Kolumne Friedbert Pflüger
05.03.2015

"Die Energiewende braucht Biokraftstoffe"

Illustration: Valentin Kaden

Unser Kolumnist Friedbert Pflüger über Vorreiter in Deutschland und die Chancen der zweiten Generation von Biokraftstoffen, zum Beispiel auch in Mittel- und Osteuropa.

 

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Jubelnde Zustimmung und beißende Kritik. Biokraftstoffe haben beides schon erlebt, in abwechselnden Phasen. Die Wahrheit ist: Fortschrittliche Biokraftstoffe sind für den Klimaschutz im globalen Maßstab notwendig. Ihre hohe Kompatibilität mit der bestehenden Infrastruktur im Transportsektor und ihre Grundlastfähigkeit bei der Strom- und Wärmeproduktion machen sie auch bei uns zu einem unverzichtbaren Pfeiler der Energiewende. 

Biokraftstoffe waren von Beginn an Teil der Automobilentwicklung. Rudolf Diesel führte seinen Motor bei der Pariser Weltausstellung 1889 mit Erdnussöl vor und Henry Ford wollte sein ab 1906 gebautes T-Modell ursprünglich mit Ethanol betanken. Eine Renaissance erlebten Biokraftstoffe in den Siebziger- und Achtzigerjahren in den Vereinigten Staaten durch die Verschärfung der Umweltstandards im Gefolge der Ölkrisen. Brasilien allein hat in den letzten 30 Jahren durch sein Bioethanol-Programm im Transportsektor über 600 Millionen Tonnen CO2 eingespart – etwa so viel wie der PKW-Verkehr in Deutschland in sechs Jahren ausstößt.

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Die Euphorie wurde in den letzten Jahren durch die berühmte „Tank oder Teller“-Debatte abgelöst. Lösen Biokraftstoffe Hungersnöte aus, weil die Bauern mehr Geld damit verdienen, Kraftstoffe zu produzieren statt Nahrungsmittel? Leidet durch die Anlage von Rohstoffplantagen die Biodiversität? Diese Bedenken werden seit einiger Zeit von Industrie und Politik sehr ernst genommen. Um die Gesamtemissionen einzelner Kraftstoffe zu verringern, treibt die Europäische Kommission die Entwicklung und Verwendung von fortschrittlichen Biokraftstoffen voran. Diese unterscheiden sich von Biokraftstoffen der ersten Generation dadurch, dass sie nicht aus den gleichen Rohstoffen wie Lebensmittel hergestellt werden: Sie basieren hauptsächlich auf nicht essbaren Saaten und Abfallprodukten. Dadurch relativieren sich viele Bedenken. 

Bei uns gibt es Vorreiter, die gute Beispiele setzen: Ein großer deutscher Biogashersteller verwendet zum Beispiel in seinem Betrieb Pflanzenabfälle aus der eigenen Getreideproduktion sowie Pflanzen der letzten Jahresernte. Diese Saat gelangt im hiesigen Klima nicht zur Reife und ist somit für den Verzehr  nicht geeignet – als Biokraftstoff aber sehr wohl. Eine große deutsche Bioraffinerie stellt in sequentiellen Prozessen Bioethanol sowie aus den dabei entstehenden Abfallstoffen Biogas und Dünger her. Letzteres wird dem Agrarland zugeführt, um es wieder mit Nährstoffen anzureichern.

Auch international sind erste positive Entwicklungen zu verzeichnen. Indonesien und Malaysia, die in die Kritik geratenen weltgrößten Palmölproduzenten, implementieren Technologien zur Herstellung von fortgeschrittenen Biokraftstoffen und passen ihre Produktionsprozesse und Umweltstandards langsam den internationalen und europäischen ökologischen Anforderungen an. Viel bleibt zu tun. Vor allem in Mittel- und Osteuropa können Biokraftstoffe künftig wesentlich zur Klimabilanz beitragen, aber auch zur Diversifizierung und dadurch zur Energiesicherheit. Brachliegende Agrarflächen könnten für die nachhaltige Versorgung mit Wärme und Strom genutzt werden.

Jeder Fortschritt ist ambivalent: Er birgt Chancen und Risiken. Bei Biokraftstoffen darf dies aber nicht unsere Perspektive auf ihr Potenzial trüben, entscheidend zur Energie- und Klimagleichung der Zukunft und zu unserem Streben nach einer diversifizierten Energieversorgung beizutragen.

 

Unser Kolumnist Friedbert Pflüger war in der ersten Regierung Merkel Verteidigungs-Staatssekretär. Seit 2009 leitet er als Gastprofessor am King’s College London das European Center for Energy and Research Security (EUCERS). Er ist außerdem Geschäftsführer zweier Unternehmensberatungen in Berlin und Erbil (Nordirak).

 

Friedbert Pflüger
Keywords:
Friedbert Pflüger | Biokraftstoffe | Automobile | Treibstoffe | Benzin
Ressorts:
Governance | Markets

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