Kommentar der Woche
01.09.2016

Die Musik spielt in Asien

Foto: Thilo Parg, Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
Für den Akku des E-Golf hat VW keine eigene Fertigung.

Deutschland ist als Standort für die Batterie- und Zellproduktion keine Option mehr ist. Warum die Bundesregierung dafür Mitverantwortung trägt. Der Kommentar der Woche von unserem Kolumnisten Ferdinand Dudenhöffer.

 

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In letzter Zeit wucherten die Spekulationen, ob der VW-Konzern eine eigene Zellfertigung für Hochleistungsbatterien aufbauen wird – um für den erwarteten Schub bei Elektrofahrzeugen gerüstet zu sein. „Das wäre ein Witz“, sagte Konzernchef Matthias Müller dazu diese Woche vor Wirtschaftsjournalisten in Hamburg und beendete so unmissverständlich alle Spekulationen. Der Konzernchef prüft genau, in welchen Wertschöpfungsaktivitäten er sich bei den so zukunftsträchtigen Hochleistungsbatterien engagieren wird. Aber Zellfertigung gehört für VW nicht dazu.

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Vor ein paar Jahren hatte Daimler gemeinsam mit Evonik im sächsischen Kamenz eine Batteriefabrik ausprobiert – mit wenig Fortune. BMW hat im Gegensatz dazu von Anfang an auf eigene Zellfertigungen verzichtet. Prominente Zulieferer wie Bosch oder Continental kaufen die Zellen zu und basteln daraus maßgeschneiderte Produkte für einzelen Kunden; sie „customizen“, wie man auf Neudeutsch in der Branche sagt.  Die benötigten Lithium-Ionen Zellen kommen von LG, Samsung, Panasonic oder anderen asiatischen Herstellern. Deutschland ist als Standort für die Zell- und Batterieproduktion keine Option, auch wenn BASF in Ludwigshafen Kathodenmaterial als wichtige Komponente für Hochleistungsbatterien erforscht und entwickelt.

Dabei hatte die Kanzlerin vor neun Jahren so verheißungsvoll begonnen. Im Rahmen einer Klausurtagung in Schloss Meseberg beschloss sie am 23. August 2007 mit ihrem Kabinett die Eckpunkte eines integrierten Energie- und Klimaprogramm (IEKP). Unter dem Dach des Nationalen Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie sollten Politik und Wirtschaft gemeinsam ein Forschungs- und Entwicklungskonzept für Batteriesysteme und Elektroantriebe entwickeln. Doch daraus wurde (fast) nichts. Fazit: Deutschland hat einen Innovationsvorteil „verspielt“, während die Kanzlerin in den Jahren permanent unterwegs war, um die Welt zu retten. Krisengipfel folgte auf Krisengipfel. Isolierter Atomausstieg und wenig erfolgreiche Energiewende, Griechenland, Banken, Flüchtlinge, BREXIT gehörten zu den Themen die Kanzlerin, aber nicht Batterieproduktion für die Elektromobilität. Bis heute waren nacheinander 14 Minister für die Meseberger-Aufgaben zuständig – allesamt ohne Wirkung. Jetzt ist es zu spät. Die Chance ist vertan. „Das wäre ein Witz“, sagt der VW-Chef. Zellproduktion ist heute für VW schlicht zu teuer und zu weit von den großen Playern im Markt entfernt. Das Know-How, die Zukunftsperspektiven und das Potential für Skaleneffekte gibt es in Asien: in China, in Japan und in Südkorea. Aber eben nicht mehr in Deutschland. Dieser Zug ist abgefahren, und das ist traurig.

 

Über den Autor: Ferdinand Dudenhöffer, seit vier Jahren regelmäßiger bizz-energy-Kolumnist, hat gerade ein lesenswertes Buch über die Zeitenwende in der Autoindustrie (Titel „Wer kriegt die Kurve?“) geschrieben, das am 8. September im Campus-Verlag erscheint. Der Autor ist Direktor des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Keywords:
VW | Volkswagen | BMW | BASF
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...ein Hinweis zum Artikel:
Daimler hat in besagter Fabrik in Kamenz nicht nur einen Versuch mit wenig Fortune unternommen, sondern wird dort die Produktion der Akkus für Elektrofahrzeuge, Großspeicher (Netzstabilisierung) und Heimspeicher sogar weiter ausbauen. Damit ist Daimler der einzige deutsche Hersteller von Stromspeicher auf Basis der Li-Ionen-Technik. Die 100 % Tochterfirma Deutsche ACCUmotive GmbH & Co. KG investiert gerade 500 Mio. € zum Ausbau des Werks, Anfang März diesen Jahres in verschiedenen Medien publiziert, was eine Verdreifachung der Produktions- und Lagerfläche bedeutet. Die 2016 neu gegründete Daimler-Tochter Mercedes-Benz Energy GmbH wird sich zukünftig um die Entwicklung und den weltweiten Vertrieb der stationären Energiespeicher übernehmen.

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