Wie weit man doch daneben liegen kann: Vor genau zehn Jahren veröffentlichte die Internationale Energieagentur wie gewohnt im November ihren World Energy Outlook (WEO), das Standardwerk für alle Energie-Statistiker und -Prognostiker. Die Entwicklung der erneuerbaren Energien wurde dabei drastisch unterschätzt. So lag der Anteil der Erneuerbaren an der globalen Stromproduktion schon im jüngst erfassten Jahr 2014 bei 23 Prozent. Die Überschreitung der 20-Prozent-Marke war im konventionellen Szenario erst für 2030 vorhergesagt worden.

Die IEA hat vor allem die Kostendegression falsch eingeschätzt. Die Investitionskosten für Solarkraftwerke, so die zehn Jahre alte Prognose, würden sich bis 2030 lediglich halbieren auf rund 2.500 Dollar pro Kilowatt Leistung. Dabei sind sie schon jetzt zum Teil in den dreistelligen Bereich gesackt.

Die IEA, eine Schwester-Organisation des Industrieländer-Clubs OECD mit Sitz in Paris, hat sich Schritt für Schritt, WEO für WEO, korrigiert. Nun ist das Bild deutlich positiver, bleibt aber vorsichtigt. So werden für Photovoltaik-Anlagen bis 2040 weitere Kostensenkungen von 40 bis 70 Prozent erwartet. Einige Experten halten die Erwartungen der IEA für zu pessimistisch. So kritisierte die Energy Watch Group (EWG) zuletzt, die Preisannahmen seien schon heute überholt und würden deutlich untertroffen. Der politische Vorwurf: Die IEA wolle die Interessen der fossilen Energieträger schützen, so der Ex-Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell, der Präsident der EWG.

Das ist nun doch eine etwas gewagte Behauptung. Immerhin spielt die IEA drei Szenarien durch, von denen eines im Einklang mit dem Klimaschutzziel ist, die Erwärmung der Atmosphäre auf zwei Grad zu begrenzen. Das würde bedeuten, dass erneuerbare Energien schon in den 2020er-Jahren zur wichtigsten globalen Energiequelle aufsteigen und Kohle, Gas und Öl dann schnell weit hinter sich lassen. Fatih Birol, Exekutivdirektor der IEA, ging denn auch auf die Kritiker ein: Es könne durchaus sein, dass die Szenarien zu konservativ seien: "Ich hoffe das sehr. Aber sie basieren auf den offiziellen politischen Zielen."

 

Ab 25 Prozent Ökostrom beginnen die System-Probleme

Sogar einige Sonderkapitel hat die IEA dieses Jahr den grünen Energiequellen gewidmet. Eines davon untersucht eine Fragestellung, die insbesondere die deutsche Energiepolitik derzeit umtreibt: Wie hoch kann und sollte der Anteil sein, damit die Systemkosten nicht extrem ansteigen? In Deutschland zeigt sich derzeit, dass das Stromnetz, dessen Ausbau weit hinter den Plänen zurückbleibt, die schnell steigende Erzeugung nur noch mit Schwierigkeiten und zu höheren Kosten aufnehmen kann.

Das Fazit der IEA aus einer stundengenauen Simulation für die wichtigsten Märkte deckt sich mit den hiesigen Erfahrungen: Bis zu einem Viertel schwankende Grünstromquellen können relativ problemlos integriert werden. Dann häufen sich die Probleme und es werden entweder Speicher oder Demand-Side-Management unabkömmlich. Für das Jahr 2040 sagt die IEA im optimistischen Szenario, das einen hohen Anteil Erneuerbarer integriert, voraus, dass 20 bis 30 Gigawatt an Speicherleistung installiert sein müssen und gleichzeitig der Stromverbrauch um bis zu 20 Prozent gedrosselt werden kann. Das gilt sowohl für die USA als auch Europa.

Wie einst bei der Entwicklung der erneuerbaren Energien ist Deutschland dem Rest der Welt in dieser Hinsicht ein wenig voraus. Hier hat die Diskussion darüber bereits begonnen. Flexibilität und die sogenannte Sektorkupplung, also die Verwendung von überschüssigem Strom zur Umwandlung in Wärme, Gas oder in der Mobilität, sind die Schlagwörter der Stunde. Die IEA will sich indes, so ihr Chef Birol, intensiv weiter um diese Themen kümmern. Statt Champion der fossilen Energiewelt soll sie nun "Clean Energy Hub" sein, also zentraler Umschlagplatz für den Wissensaustausch in der neuen Energiewelt.

IEA-Chef Fatih Birol räumt ein, dass die Ökostrom-Prognosen eher konservativ sind (Foto: IEA)