Kolumne
07.07.2014

Die Kosten-Revolution

Valentin Kaden

Unser Kolumnist Gerard Reid: Sonnenenergie wird sehr schnell günstiger – und überholt Kohle und Gas als Energieträger für neue Kraftwerke.

Nur unter Protest besuchte ich vor nunmehr zehn Jahren die Modulfabrik von Solon in Berlin-Neukölln; ein potenzieller Investor und Kunde wollte unbedingt meine Meinung hören. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) war noch jung und gewährte damals Einspeisevergütungen zwischen 46 und 60 Cent pro Kilowattstunde Solarstrom – viermal so viel wie für Windstrom. Das könne gar nicht tragfähig sein, sagte ich meinem Kunden. Doch der blieb hartnäckig, und so besuchte ich schließlich das Neuköllner Werk. Ich war alles andere als beeindruckt, der Produktionsprozess erschien mir chaotisch, alles wurde noch von Hand gefertigt. Ich zweifelte am Verstand des Investors – bis ich mit dem Management und dem Hauptgesellschafter sprach. Als ich das Werk verließ, war ich überzeugt: Diese Technologie wird unsere Welt revolutionieren. Unser Kunde investierte und verdiente eine Menge Geld. Aber damit nicht genug.

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2004 mussten für ein Megawatt Solarenergie rund sechs Millionen Euro aufgebracht werden, heute braucht man dazu nur noch eine Million Euro. Diese Kostenrevolution ist Folge massiven Wettbewerbs auf allen Ebenen der solaren Wertschöpfungskette: Siliziumproduktion, Modulherstellung, Messtechnik, Wechselrichter, Installationsmethoden und schließlich auch Finanzierungsstrukturen. 

Der Weltmarkt boomt, die jährlich neu installierte Leistung schnellte seit 2004 von 1,1 auf 36,4 Gigawatt im vergangenen Jahr empor. Und 2013 belegte die Photovoltaik erstmals Platz eins unter den Erneuerbaren. Die Solarindustrie brauchte nur zehn Jahre, um bei den Gesamtkosten das Niveau der Onshore-Windindustrie zu erreichen – die dafür fast 30 Jahre benötigt hatte. Weitere Kostensenkung ist in Sicht, wenn die Wirkungsgrade kommerzieller Solarmodule, derzeit bei 18 Prozent, auf jene 40 Prozent steigen, die heute schon Hightech-Module in modernen Satelliten erreichen.

Die Kosten für ein Watt installierter Solar-Leistung werden bis 2017 auf rund 99 Dollarcent sinken, prognostiziert das US-Unternehmen First Solar. Das impliziert Erzeugungskosten von sechs Dollarcent (vier Eurocent) je Kilowattstunde an den sonnigsten Standorten. Sogar im nicht gerade sonnenverwöhnten Großbritannien, mit den europaweit höchsten Großhandelsstrompreisen von 65 Euro pro Megawattstunde, ist die Netzparität beinahe erreicht. Die Solarrevolution lässt sich nicht stoppen, auch wenn einige Versorger oder Regierungen dies versuchen. Insbesondere in Entwicklungsländern wird die künftige Energieversorgung einen solaren Kern haben. Drumherum wird es Kleinstnetze und Hybridlösungen (Solar und Diesel, Solar und Wasserstoff usw.) geben.

Für 2016 prognostiziert First Solar 52 Gigawatt neu installierte Leistung, andere Marktbeobachter sogar 55 bis 60 Gigawatt. In der Vergangenheit erwiesen sich die meisten Prognosen, meine eigenen eingeschlossen, als zu vorsichtig; das tatsächliche Wachstumstempo war noch höher. Die 50-Gigawatt-Marke ist eine große, bedeutsame Zahl: Mit dieser Menge an neu installierter Leistung wird die Solarenergie endgültig zum Game-Changer – der Kohle und Gas als Haupterzeugungstechnik überholt.

Siemens, General Electric, Mitsubishi und all die anderen Technikriesen machen kaum Geschäfte auf dem Solarmarkt. Sie sind auf große, zentrale Projekte fixiert. Doch ihre Aktionäre werden sie schon bald dazu drängen, sich stärker im Solarbereich zu engagieren. Das wird für diese etablierten Unternehmen ein schwieriges Unterfangen.Siemens-Vorstände können davon ein Lied singen: Mehrfach hat der Münchner Konzern in den vergangenen zwei Jahrzehnten versucht, eine eigene Solarsparte aufzubauen – und ist jedesmal nach dem Einstieg wieder ausgestiegen. 

In der Zwischenzeit haben Firmen wie First Solar, Sunedison und Solarcity den Umgang mit der Technik längst perfektioniert. Deutschland, das ist die gute Nachricht, beheimatet eine ganze Reihe von Weltmarktführern, zu denen der Projektierer Juwi, der Wechselrichterhersteller SMA, der Siliziumlieferant Wacker und der Kraftwerkebauer Belectric gehören. Zudem existieren viele hochinteressante Hightech-Schmieden wie Younicos oder Heliocentris. Diese Firmen haben riesiges Potenzial in einem lukrativen Markt – und müssen nun ihre PS auf die Straße bringen.

 

 

Gerard Reid zählt weltweit zu den Top-Analysten im Bereich Energie. Für die Investmentbank Jefferies baute er den Bereich Renewables auf. Anschließend gründete er in London mit Alexa Capital seine eigene Beratungsgesellschaft und nahm eine Finance-Professur am renommierten Imperial College an. 2011 erschien sein Buch „Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit“.

Gerard Reid
Keywords:
Solon | Solar | Solarenergie | erneuerbare Energien | EEG | Erneuerbare-Energien-Gesetz | Solarworld | Sunedison | Solarcity | Siemens | General Electric | GE | Mitsubishi
Ressorts:
Finance | Markets

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