Mieterstrom
31.01.2019

Die Sonne scheint noch nicht für alle Mieter

Foto: Heinrich Holtgreve
Im Berliner Möckernkiez haben sich 80 Prozent der Bewohner für den Mieterstromtarif entschieden – ein vergleichsweise hoher Wert. Den Strom produzieren PV-Anlagen und ein Blockheizkraftwerk.

Mieterstrom könnte für Mieter, Wohnungswirtschaft und Energieversorger eine Win-win-Situation sein, doch viele schrecken davor zurück. Warum der Energieanbieter Naturstrom und der Versorger Mainova damit erfolgreich sind.

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„Warum sollte jemand keinen Mieterstrom wollen?“, fragt Harald Wenzel. Der 64-Jährige steht im Innenhof des Berliner Möckernkiezes. Der 7.000-Quadratmeter- Komplex in Kreuzberg ist das größte genossenschaftliche Wohnprojekt Deutschlands. Wenzel ist einer von rund 400 Mietern, die im vergangenen Jahr das neue Quartier bezogen haben. Für den Deutsch- und Musiklehrer war sofort klar, dass er Strom aus dem Blockheizkraftwerk (BHKW) und den Photovoltaik-Anlagen (PV) des Möckernkiezes nutzen will – zum günstigen Mieterstromtarif.

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Gleiches wollen die meisten Mitglieder der Genossenschaft. „Wir haben hier eine Teilnahmequote von 80 Prozent“, sagt Maximilian Seget vom Ökostromanbieter Naturstrom, zuständig für das Energiemanagement der Anlage. „Das ist richtig gut.“ Bei Mieterstrom-Projekten, die in bestehenden Gebäuden realisiert werden, liege die Quote oft deutlich darunter. Anders als Erstbezieher haben Bestandsmieter meistens schon Stromverträge – und müssen sich daher nicht mit der Wahl eines Stromtarifs befassen. 

Mehr Mieter wünschen sich lokal erzeugten Strom
  
Als Mieterstrom wird Strom bezeichnet, der in zum Gebäude gehörenden Anlagen erzeugt und direkt an die Mieter geliefert wird. Nicht verbrauchte Energie wird ins Stromnetz eingespeist und vergütet. 40 Prozent der Mitglieder des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) wollen laut einer Umfrage in Zukunft Mieterstrom anbieten, immer mehr Mieter wünschen sich lokal erzeugten Strom. Mieterstrom gilt als ideales Werkzeug, die Energiewende in den Städten voranzutreiben. Denn die Ökoenergie wird dort erzeugt, wo sie auch verbraucht wird – Stichwort dezentrale Energieversorgung. Außerdem könnten Mieterstrommodelle ein Bestandteil von Quartierskonzepten sein und den Weg in die Smart City ebnen.

Möckernkiez-Mieter Harald Wenzel
Möckernkiez-Mieter Harald Wenzel: „Warum sollte jemand keinen Mieterstrom wollen?“
Foto: Heinrich Holtgreve
Im Idealfall haben alle Beteiligten etwas davon: Die Mieter, die sich demokratisch und direkt an der Energiewende beteiligen können, ganz ohne Eigenheim. Die Wohnungsbau- gesellschaften, die damit ihr Image pflegen und kleine Erlöse aus der Verpachtung der Dachflächen erwirtschaften können. Und die Stromversorger, die sich neue Geschäftsfelder erschließen und den Mieterstrom-Kunden gleichzeitig auch Netzstrom, Wärme, E-Ladesäulen und Sharing-Konzepte verkaufen können. 

Ernüchternde Bilanz

Dennoch sind Projekte wie der Möckernkiez noch selten in Deutschland. Der vorherigen Großen Koalition gelang es nach monatelangem Ringen erst Mitte 2017, das Mieterstromgesetz zu verabschieden. Es sollte solchen Projekten zum Durchbruch verhelfen. Doch auch die Bilanz von 2018 ist ernüchternd: Von Januar bis Dezember wurden 306 Projekte mit insgesamt nur 6,4 Megawatt-Peak (MWp) Spitzenleistung gefördert – es ist also noch sehr viel Luft nach oben bis zur jährlichen Obergrenze von 500 MWp.

Energie-, Wohnungswirtschafts- und Umweltverbände kritisieren, dass der Mieterstrom – obwohl sozialpolitisch erwünscht – nach wie vor nicht zum Abheben kommt. Zwar dürfte die Gesamtzahl der realisierten Projekte deutlich höher sein, weil viele schon vor der Verabschiedung des Regelwerks realisiert wurden. Trotzdem ist Mieterstrom noch lange kein Selbstläufer.

Energiesammelgesetz verunsicherte die Branche

Zuletzt sorgte das Ende 2018 beschlossene Energiesammelgesetz für Verunsicherung. Demnach werden die Vergütungssätze für große Solaranlagen von 40 bis 750 Kilowattpeak (kWp) Leistung im Zeitraum von Februar bis April dieses Jahres schrittweise auf elf Prozent gekürzt. Die Einnahmen in Mieterstromprojekten sinken also, wobei die Auswirkungen umso geringer sind, je kleiner die Anlage ist.

Auf der anderen Seite soll es Erleichterungen für Mieterstrom geben: Der Bundestag erhöhte den Freibetrag für „sonstige Einnahmen“ für Genossenschaften von 10 auf 20 Prozent, wenn die zusätzlichen Einnahmen aus Mieterstromprojekten kommen. Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW), geht davon aus, dass es für Wohnungsgenossenschaften einfacher wird, Mieterstrom anzubieten: „Eine höhere Freigrenze erleichtert es Wohnungsunternehmen, Mietern preiswerten Solarstrom anzubieten – weitere Marktbarrieren für Mieterstromprojekte sollten jetzt abgebaut werden, um die Energiewende in die Innenstädte zu holen.“

Viele Hürden bleiben

Trotz allem bestehen aus Sicht der Kritiker immer noch zu viele Hürden und Unwägbarkeiten.  „Den Mieterstromzuschlag nehmen zahlreiche Unternehmen erst gar nicht in Anspruch, weil die Hürden, um ihn zu bekommen, unserer Meinung nach viel zu hoch sind“, sagt etwa Michael Ebling, Präsident des Verbands der kommunalen Unternehmen (VKU). Und Naturstrom-Energiemanager Seget bilanziert: „Mieterstrom bringt einigen Aufwand mit sich, da in den meisten Netzgebieten die nötigen Prozesse noch nicht etabliert sind. Da leisten wir Pionierarbeit, was zuweilen auch ziemlich anstrengend ist.“

Aus ökologischer Überzeugung sei Mieterstrom aber nur zu befürworten: „Wir bringen damit die Energiewende in die Innenstädte und schaffen eine viel direktere Beziehung zum Stromverbrauch. Die Mieter sehen: Das ist nicht der anonyme Strom aus der Steckdose, sondern der kommt bei Sonnenschein wirklich aus der Solaranlage.“  

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Keywords:
Mieterstrom | Solarstrom | Sonnenenergie | Photovoltaik | Wärmewende
Ressorts:
Governance | Markets

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