächst)

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Die Verhandlungsstrategie von Verbänden beruht zwar für gewöhnlich darauf, die Dinge besonders laut und dramatisch darzustellen. Aber Albers scheint nicht zu übertreiben, wie Beispiele aus der Branche zeigen: Der Hamburger Windenergieanlagenbauer Nordex hat kürzlich einen Umsatzrückgang von fast 40 Prozent und einen Gewinneinbruch um fast 70 Prozent für das erste Halbjahr veröffentlicht. Nordex-Aktien haben in den vergangenen zwölf Monaten 27 Prozent an Wert verloren. Das Unternehmen hatte bereits Ende 2017 angekündigt, 500 Jobs abzubauen.

Siemens Gamesa streicht 6000 Jobs

Bei den anderen Anlagenbauern ist die Situation offenbar ähnlich dramatisch, auch wenn diese keine Ergebnisse veröffentlichen. So streicht Siemens Gamesa 6000 Jobs weltweit, darunter 600 Jobs in Dänemark und über 200 in Deutschland. Der Auricher Windenergieanlagenbauer Enercon kündigte Anfang August den Wegfall von weiteren 275 Jobs an, womit nun 835 Arbeitsplätze auf der Streichliste stehen. Durch die Absatzkrise der Anlagenbauer geht es auch bei den Zulieferern bergab, so etwa bei WEC Turmbau in Magdeburg, Powerblades in Bremerhaven oder Carbon Rotec in Lemwerder bei Bremen. Viele Beschäftigten sind schockiert – dachten sie doch, dass sie in einer sicheren Zukunftsindustrie arbeiten.

Der Vergleich mit der Solarbranche macht die Runde: Dort ist trotz ungebrochen hoher Zubauzahlen und eines wachsenden Service-Sektors die Produktion ins Ausland abgewandert – vor allem nach China. In Gesprächen mit der Bundesregierung weist der BWE immer wieder warnend auf den Niedergang der deutschen Solartechnikhersteller hin. Verbandspräsident Albers räumt zwar ein, dass die Exportquoten deutscher Hersteller hoch seien und die Chinesen mit billigen Anlagen bislang wenig Erfolge verbuchten, er sagt jedoch: „wir brauchen einen soliden Heimatmarkt als Fundament.“

Wachstum im Servicegeschäft

Gute Nachrichten kommen einzig aus der Servicebranche. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) hat Anfang 2018 versucht, die Zahl der Servicejobs anhand des Service- und Instandhaltungsumsatzes von über drei Milliarden Euro im Jahr 2016 zu ermitteln. Dabei kam es auf rund 33.000 Service-Jobs für Windenergieanlagen zu Wasser und zu Land. Die Berechnungen des DIW belegen: In keiner anderen Kategorie der erneuerbaren Energien werden so viele Service- und Wartungsjobs geschaffen wie in der Windkraft, und in keiner wächst die Beschäftigtenzahl so stetig.

Der BWE bleibt zwar auch hier vorsichtig: „Wir sehen die Serviceindustrie als stabil und tendenziell wachsend. Eine Prognose möchten wir aber nicht abgeben“, heißt es dazu vom Verband. Deutlich optimistischer äußert sich aber der Headhunter Sebastian Tobias von der Personalberatung Windpersonal in Nürnberg: „Der Beschäftigungsabbau bei den Windenergieanlagenbauern hat keine Auswirkung auf die Serviceunternehmen. Wir verzeichnen dort nach wie vor eine große Nachfrage nach Fach- und Führungskräften.“

Fach- und Führungskräfte gesucht

Diese Aussagen decken sich mit den gut gefüllten Job-Ausschreibungsseiten von Service-Marktführern wie Deutsche Windtechnik, Availon oder PSM. Sie versuchen verstärkt, den Anlagenbauern selbst Servicegeschäft zu entreißen. So bietet die Deutsche Windtechnik seit Kurzem die Wartung verschiedener Anlagentypen des Herstellers Enercon an. Bislang wusste Enercon das zu verhindern durch gut gehütete Wartungsdetails und selbstgefertigte Ersatzteile. Doch trotz dieser Konkurrenz durch unabhängige Servicebetriebe scheint auch bei Enercon zumindest das Servicegeschäft gut zu laufen –  allein in Deutschland sucht das Unternehmen derzeit 147 Servicemonteure.

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Thomas Bauer
Keywords:
Windenergie | Ausschreibungen
Ressorts:
Governance | Markets

Kommentare

Sie schreiben in Ihrem Artikel: "Der Vergleich mit der Solarbranche macht die Runde: Dort ist trotz ungebrochen hoher Zubauzahlen und eines wachsenden Service-Sektors die Produktion ins Ausland abgewandert – vor allem nach China".

Richtig daran ist, dass die Produktion ins Ausland abgewandert ist. Schlichtweg falsch und hochgradig irreführend ist, dass wir dort "ungebrochen hohe Zubauzahlen" sehen.
Die Produktion ist auch und gerade deswegen ins Ausland abgewandert, weil die Politik den Heimatmarkt "drastisch" politisch verordnet geschrumpft hat, nämlich von 2012 auf 2013 von 7,5 GW auf 3,3 GW (-67%!) und dann auf 1,9 GW in 2014 (- 75 %!) bzw. 1,5 GW (-80%) im Jahr 2015.
https://www.volker-quaschning.de/datserv/pv-deu/index.php

Da im gleichen Zeitraum die Preise gesunken sind, waren Umsatz- und Gewinneinbrüche bei den Unternehmen noch höher! In keiner Branche wären ähnliche Umsatz- und Gewinneinbrüche verkraftbar, was zum Verlust von > 70.000 Arbeitsplätzen im Solarbereich geführt hat. Inzwischen sind damit vier Jahre (!) vergangen, in dem man in D unter dem eigenen Zielkorridor der Bundesregierung geblieben ist. Wenn wir Glück haben, wird dieser Zielkorridor dieses Jahr erstmalig seit 5 Jahren (!) wieder erreicht werden. Zum Vergleich: Der Weltmarkt waren letztes Jahr 100 GW, das bedeutet, wir haben in D nur < 2,5 % des weiltweiten Zubaus, Tendenz sindkend.

Also bitte: Der Vergleich mit der Solarbranche ist absolut zutreffend und warnendes Beispiel. Zwar haben die Hersteller in der Windkraft einen höheren Exportanteil als die damaligen Solar-Produktionsfirmen in Deutschland. Allerdings wird wieder derselbe Fehler gemacht: Es gibt keine Industriepolitischen Maßnahmen, die diesen politischen gewollten Schrumpfungskurs begleiten. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die exportfixierte deutsche Bundesregierung aufgrund einer fehlenden Strategie und fehlenden unterstützenden Maßnahmen dabei, denselben Fehler bei der Windkraft zu begehen. Damit beraubt sich das Technologieland Deutschland in einem der letzten verbliebnen technologiebereiche der erneuerbaren Energien, die noch verbleiben. Das ist ein Skandal.
Alleine in der Windkraft sind aktuelle fast doppelt so viele Menschen im Service beschäftigt (33.000) als noch direkt in der Kohle arbeiten (20.000). Um letztere wird ein Firlefanz und Eiertanz aufgeführt, Komissionen gebildet usw. Die zukunftsträchtige Windkraft wird auf dem Altar der fossil-atomaren Interessen und Ideologen aber geschreddert und ihr durch eine politische bedingte Maßnahme (fehlerhafte Umstellung auf ein Ausschreibungssystem, ohne Probezeit) der Boden entzogen. Diese agierenden Politiker verspielen komplett die Zukunftsfähigkeit der Energiewirtschaft in Deutschland, und damit eines bedeutenden Wirtschaftsfaktors.

Bitte benennen Sie diese Fakten so wie sie sind.

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