Die Geschichte der historischen Selbstzerschlagung beginnt vor gut einem Jahr. Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen und sein Management-Team erkennen, dass dem Konzern eine „epochale Gefahr“ droht, wie er es heute nennt. Die Eon-Spitze ist sich einig: Drastische Entscheidungen müssen getroffen werden. Konzern-Spitzenmanager reisen um die Welt, vom Silicon Valley bis nach Australien, um unterschiedlichste Meinungen über die Zukunft der Branche einzuholen. Sie befragen Bank-Analysten, Regierungsbeamte und Berater, darunter auch ausgewiesene Eon-Kritiker. Vor einigen Monaten zeichnet sich die neue Richtung ab: Allein die Verlagerung von Investitionen oder der Verkauf von Geschäftsteilen ist keine Lösung mehr. Es braucht den radikalen Schnitt, die Aufspaltung des Geschäfts. Märkte wollen Klarheit, lautet Teyssens Fazit. Und: „Es wird immer schwieriger, beide Energiewelten mit einem Unternehmen zu bedienen.“ Kein Stein bleibt auf dem anderen in der ehemals so gemütlichen Energiebranche. Gerade einmal fünf Jahre ist es her, dass Teyssens Vorgänger Wulf Bernotat der rasante Ausbau der Solarenergie kaum ein müdes Lächeln abrang – Gefahren für einen Weltkonzern wie Eon wollte er partout nicht sehen. Inzwischen leiden nicht nur die Eon-Profite massiv darunter, wenn Solaranlagen zur Mittagszeit riesige Strommengen ins Netz drücken. Der Konzern ist entgegen früherer Beteuerungen auch selbst längst ins Solargeschäft eingestiegen; das wiederum hat dazu geführt, dass kaum noch zu sagen ist, für welches Geschäftsmodell Eon eigentlich steht.

Bislang wurde den deutschen Energieriesen stets unterstellt, sie könnten dieses Dilemma nicht lösen, verteidigten nur ihr altes Geschäft, seien zu mutigen Schritten auch strukturell gar nicht mehr fähig. Diese Sichtweise hat Teyssen widerlegt. Das gesamte Kraftwerksgeschäft, der Energiehandel und die Exploration von Rohstoffen werden bis 2017 in eine „Neue Gesellschaft“ ausgegliedert. Die muss zwar damit leben, dass ihre deutschen Kernkraftwerke nach und nach ausgeschaltet werden und viele Kraftwerke rote Zahlen schreiben. Doch immerhin startet sie bis auf Pensionsrückstellungen und andere kleinere Verpflichtungen weitgehend schuldenfrei. In der Politik ist nun Sorge darum ausgebrochen, ob die Neue Gesellschaft noch über ausreichend Finanzkraft verfügt, Rückbau und Endlagerung der alten Atommeiler finanziell zu bewältigen. Doch die weitergeführte Eon ist ebenfalls eine riskante Wette. Historisch hat sich gezeigt, dass Erzeugung und Vertrieb häufig gegenläufige Gewinnentwicklungen zeigen und sich stützend ergänzen. Behindert wird die neue Eon durch die hohe Schuldenlast, die den Konzern drücken wird. Eon-Experten wie Erkan Aycicek von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) schätzen, dass das Verhältnis von Netto-Verschuldung zu Rohgewinn auf deutlich über 3,5 ansteigen wird. Ein Wert über drei gilt bereits als problematisch. Die Rating-Agenturen prüfen bereits eine Herabstufung.

(foto: eon)