Interview
19.02.2020

„Die freiwillige Lösung hat das Windkraft-Thema nicht befriedet“

Foto: iStock
Klagen und Proteste vor Ort haben den Ausbau der Windkraft an Land mit lahmgelegt.

Finanzielle Bürgerbeteiligung kann helfen, das Akzeptanzproblem der Windenergie zu lösen, sagt Josef Baur, Geschäftsführer des Beteiligungs-Dienstleisters Eueco. Notwendig seien aber bundesweit einheitliche Rahmenbedingungen.

Herr Baur, können Bürgerbeteiligungen die Ausbaukrise der Windkraft lösen?

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Ja, Bürgerbeteiligung kann dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Denn die Grundvoraussetzung für den Onshore-Windausbau ist gesellschaftliche Akzeptanz. Die Windkrise hat zwar sicherlich viele Ursachen – etwa Genehmigungsverfahren oder das derzeitige Ausschreibungsmodell. Und Bürgerbeteiligungen kann hier nicht das Allheilmittel sein, um alle Probleme zu überwinden. Aber ohne Teilhabe und lokale Wertschöpfung vor Ort wird die Energiewende nicht funktionieren können. Und hier gilt es, Angebote zu machen und die Menschen mitzunehmen.

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Was macht Ihr Unternehmen genau?

Wir haben im Jahr 2012 angefangen. Unser Geschäftsmodell beruht darauf, dass das Thema Bürgerbeteiligungen bei erneuerbaren Energien Aufwände verursacht. Unsere Software soll diese Aufwände reduzieren – sowohl in der Einwerbung von Bürgern aus der Region von erneuerbaren Energien-Anlagen als auch in der laufenden Verwaltung.

Seit 2012 haben sich natürlich viele Rahmenbedingungen verändert. Mit dem Ausbau der Windenergie wurden die Themen Akzeptanz und Beteiligung der Bürger wichtiger. Wir helfen Errichtern von erneuerbaren Energien-Anlagen, die Bürgerbeteiligung abzuwickeln.

Insofern sind wir nicht nur ein Softwarehaus, sondern auch Spezialisten für das Thema Ausgestaltung der Bürgerbeteiligung. Über die Jahre haben wir rund 300 Bürgerbeteiligungen abgewickelt, mit 26.000 Bürgern, die sich an den unterschiedlichen Projekten beteiligt haben. 

Was für einen Beitrag für die Akzeptanz kann finanzielle Bürgerbeteiligung nun leisten?

Josef Baur, Eueco
Josef Baur ist Gründer und Geschäftsführer der
eueco GmbH. Das Münchner Unternehmen
bietet Dienstleistungen rund um das Thema
Bürgerfinanzierungen an. Foto: privat
Zunächst einmal ist die Energiewende dezentral. Landschaft wird verändert. Und da stellt sich natürlich die Frage, was die Region davon hat. Während die Errichtung von Industrieanlagen mit Arbeitsplätzen vor Ort einhergeht, ist dies bei Windkraftanlagen nicht der Fall.

Was aber unbedingt notwendig ist für steigende Akzeptanz, sind einheitliche Rahmenbedingungen für einen friedlichen Ausbau der erneuerbaren Energien. Wir sehen diesbezüglich in den einzelnen Bundesländern unterschiedlichste Initiativen, wie dieses Thema geregelt werden soll. Meines Erachtens macht es aber wenig Sinn, wenn jedes Bundesland eine Insellösung schafft.

Heute haben wir die Situation, dass die finanzielle Bürgerbeteiligung zur Akzeptanzsteigerung von Windkraft letztendlich in allen Bundesländern außer in Mecklenburg-Vorpommern auf freiwilligen Lösungen beruht. Doch die freiwillige Lösung hat nicht dazu geführt, dass das Thema befriedet wurde. Weder die Branche noch die Politik hat es geschafft, das Thema zu erklären und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit der Ausbau der erneuerbaren Energien reibungsloser läuft.

Welches Beteiligungsmodell ist am sinnvollsten?

Wenn ich die Möglichkeit habe, mich an etwas zu beteiligen, dann stehe ich einem Projekt auch etwas anders gegenüber. Auf der einen Seite muss man die Interessen der Projektierer sehen. Auf der anderen Seite gibt es eine regionale Komponente. Nicht jedes Beteiligungsmodell ist für jede Region geeignet. Es hat sich so eine Art Beteiligungskultur in unterschiedlichen Bundesländern ergeben. So sind beispielsweise Genossenschaften traditionell in Mitteldeutschland und im Süden stärker verbreitet. Modelle mit Bürgern als Kommanditisten kommen eher aus dem Norden.

Über die Jahre hinweg haben sich natürlich auch die rechtlichen Rahmenbedingungen etwas verändert. Das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen, ist die regionale Beteiligungskultur, die Unternehmensinteressen und nicht zuletzt die kapitalmarktrechtlichen Rahmenbedingungen. So kommen beispielsweise Beteiligungsmodelle mit Prospektpflicht nicht immer in Frage.

Was ist vom SPD-Vorschlag „Windbürgergeld“ zu halten?

Direkte Teilhabe für Bürger zu ermöglichen finde ich grundsätzlich gut. Aber der Vorschlag ist nicht ganz zu Ende gedacht. Er klingt ein bisschen nach Entschädigung. Das hört sich an, als ob irgendwo ein Schaden entstanden ist. Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat eine Vielzahl positiver Effekte. Insofern sehe ich den Schaden nicht.

Auch die möglichen Betragsgrößen beim vorgeschlagenen Windbürgergeld sind für die einzelnen Bürger oft nicht mehr relevant, wenn man das mal durchrechnet. Doch die Beteiligung des Bürgers an der Energiewende ist grundsätzlich richtig – die Diskussion wird wieder angeschoben. Meines Erachtens sind kommunale Abgaben allein auch keine Lösung. Wir sprechen über Akzeptanz und das bedeutet: Menschen mitnehmen. Da wo Widerstände aufkommen und durch professionalisierte Windkraftgegner-Organisationen verstärkt werden, muss man den Bürgern was anbieten.

Eine finanzielle Beteiligung ist nie ein Allheilmittel, aber es hebt die Akzeptanz.  Es gibt aber auch eine Schwäche der finanziellen Bürgerbeteiligung, wie wir auf vielen Veranstaltungen in verschiedenen Bundesländern gesehen haben: Viele Menschen können sich nicht beteiligen. Was kann ich denen anbieten? Hier hat die Politik Einflussmöglichkeiten.

Inwiefern?

Sinnvoll ist aus unserer Sicht eine Kombination von Beteiligungsmöglichkeiten mit Angeboten wie beispielsweise regionale Stromtarife, die im Zusammenhang mit der Errichtung von erneuerbaren Energien vom Gesetzgeber begünstigt werden. Bei Stromsteuer, Netzentgelten usw. bestehen Spielräume.

Stadtwerke, kommunale Versorger, sind auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen. Sind Beteiligungsmodelle hier eine Möglichkeit?

Es gibt drei Typen von Initiatoren von Bürgerbeteiligungen: Zum einen Energieversorger wie Stadtwerke, zum anderen Projektentwickler und zum dritten die Genossenschaften und Bürgerwindparks. Jede dieser drei Gruppen hat bezüglich der Ziele für die Bürgerbeteiligung unterschiedliche Ausrichtungen. Bei den Projektierern geht es beispielsweise im Wesentlichen um das Thema Steigerung der Akzeptanz, eventuell auch um einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern. 

Bei Stadtwerken liegt die Motivation ein bisschen anders. Energieversorger sind daran interessiert, Kundenbindung zu stärken, neue Geschäftsmodelle zu eröffnen und die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen. Wenn die Versorger das Thema Bürgerbeteiligung aufsetzen, dann machen die das meistens in Verbindung mit ihrem Kerngeschäft – zur Förderung bestimmter Tarife, zur Schaffung von Beteiligungsmodellen für Kunden, zur Neukundengewinnung, aber eben auch zur Umsetzung von neuen Konzepten.

Haben Sie Beispiele?

Ein Beispiel dafür ist die jüngste „Bürgerbeteiligung Windpark Münsterwald“ der Stadtwerke Aachen (Stawag), die ihren Kunden und insbesondere ihren Ökostrom-Kunden ein Vorzeichnungsrecht gegeben haben. Über 600 Kunden der Stawag haben in kürzester Zeit 2,5 Millionen Euro am Windpark gezeichnet. Ihnen wurde über diese Beteiligungsmöglichkeit eine exklusive Möglichkeit geboten, aktiv an der Energiewende zu partizipieren.

Ein weiteres Beispiel sind die Stadtwerke München. Diese haben einen extra Tarif geschaffen, der in Verbindung mit Bürgerbeteiligung verkauft wird. Dort haben Sie die Möglichkeit, tatsächlich lokal erzeugte Kilowattstunden nachweislich über ihren Tarif zu beziehen. Über sogenannte Sonnenbausteine können Bürger konkrete Solardachprojekte in München mitfinanzieren und genau diesen Strom beziehen.

Es gibt vielfältige Umsetzungsbeispiele. In der Tat sind die Energieversorger ein Treiber des Themas Bürgerbeteiligung – sie wollen ihrer Kernkundschaft bei steigendem Wettbewerb neue Produkte anbieten, über das Thema Beteiligung die Kundenbindung stärken und neue Kunden gewinnen.

Nicht jeder kann oder will sich beteiligen. Was ist die typische Zielgruppe?

Grundsätzlich sind wir immer darauf bedacht, die Einstiegshürde niedrig zu setzen. Auch diejenigen, die nicht 10.000 Euro anlegen können, sollen mitmachen können – und sei es mehr oder weniger symbolisch. Durch die Digitalisierung erzeugen weitere Beteiligte keinen Mehraufwand, da das sowieso automatisiert abgewickelt wird.

Diejenigen, die auch höhere Beträge investieren, kommen meist aus dem Alterssegment 45 plus. Ab diesem Alter gewinnt das Thema Vermögen oder Vermögenszuwachs nach den typischen Lebensphasen Ausbildung, Familiengründung, gegebenenfalls Hausbau oder Eigentum, an Bedeutung.

Man muss aber ein bisschen schauen, um was für eine Bürgerbeteiligung es sich handelt. Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen einer klassischen Investition in eine Windkraftanlage und beispielsweise einer Beteiligung an einem innovativen Mobilitätskonzept wie das des Elektro-Roller Sharing Unternehmens Emmy. Dort war ein Einstieg ab 250 Euro möglich, was Jüngere anspricht. 

Aber auch wenn die Bürgerbeteiligungen im städtischen Umfeld mit Mieterstrom-Photovoltaik-Anlagen oder Mobilitäts-Projekten zunimmt – mit 60 bis 70 Prozent der Projekte haben wir einen Schwerpunkt im Windbereich. Wichtig ist daher eine ganzheitliche Betrachtung des Themas statt eines Flickenteppichs, wie wir ihn derzeit in den Ländern haben. Das Gesetz in Mecklenburg-Vorpommern taugt ein Stückweit als Blaupause. Da wurde schon vieles richtig gemacht.

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Interview: Carsten Kloth
Keywords:
Windkraft Onshore | Windenergie | Bürgerbeteiligung
Ressorts:
Governance | Markets
 

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