873.000 Elektroautos und Plug-In Hybride sind im vergangenen Jahr weltweit verkauft worden, davon allein 507.000 in China. Frank Biller, Automobilanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg, traut dem riesigen fernöstlichen Markt noch mehr zu: "Gut möglich, dass die elektromobile Zukunft staatlich verordnet in China beginnt. Das wissen auch die deutschen Autobauer“, sagt Biller.  Vor allem VW und Daimler engagierten sich deswegen sehr stark in dem Land. Biller hat die Daimler Aktie auf Kaufen gestuft. (Lesen Sie auch: Daimler investiert Millionen in Batteriefabrik in China)

Drei Millionen Fahrzeuge zurückgerufen

Zwar berichtete die Süddeutsche Zeitung kürzlich, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen "Daimler wegen Betrugs und strafbarer Werbung" ermittele, konkret wegen "Unregelmäßigkeiten beim Abgasausstoß". Außerdem hat Daimler mehr als drei Milionen Dieselfahrzeuge zurückgerufen, um per Software-Update ihren Schadstoffausstoß zu senken.

Doch das ändert an Billers Einschätzung vorerst nichts: "Bei jeder Bewertung schauen wir uns natürlich auch an, wie es um die Zukunftsstrategie des Unternehmens steht", sagt Biller und gibt sich gelassen: "Für Daimler kann ich sagen, dass das Unternehmen heute hochprofitable Bestandsprodukte hat, mit denen es die entscheidenden Zukunftsinvestitionen finanzieren kann." Hintergrund: Daimler hat im vergangenen Geschäftsjahr mehr Fahrzeuge den je verkauft und einen Gewinn von 8,5 Milliarden Euro erzielt. Vorstandschef Dieter Zetsche sprach vom besten Jahr der Firmengeschichte.

E-Auto-Anteil von 15 bis 25 Prozent

Zetsche kündigte aber auch an, dass Mercedes unter dem Label EQ bis 2025 zehn Elektromodelle auf den Markt bringen wird, beziehungsweise dass 2025 der Anteil der Elektromodelle am Gesamtabsatz von Mercedes-Benz zwischen 15 und 25 Prozent liegen soll. Jürgen Pieper, leitender Automobilanalyst bei Metzler Capital Markets, hält so langfristige Prognosen zwar für sehr gewagt, denn "ab einem bestimmten Zeitpunkt, den wir nicht kennen, werden wir bei Elektrofahrzeugen ein exponentielles Wachstum sehen. Das heißt, die Daimler-Prognose kann sowohl deutlich übertroffen wie auch verfehlt werden."

Doch auch Pieper ist mit der Zukunftsstrategie von Daimler grundsätzlich einverstanden und bewertet die Aktie ebenfalls mit Kaufen: "Daimler ist spät dran, hat aber 2016 den Hebel in Richtung Elektromobilität erkennbar umgelegt." Rund zehn Milliarden Euro will der Konzern in den Ausbau seiner Elektroflotte investieren und eine Milliarde in einen globalen Batterie-Produktionsverbund.

Daimler-Aktie gab kaum nach

Als Volkswagen im September 2015 in den USA seine Manipulation von Diesel-Abgaswerten einräumen musste, brach die Aktie innerhalb weniger Stunden um fast 40 Prozent ein. Nach dem Bericht über die Ermittlungen gegen Daimler vor wenigen Tagen gab die Aktie der Stuttgarter gerade mal um 1,5 bis 2 Prozent nach und bewegte sich in den folgenden Handelstagen seitwärts. "Die entscheidende Frage ist nun, wie Daimler mit seinen Altlasten umgeht. Ich sehe im Moment nicht, dass dies die Dimension der VW-Diesel-Affäre einnimmt", so Autoanalyst Pieper.

Die offene Frage, ob der Diesel-Antrieb zukunftsfähig ist, belastet heute die europäischen Autoaktien vermutlich stärker, als die Frage, wer noch bei den Abgaswerten getrickst hat. Unter Analysten gilt jedenfalls als ausgemacht, dass die automobile Zukunft elektrisch ist. Über das Wann wann und das Wie gehen die Meinungen auseinander. Jürgen Pieper erwartet etwa, dass die Elektromobilität ab 2020 deutlich an Dynamik gewinnt, "wenn leistungsfähigere und günstigere Batterien mit höherer Kapazität und längerer Lebensdauer marktreif werden."

Keine Monostrategie

Dass die deutschen Autobauer keine Monostrategie verfolgen, wie etwa Tesla, sondern sowohl Gasantrieb, Brennstoffzelle, Hybrid -und rein elektrische Antriebe als auch den Verbrennungsmotor fortentwickeln, wird nicht als Mangel an Entschlossenheit betrachtet. "Es wäre viel gefährlicher, nur auf ein Antriebskonzept zu setzen", sagt Frank Biller.

Daimler hatte jüngst angekündigt: In Stuttgart getestete elektrische Kleinlastwagen zur Serienreife zu bringen. Mit seinem chinesischen Partner eine Batteriefabrik in Peking zu bauen und dort auch 650 Millionen Euro in Elektroautos zu investieren sowie auch in Deutschland die Batteriefertigung auszubauen.

Zetsche drängte Bundesregierung

Vor sechs Jahren forderte Daimler-Chef Zetsche im Gespräch mit dem Handelsblatt, dass sich die Bundesregierung stärker engagieren müsse, wenn Deutschland auch bei Elektrofahrzeugen zum Leitmarkt werden solle. Mit Blick auf die zwischenzeitlich gefloppte Kaufprämie für E-Fahrzeuge und das starke Engagement von VW und Daimler auf dem chinesischen Markt, liest sich Zetsches Aussage vom Januar 2011 zur Frage des Leitmarktes erstaunlich eindeutig: "Für uns als Unternehmen ist das nicht so gravierend. Wir richten uns nach dem Markt und sind weltweit gut unterwegs …"

Daimler-Chef Dieter Zetsche (Foto: Flickr/re:publica)