Portrait
04.12.2012

Die Langstreckenläuferin

Foto: Mainova

Nun ist es offiziell: Wie BIZZ energy today bereits berichtete, übernimmt die Mainova-Managerin Marie-Luise Wolff den Vorstandsvorsitz beim Darmstädter Regionalversorger HSE. Portrait einer Ausnahme-Managerin.

Privat schlüpft Marie-Luise Wolff gern in ihre Joggingschuhe und läuft lange Strecken im Frankfurter Stadtwald. Beruflich hat sie bereits viel Ausdauer bewiesen. 

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16 Jahre lang arbeitete sich Wolff in der von Männern dominierten Energiewirtschaft kontinuierlich nach oben. Seit drei Jahren ist sie dort eine Ausnahme – als Mitglied im Vorstand eines deutschen Versorgers. „Management ist Langstrecke“, sagt Wolff.

Als Vertriebschefin der Frankfurter Mainova Stadtwerke braucht sie in der Tat einen langen Atem. In der Mainmetropole können Kunden zwischen 500 Stromtarifen von 120 Anbietern und 350 Gastarifen von 90 Anbietern wählen. Rein statistisch ist die Wahrscheinlichkeit von Kundenzugewinnen gering, die für Verluste hoch. Jene Zeiten, in denen sich Strom und Gas wie Brot und Milch von selbst verkauften und Kunden eher Bittsteller waren, sind seit Beginn der Liberalisierung 1998 passé. Wolffs Fazit lautet: „Wir müssen heute um jeden einzelnen Kunden werben.“

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Der Marktanteil der Mainova liegt im Stadtgebiet aktuell bei immerhin über 80 Prozent. Diese Marke will Wolff vor allem durch ausgeprägten Kundendienst verteidigen. So besucht sie jedes Jahr rund 200 Geschäftskunden vor Ort. Regelmäßig geht Wolff zudem ins firmeneigene Call-Center und lässt sich in Telefonate hineinschalten. Anders als die meisten Versorger betreibt die Mainova noch ein eigenes Call-Center mit rund 400 Beschäftigten. „Mir ist wichtig, dass unsere Service-Mitarbeiter dort sind, wo auch unsere Kunden leben und direkte Verantwortung für das Unternehmen tragen.“ 

Management ist eben auch Zuhören. Das hat sie bei ihrem Vater, einem Aachener Uhrmachermeister, gelernt. Als Kind war sie oft im Laden und konnte beobachten, wie das Familienoberhaupt sein Geschäft betrieb. „Da war es ganz selbstverständlich, dass man dem Kunden zuhört – und die Dinge selbst anpackt.“ 

Ungewöhnlicher Werdegang

Und so legt Wolff auch beim firmeneigenen Kundenmagazin gern selbst Hand an, wählt Titelbilder aus und redigiert Überschriften. Da kommt ihr das Handwerkszeug der frühen Berufsjahre zupass. Nach Anglistik-Studium und ihrer Promotion über den Unterschied von Literatur- und Alltagssprache, startete Wolff ihre Laufbahn 1987 in der Kommunikation des Bayer-Konzerns. Im Folgejahr wechselte sie zu Sony Deutschland, wo sie drei Jahre später zur Marketing-Chefin aufstieg. 

1996 heuerte Wolff bei Veba an, ein Vorgängerunternehmen des Stromriesen Eon. Als Chefin der Unternehmenskommunikation arbeitete sie damals eng mit Konzernchef Ulrich Hartmann zusammen und machte sich dessen Management-Grundsätze zu eigen. „Erstens: Wir zocken nicht. Zweitens: Wir machen keine Gags!“ Mit dieser Begründung verweigerte Hartmann einst der konzerneigenen Mobiltelefongesellschaft Otelo die Mittel für die milliardenteure Ersteigerung von UMTS-Lizenzen. Wolff zitiert Hartmanns Sätze heute, um ihre eigene Strategie zu erläutern. So wird Strom nur Privatkunden angeboten, die höchstens

100 Kilometer vom Frankfurter Stadtrand entfernt wohnen. Ansonsten, so ihr Argument, explodieren die Werbekosten bei höchst ungewissem Ertrag. Und es ist nicht ihre Art, einfach mal Geld aufs Geratewohl auszugeben. Auch die von vielen Unternehmen forcierten Social-Media-Auftritte bei Facebook und Co. lehnt die Vorstandsfrau ab. Für „solche Gags“ müsste die Mainova mindestens drei Leute einstellen, erklärt Wolff. „Und keiner kann mir sagen, was unsere Kunden davon hätten.“

Auch für Wolffs Karriere war Eon-Chef Hartmann wichtig. Er ermöglichte ihr den unüblichen Wechsel von der Kommunikation ins operative Geschäft, als er sie 2002 mit der strategischen Ausrichtung der Konzerntochter Eon Sales and Trading in München betraute. Danach wurde sie Geschäftsführerin des konzerneigenen Strom- und Gasdiscounters E wie Einfach. 

Dezentralisierung der Energieerzeugung

Die Energiewende erlebt Wolff nicht nur als Stadtwerke-Vorstand, sondern auch privat als Bewohnerin eines Passivhauses, das mit Körper- und Restwärme beheizt wird. Die Stromriesen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall bezeichnet Wolff heute als „Landwerke“, da diese „fern der Kunden“ ihren Strom produzierten. Diesen Landwerken sagt Wolff eine düstere Zukunft voraus: Ihr Anteil an der Stromversorgung, derzeit bei über 50 Prozent, werde sich im Zuge der Energiewende bis 2030 glatt halbieren.

Die Dezentralisierung der Energieerzeugung, auch eine Folge von privaten Solar- und Windanlagen, ist laut Wolff nicht aufzuhalten. Die Stadtwerke dagegen könnten ihren heutigen Marktanteil von 17 Prozent sogar leicht ausbauen, sofern sie sich als Energiedienstleister aufstellten. Für Großverbraucher wie Flughäfen oder Rechenzentren seien die Kleinen zu klein, die Großen zu dominant. Wolff dazu: „Die regionale Wirtschaft schätzt die Stadtwerke als Verhandlungspartner auf Augenhöhe, wenn es um Preise, Mengen oder Energiedienstleistung geht.“

Die Vorstandsfrau wirkt bei solchen Analysen stets eloquent und aufgeräumt. Nur eine Frage bringt sie in Verlegenheit: Wie stehen Sie zu einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen? Wolff zögert. Da sehe sie viele Nachteile, antwortet sie. Schließlich sei die Frauenquote diskriminierend, wenn auch im Sinne von ‚positive discrimination‘. Daher sei sie gegen die Quote.

Natürlich fände sie es andererseits gut, „wenn wir mal ein paar Frauen mehr in Vorstand oder Geschäftsführung wären als immer nur die eine“. Die Kultur ändere sich schließlich erst dann, wenn mehr Frauen in den Entscheidungsgremien säßen. Und es klingt Ernüchterung mit, wenn sie sagt, „dass wir ohne Frauenquote wahrscheinlich noch 50 Jahre brauchen, bis wir dahin kommen“.

Dieser Artikel ist in der Doppel-Ausgabe Dezember-Januar von BIZZ energy today erschienen. Ab dem 04.12.2012 erhältlich.

Thomas Bauer
Keywords:
Mainova | HSE | Marie-Luise Wolff | Eon | BIZZ-Exklusiv
Ressorts:
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