Wärmewende
28.09.2016

Die aufgeschobene Revolution

Foto: istock.com / Dirk Ott
Ein eigener Heizkessel passt immer schlechter zur Energiewende.

Zaghaft beginnen Heizungshersteller, sich auf die Wärmewende vorzubereiten. Doch das Kanzleramt will ihr altes Geschäftsmodell mit Öl- und Gasheizungen nicht antasten.

Vier Seiten reichten dem Kanzleramt, um den Klimaschutzplan 2050 von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) zu zerpflücken. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, das Vorhaben bedeute die „Einführung einer Planwirtschaft“, heißt es in dem internen Papier aus dem Hochsommer. Mehrere vorgeschlagene Maßnahmen hätten „das Potenzial für politisch kontroverse Diskussionen“, schrieben die Beamten von Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU). Darunter war auch ein Punkt, der endlich die Energiewende im Wärmesektor vorangebracht hätte: Das Bundesumweltministerium würde gerne ab 2030 den Einbau von Öl- und Gasheizungen untersagen. 

Anzeige

Anzeige

Nach der Intervention des Kanzleramts ist in dem Entwurf, der seit Anfang September offiziell zwischen den Ressorts abgestimmt wird, von dem Verbot nichts mehr übrig. Nun will die Bundesregierung nur die Förderung für den Heizungstausch so umgestalten, dass erneuerbare Technik „deutlich attraktiver“ als fossile wird – das Startjahr ist noch offen.

 

Dänemark verbannt Öl und Gas

Dabei war schon Hendricks’ altes Vorhaben für das Jahr 2030 nicht ambitioniert. In Dänemark müssen Neubauten schon seit 2013 ohne Öl- und Gasheizung auskommen. Seit Anfang dieses Jahres gilt das Verbot auch für den Einbau von Ölheizungen bei der Sanierung bestehender Gebäude. Wie gemütlich dagegen Deutschland bei der Wärmewende vor sich hindöst, unterstrich jüngst eine Studie im Auftrag von Greenpeace. 

Die Umweltschutzorganisation hat den Wissenschaftler Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin ausrechnen lassen, was Deutschland tun müsste, um seinen Teil dazu beizutragen, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dieses Ziel fand sich im vergangenen Jahr in Paris zum ersten Mal im Abschlussdokument einer Weltklimakonferenz. Das Ergebnis des Professors muss die deutsche Heizungsbranche aufschrecken.

„Die Deutschen müssten ab 2040 komplett mit Erneuerbaren heizen“, sagt Quaschning. „Außerdem müsste schon in vier Jahren ein Verbot für den Einbau von Öl- und Gasheizungen in Kraft treten. Berlin wird gar nicht umhinkommen, Hausbesitzern und Unternehmen bald strengere Vorgaben zu machen.“

 

Fernwärme und Holzheizungen im Bestand

Die Bundesregierung war eigentlich vorgewarnt. Eine Studie im Auftrag von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD)  kam schon im vergangenen Herbst zu einem ähnlichen Ergebnis. Schon ab 2020 sollten in neuen Häusern nur noch Wärmepumpen installiert werden, schrieb das Fraunhofer IWES-Institut. Auch für den Gebäudebestand sieht die bisher wenig beachtete Studie einen radikalen Systemwechsel vor. 

In den 18 Millionen schon existierenden Wohngebäuden sollen ebenfalls vermehrt Wärmepumpen zum Einsatz kommen. Die sind aber allenfalls in gut isolierten Gebäuden wirtschaftlich. Dabei erkennen die Autoren an, dass sich viele Häuser zu vertretbaren Kosten gar nicht auf den nötigen geringen Verbrauchsstandard herunterdämmen lassen. In den nächsten Jahrzehnten sollen deshalb im Bestand zwei Technologien massiv ausgebaut werden: auf dem Land Holzheizungen und in den Städten Wärmenetze. In Ballungsgebieten wird der eigene Heizkessel im Keller nach und nach verschwinden.

 

Niedriger Ölpreis befeuert Ölheizungen

Das liefe dem aktuellen Trend völlig entgegen. Von den 21 Millionen Heizungen in Deutschland nutzen noch über 19 Millionen Öl und Gas. Nicht einmal jeder zwanzigste neu eingebaute Kessel arbeitet mit Biomasse. Nach einer Statistik des Heizungsverbandes BDH geht der Einbau erneuerbarer Energien in Wohnhäusern seit 2012 sogar zurück. Wegen des niedrigen Ölpreises konnten im vergangenen Jahr ausgerechnet Ölkessel wieder zulegen. 

Ein Verbot für fossile Heizungen würde die Wärmebranche empfindlich treffen – auch wenn die großen Hersteller ihre Produktpalette in den vergangenen Jahren bereits verbreitert haben und alternative Systeme anbieten: Pellet-Heizungen, Wärmepumpen, Photovoltaik-Anlagen und Solarthermie (siehe auch Seite 46). Der hessische Viessmann-Konzern setzt auch auf Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, die für stark gedämmte Häuser benötigt werden. Trotzdem machte der Branchenriese 2014 noch fast die Hälfte seines Umsatzes von 2,2 Milliarden Euro mit Öl- und Gaskesseln, etwa ein Drittel entfiel laut Jahresabschluss auf Kältetechnik, Dienstleistungen und den Bereich sonstige Erlöse. Wärmepumpen und andere erneuerbare Energien trugen dagegen nur 19 Prozent zum Umsatz bei. Wachstumschancen versprechen sich die Hersteller von Technologie außerhalb der Heizungskeller. Der Viessmann-Erzrivale Vaillant setzt unter anderem auf Systeme aus Photovoltaik-Anlagen und Batteriespeichern.

 

Wärmepumpen im Smart Home

Besonders große Hoffnungen verbinden die Hersteller mit Wärmepumpen. Statt wie bisher 60.000 könnten sie bis 2030 pro Jahr rund 200.000 der Geräte verkaufen, prognostiziert der Branchenverband BWP. Der Produzent Stiebel Eltron etwa hat seine seit 40 Jahren bestehende Fertigung nach eigenen Angaben bereits zwischen 2007 und 2009 massiv ausgebaut. 

Der Wärmepumpen-Hersteller ist auch im Bereich Smart Home aktiv. Er stattet seine Anlagen wie auch Vaillant mit einem Funkstandard aus. Wenn der Strombedarf im Netz hoch ist, können die Stromversorger darüber die Wärmepumpe abschalten. Auch umgekehrt funktioniert das schon. Wenn Windräder nachts viel Strom produzieren, für den es keine andere Verwendung gibt, schaltet der Versorger die Anlage wieder zu. Sie wandelt den überschüssigen Strom dann in Wärme um, die sich als Warmwasser speichern lässt. Hausbesitzer können ihre Solar-Dachanlagen über eine Schnittstelle zum Internet im Webbrowser selbst steuern. 

Die Ausgleichsfunktion für Ökostrom und die Speicherbarkeit in Form von Wärme ist ein Grund, warum die Wärmepumpe im Umfeld des Bundeswirtschaftsministers starke Unterstützer hat. Im kürzlich vorgelegten Grünbuch Energieeffizienz wirbt Gabriel unter dem Stichwort Sektorkopplung für die Technologie: Denn allein durch Effizienzmaßnahmen und den direkten Einsatz erneuerbarer Energien lasse sich der Wärmesektor nicht dekarbonisieren. Als effizientesten Weg, um den Heizungsmarkt ergrünen zu lassen, propagiert Gabriels Ressort Wärmepumpen.

 

Effizienz enttäuscht

In der Realität bleiben die Geräte jedoch häufig hinter den Erwartungen zurück, besonders die einfach aufzustellenden und vergleichsweise günstigen Luft-Wärmepumpen. Für sie sind keine teuren Bohrungen ins Erdreich nötig. Aber selbst neuere Modelle lieferten bei Messungen des Fraunhofer ISE-Instituts 2013 im Schnitt 8,5 Prozent weniger Wärme als vorgesehen, bei einigen betrug das Minus sogar 28 Prozent. Dabei waren Planung und Einbau bereits optimiert. „Den Handwerkern hat man extra gezeigt, wie man Wärmepumpen am besten in das Heizsystem einbindet“, sagt Hans Weinreuter, Energieexperte der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Bei Tests einer Umweltgruppe im badischen Lahr, die ohne besondere Anleitung installierte Geräte unter die Lupe nahm, seien die Leistungen noch schlechter ausgefallen.

Weinreuter kritisiert, dass Wärmepumpen von staatlichen Stellen wie der KfW-Bank und dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) gefördert werden, ohne dass ausreichend überwacht werde, ob sie die geforderten Leistungswerte tatsächlich erreichen. 

Riesige Stromlast im Winter „Von der KfW und dem Bafa wünsche ich mir mehr Monitoring“, sagt Weinreuter. Und ergänzt: „Wenn Verbraucher in Wärmepumpen investieren, haben sie einen Anspruch darauf, dass die Technik so effizient arbeitet wie versprochen.“

 

Reservebedarf steigt

Das Problem bei Wärmepumpen sind jedoch nicht nur unrealistische Leistungswerte und bisweilen unerfahrene Handwerksbetriebe. „Die Wärmepumpe ist ein sensibles Kind“, sagt Weinreuter. Sobald die Hausbewohner es doch lieber ein paar Grad wärmer haben oder auch nur ausgiebig warm duschen, geht der Stromverbrauch schneller in die Höhe als es der Gasverbrauch bei einem konventionellen Kessel täte. Die Besitzer übersehen manchmal auch, dass Wärmepumpen nur mit Fußboden- oder Wandheizungen effizient arbeiten. 

Nicht nur für Bewohner eines Eigenheims, auch für das Stromsystem könnte die Kopplung mit dem Wärmesektor noch zum Problem werden. „Mit Wärmepumpen laden wir uns eine riesige zusätzliche Stromlast im Winter auf“, sagt der Solarthermieunternehmer Timo Leukefeld, einer von 14 Energiebotschaftern der Bundesregierung. Er bezweifelt, dass genügend Überschuss-Strom aus erneuerbaren Energien für die Wärmepumpen zur Verfügung steht. 

Kalte Winternächte sind eben nicht gerade die Stärke der Photovoltaik. Zudem gebe es im Winter Perioden von mehreren Wochen, in denen kaum Wind wehe. „Wärmepumpen werden eine Legitimation für fossile Reservekraftwerke“, meint Leukefeld. Er gibt sich überzeugt, dass der Strompreis für Wärmepumpen in den nächsten Jahren stark ansteigen werde. Grund sei der von der Bundesregierung eingeschlagene Weg zu variableren Stromtarifen. Mit der Verbreitung von digitalen Stromzählern wird gerade die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Energieversorger Tarife anbieten, bei denen nicht nur der Börsen- sondern auch der Endkundenpreis im Tages- und Jahresverlauf mit dem Angebot aus erneuerbaren Energien und der Stromnachfrage schwankt. „Wärmepumpen werden die mit Abstand teuerste Heizquelle“, glaubt Leukefeld.

 

Hersteller setzen auf Power-to-Gas

Eine weitere Technologie zur Sektorkopplung ist die Umwandlung von erneuerbarem Strom in Gas oder Treibstoff für den Verkehrssektor, in der Branche Power-to-Gas und Power-to-Liquid genannt. Bei Ersterem wird Sonnen- und Windstrom in einem Elektrolyseur in Wasserstoff umgewandelt. In einem zweiten Schritt kann man daraus Methan – Hauptbestandteil von Erdgas – erzeugen. Theoretisch könnte dieses künstliche Gas aus Ökostrom im bereits vorhandenen Erdgasnetz gespeichert und in den herkömmlichen Gasbrennwertheizungen verfeuert werden. Der Heizungsbauer Viessmann sieht darin „eine vielversprechende Alternative zum Verbot von Wärmeerzeugern für fossile Energieträger“. Gemeinsam mit Audi hat Viessmann deshalb ein eigenes Verfahren zur Methanisierung entwickelt. 

Nicht nur Autobauer sowie die Gas- und Heizungsbranche sehen in Power-to-Gas einen vielversprechenden Markt. Auch die Windmüller hoffen, damit Abnehmer für ihren Strom zu finden. Mittelfristig könne die Umwandlung von Strom und Wärme dazu beitragen, negativen Strompreisen entgegenzuwirken sowie Angebot und Nachfrage im erneuerbaren Energiemix besser in Einklang zu bringen und damit letztlich der Energiewende weltweit zum Durchbruch zu verhelfen“, wirbt der Bundesverband Windenergie (BWE) in einem Positionspapier. Erste Abnehmer gibt es schon. So wandelt beispielsweise der Münchner Versorger Greenpeace Energy Windstrom in Wasserstoff um und verkauft ihn als Beimischung in Erdgas an seine Kunden. Das sogenannte Windgas enthält im Schnitt fünf Prozent Wasserstoff. Mit einem Preis von 6,3 Cent pro Kilowattstunde sind die Kosten mit denen für Erdgas vergleichbar. Auch der Essener Versorger Eon bietet einen entsprechenden Tarif an. Wie der Anteil von erneuerbarem Gas noch gesteigert werden kann, untersucht Greenpeace Energy in einem soeben im fränkischen Haßfurt eingeweihten Elektrolyseur. 

Dass vollständig synthetisches Erdgas allerdings jemals wettbewerbsfähig wird, bezweifeln Experten. „Leider krankt Power-to-Gas heute und vermutlich auch in der Zukunft an ziemlich hohen Energieverlusten“, sagt Branchenexperte Rüdiger Paschotta. Für den Wärmemarkt sei es deshalb nicht geeignet. „Dafür bräuchte es enorme Grünstrommengen, die dann mit teuren Anlagen verlustreich umgewandelt würden“, sagt der an der renommierten ETH Zürich promovierte Physiker.

 

Baustein für die 100-Prozent-Wende

Die Gutachter des Bundeswirtschaftsministeriums vom Fraunhofer IWES sehen allerdings noch Chancen für die Umwandlung von Strom in Gase und Treibstoffe, nämlich dann, wenn die Bundesregierung die obere Marke ihres Klimaschutzziels von 80 bis 95 Prozent weniger Treibhausgasen anstrebt. Projektleiter Norman Gerhardt: „Oberhalb von 80 Prozent sind die einzigen Technologien, deren Anteile noch ansteigen, Power-to-Gas und Power-to-Liquid.“

Im Klimaschutzplan von Umweltministerin Hendricks ist klimaneutrales Gas im Wärmesektor erstmal nur für Pilotprojekte vorgesehen. Forschung kommt der Bundesregierung in diesem Fall entgegen, hat sie doch wenig Potenzial für politisch kontroverse Diskussionen. 

 

Dieser Artikel ist in der Oktober-Ausgabe von bizz energy erschienen. Das Heft erhalten Sie im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder bei unserem Abo-Service unter bizzenergy@pressup.de
Manuel Berkel, Jana Kugoth
Keywords:
Wärme | Wärmewende | Wärmemarkt | Heizung | Öl | 1986 | Power-to-gas | Power-to-Heat | Power-to-Liquid | Klimaschutz | Klimaschutzplan 2050 | Barbara Hendricks | Stiebel Eltron | Vaillant | Viessmann | Verbraucherzentrale | Wärmepumpe | Biomasse
Ressorts:

Kommentare

warum geht die Umweltministerin den Wirtschaftsminister nicht Öffentlich hart an .Wurde da vielleicht von der Öl und Gasindustrie
etwas nachgeholfen,mit Jobs(Hr.Schröder) und Geld?

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen